Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 31 Berlin, 2. August 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung -erscheint w,öchentlich.- Abonnements-Preis: durch den Sud}« Handel o^er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S M. — Postscheckkonto 32^. vegrSndet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps«» Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Uuäolk Nosse, verlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse : Verlag der „Allgem. Zeitung des Iudentum»",. Berlin 8HV.. Ierusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Heiltemann Vogelstein als Bibelforscher. Von Gottlieb tßtltlULL. Klein in Stockholm — Die Woche. — Geh. Justizrat Eugen Fuchs. — Düs Wiedererwachen der hebräischen Literatur im 19. Jahrhundert. Von Dr. S. Ochser. — Henrik Wergeland und Steinheim. Aon Dr. L.ucas-Elogau. — Ahnenlied. Von Hugo Salus. — Feuilleton: Vergeltung. Von Albert lkatz. — Literarische Mitteilungen. — .Buchereinlauf. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentnms*). Berlin, Memel, Posen, Hohensalza, Tempelburg (Pommern), Breslau, Magdeburg, Düsseldorf, Regensburg, Wien, Kielv, New York. — Von Nah und Fern. heinemsnn Vogelltem sls Mbelkorlcher. . Von .G o.t t l i e b Klein, Stockholm, ald jährt sich der Todestag des unvergeßlichen Freundes Heinemann Vogelstein. Wir, die wir seine kindliche Frische und ewige Jugend gekannt und bewundert, wir, die wir den Siebzigjährigen noch voll, von Entwürfen und Plänen begeistert und begeisternd wirken sahen, wir haben es noch immer schwer, uns mit dem trüben Gedanken vertraut zu machen: Vogelstein ist nicht mehr! Doch das Wort unserer Weisen beherzigend, daß die Gerechten auch, nach ihrem Tode fortleben, will'ich anstatt zu klagen, auf ein Werk des Verstorbenen Hinweisen, durch das er berufen wurde, auch nach seinem Tode zu leben und segensreich zu wirken. Ich will nämlich zur wissenschaftlichen Vertiefung in sein Buch „Der Kamps zwischen Priestern und Leviten seit den Tagen Ezechiels", Stettin. 1889, Verlag von Fr. Nagel, anregen. . Dieses Buch ist, wie von einer streng wissenschaftlichen Arbeit nicht anders, zu erwarten ist, sine ira et studio geschrieben worden. Und doch ist es aus gleicher Wurzel erwachsen wie der Sturm und Drang des Vogelsteinschen Kampfes um die Begründung, Befestigung und Verbreitung der Zentralidee des liberalen Judentums. . Wohl hat auch er die Konsequenzen seiner wissenschaftlichen Resultate für das religiöse Leben nicht voll und ganz gezogen. Doch seine Schuld war das nicht.. Er hat, soweit die Zeitumstände es gestatteten, als wackerer Streiter das seinige . getan. Seinen Nachfolgern hater in dem Buche, dessen Hauptgedanken ich hier hervorheben will, deutliche Fingerzeige gegeben, in welchem Geiste die Richtlinie n des. lib eralen I u den t u m s abgesaßt werden sollen. . ' Der Verfasser beabsichtigte „eine. Geschichte der Priester und Leviten von Ezechiel bis zum Untergänge des jüdischen Staates zu schreiben, und die wichtigsten Phasen des Kampfes zwischen den Söhnen Ahrons und den übrigen.Söhnen Levis zu schildern"/ — Wir müssen sagen,. daß er. seine Absicht aufs glänzendste ausgeführthat. Die Form! betreffend, so merkt der - Uneingeweihte es: kaum, daß wir es! mit: einer.! auf. .tiefen, wissenschaftlichen Studien ruhenden originellen Arbeit zu tun haben. Die an sich so trockene Materie wird mit dramatischer Lebendigkeit so dargestellt' daß wir uns mitten im Kampfe der Parteien zu befinden glauben. Wir sehen auf der einen Seite die „Söhne Ahrons" für ihre Ehre, für ihre Macht und für ihr Brot kämpfend. Und auf der andern Seite sehen wir die armen, degradierten Leviten im Kampfe ums Dasein alle möglichen Mittel anwenden, um auch für sich ein Plätzchen an der Sonne zu erobern, um auch für sich einige Sporteln zu ergattern. ■ In der Hauptsache handelt es sich um folgendes: Im 18. Jahre Josias wurde das Gesetzbuch, unser Deuteronomium, im Tempel gesunden. Auf Grund dieses Buches hat Josia, von der Prophetenpartei unterstützt, sein Reformwerk ausgesührt. Er hat sämtliche Kultusstätten des Landes für illegitim, erklärt. Fortan sollte der Tempel in Jerusalem als einzig sichtbarer Hort des Jahwedienstes gelten. Die Höhenpriesterdie bis jetzt' den Dienst in den außerjerusalemischen Heiligtümern versahen, sollen indes nicht brotlos gemacht'werden. . Deuteron. 18,6 trifft folgende Bestimmung zu ihren Gunsten: „Wenn nun ein Levit aus irgendeiner deiner Ortschaften in ganz Israel, woselbst er sich als Fremdling aufhält, an die Stätte kommt, die Jahwe erwählt hat —und er kann kommen, ganz wie ihn sein Herz treibt! — so darf er im Namen Jahwes seines Gottes Dienst tun, so gut wie alle seine Brüder, die Leviten, die dort im Dienste Jahwes stehen. Zu gleichen Teilen sollen sie die Einkünfte daselbst,genießen." Diese wohlwollende Bestimmung war indes nicht im Geiste'der Prie,rerschaft, und sie tat schleunigst das ihrige, um derselben einen Riegel vorzuschieben: sie schlossen die fremden Priester gewaltsam von der Beteiligung am Opferdienste aus. Dieser Egoismus der Priester hatte die Beseitigung' der josianischen Reform zur Folge. Die gewaltsam geschlossenen Kultusstätten feierten ihre Auferstehung und blieben bis zum Untergänge des Reiches Juda vielbesuchte religiöse Anziehungspunrre für die in ihrer Nachbarschaft wohnende Bevölkerung,'wenngleich der Tempel in Jerusalem sein schon früher behauptetes Vorrecht in erhöhtem Maße geltend machte. Mittlerweile brach die Katastrophe ein. Der Streit zwischen Priestern und Leviten wurden übertönt von dem Jammer eines ganzen Volkes, dessen Existenz in Frage gestellt würde. Jerusalem war gefallen, der Tempel wurde ein Raub der Flammen. Mit dem Reiche Judas war es zu Ende — aber nicht mit den Juden und nicht mit ihrer Religion. ' Dank den P r o pheten, die das Werk Mose fortgesetzt, hat das schwerge-^.. prüfte Volk einen Schatz mit in die Fremde bekommen, Der imstande war, es vor moralischer Versumpfung .zu bewahren und ,ihm ein sittliches Ideal vor Augen zu halten, i Aber freilich war nicht der Prophetengeist der einzige Schutz- - engel in . einer' sie umgebenden seindlicken Welt. Das Volk bedurfte auch' des Priesters/ Aber