Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Arbeiter mit an der Spitze, überall hervorragend, oft bahnbrechend und mehr oder weniger willig anerkannt. Wahrlich, ich möchte fast sagen: nicht vor einem Fortschritt stehen wir bewundernd, sondern vor einem Umsturz, vor einer Entwicklung, wie sie gewaltiger kaum jemals in der Geschichte sich ereignet hat. Kennt ihr das alte Haggadawort: Dajjenu?! , Wenden wir uns dem sozialen und politischen Leben zu. Ist nicht auch da dieselbe, in der Geschichte säst beispiellose Wandlung zu konstatieren? Der Jude, dieser Paria, der sich vor noch nicht vielen Jahrzehnten in der Oefsentlichkeit nur zitternd und zagend blicken lassen durste, dem die Geschicke seines Landes, der Stadt, in der er lebte, fremder waren, als dem fremdesten Ausländer, dieser Jude darf heute ein gewichtiges Wort mitsprechen, wo es gilt, über Wohl und Wehe der geliebten Heimat zu wachen und zu beraten.-Also auf allen Gebieten menschlichen Strebens ein Fortschritt, wie ihn in so kurzer Frist noch nie ein Volk erlebt hat. Müßte das kleine Wörtchen, das unsere Väter unter Tränen, in Elend und Qual zu sprechen nie unterlassen haben, heute nicht tausendfältigen Widerhall unter uns finden, nahezu in allen Ländern und allen Weltteilen: Dajjenu, Dajjenu!! Warum aber doch die ewige Klage, das Jammern, die mürrische Unzufriedenheit? Weil wir uns inehr versprochen haben, als in Erfüllung gegangen ist? Das wäre doch wahrlich viel zu töricht! Wem hat denn je das Leben alles gegeben? Keinem Volke und keiner Familie. Mußte es denn nicht so kommen, wie es kam? Was heißt doch Minderheit sein? Anders sein als die Mehrheit, in irgendeinem und zwar sehr wichtigen und in die Augen springenden Punkt anders denken und fühlen als' die Mehrheit. Begreifst du nicht, daß sich die Mehrheit dafür bei erstbester Gelegenheit an dir rächt, daß sie, bewußt oder unbewußt, empört ist über diese Minorität und sie an die Wand drückt, wie sie ihr zu groß zu werden scheint?! Pflicht ist nur das Joch der Minderheit stolz zu tragen. PÜissen, daß ich nie so breit und wohlgenährt wie die anderen am grünen Tische sitzen werde, daß mir Pfründe und Würden niemals in den Schoß fallen; wissen, daß ich mir hart erkämpfen muß, was einer der Mehrheit spielend erreicht, es bezahlen muß mit Striemen an Leib und Seele, bezahlen mit meinen Nerven und einem Teil meiner Seelenruhe — — und das Joch dennoch tragen! Es tragen mit Stolz und Freude! Nicht nur, weil aller Segen, alle Kultur, aller Fortschritt in der Menschheit stets nur die Tat der Minderheiten war, nicht nur, weil auf der Minderheit jede Weltgesittung sich ausbaut, sondern auch, und das vor allem, weil ich von dem Wert dessen, das mich ch a r a k t e r i st i s ch zu etwas anderem stempelt als die Mehrheit ist, für mich und durch mich für die Menschheit überzeugt und durchdrungen bin. Und dieses charakteristische Etwas ist unsere Religion. Nichts anderes als unsere Religion. Laß sie schwinden und in einigen Jahrzehnten, bist du Mehrheit, satte, übersatte Mehrheit. Vergebens der Nus der Geschichte, des Charakters, der Pietät, der Rasse; gib aus. die Religion, das an ihr, was sie und dich charakterisiert, und du bist gewesen. Selbst im eigenen Lande, als geschlossene Nation wäre Israels Existenz ohne diesen alles beherrschenden Geist nur eine vorübereilende Erscheinung. Weil aber der moderne Jude alles hat, nur nicht Religion, nur nicht seine Religion, darum will er nicht mehr das Brot der Minoritäten essen.. Das ist der springende Punkt in allen Fragen, die die Judenheit unserer Tage betrifft. Gewiß, kämpfen sollen wir gegen das Joch, kämpfen mit jener grandiosen Beharrlichkeit, die eine tüchtige Minderheit auszeichnet; wir wollen nicht unbeachtet in der Ecke stehen, wollen mittun, einen Platz im Reich der Sonne uns erringen. Aber nicht vergessen wollen wir, daß. ein Rest, da größer, da kleiner, stets bleiben wird und bleiben muß, soll Minderheit sein Existenzsinn haben und die Minderheit die Erkenntnis von ihrem Werte nicht verlieren, sich und der Menschheit zum Segen. Dajjenu! .; Dir Mockr. Berlin, 25. März 1912. ine ebenso innerlich bedeutsame wie äußerlich glanzvolle Erklärung ist gegen das abscheulrche und in seinen Folgen so verderbliche. Märchen vom Ritualmorde jüngst von den Zeitungen veröffentlicht worden. Sie lautet: Am 12. März 1911 wurde der Knabe Andrejew Justschinski in Kiew ermordet. Sein Mörder wurde trotz vieler Bemühungen -bisher in zweifelsfreier Weise nicht entdeckt. Schließlich ist ein Jude als Täter verhaftet worden, und die Untersuchung gegen, ihn schwebt. Ob dieser Jude der Mörder ist, darüber können wir nicht urteilen. Es wäre unstatthaft, einem schwebenden Rechtsverfähren vorzugreifen, noch dazu, wenn es in einem fremden Staate anhängig ist. Eins aber zwingt uns in unserem Genüssen, zu jenen Vorgängen in Kiew Stellung zu nehmen. Die Agitation der Straße hat diesen Vorfall gierig aufgegriffen und behauptet dreist, der Knabe Justfchinski sei von Juden abgeschlachtet, um ihm sein Blut abzuzapfen, und um dieses Blut gemäß einem angeblichen jüdischen Religionsgesetze für rituelle Zwecke zu verwenden.' Dieser gewissenlos in das Volk getragene Wahn hat vom Mittelalter an bis in die neueste Zeit immer wieder entsetzliche Folgen hervorgerufen. Er hat die ungebildete Volksmasse zu grausamen Judenmassakers verführt, und irregeführte Scharen haben sich durch diesen Wahn mit dem unschuldigen Blut ihrer Mitmenschen besudelt. Und doch ist niemals für die Berechtigung dieses Wahnglaubens auch nur der Schatten eines.Beweises erbracht worden. Die angesehensten christlichen Kenner des jüdischen Schrifttums haben einwandfrei nachgewiesen, daß zu keiner Zeit die Juden durch ihre Religion zum Morde ihrer Mitmenschen angestiftet wurden. Wir halten es für die Pflicht eines jeden, dem der sittliche Fortschritt der Menschen am Herzen liegt, gegen solchen traurigen Aberwitz die Stimme zu erheben. Wir schließen uns damit dem Warnruf der -angesehensten russischen Gelehrten, Schriftsteller und Künstler an in dem Bewußtsein, daß solche Warnung an keine Grenzpsähle gebunden ist. Sie muß Herzenssache der. g es amten Kulturwelt sei-n. 19. März 1912. So beschränkt unser Raum auch ist, so halten wir es doch für unsere Pflicht, die Namen sämtlicher Unterzeichner hier zu bringen, um auch unser Blatt mit dieser Ehrentafel gerechter und freidenkender Männer zu schmücken. Die Liste verzeichnet nach dem „Berl. Tagebl." folgende Namen: Geh. Kommerzienrat Johann Andreae, Präsident der Handelskammer Frankfurt, Generalkonsul von Rumänien, Frankfurt a. M. Se. Exzellenz Wirkl. Geheimer Rat Dr. Otto Back, Unterstaatssekretär z. D-, Präsident der Ersten Kammer von Elsaß-Lothringen, Kurator der Kaiser-Wilhelms-Universität, Straßburg. Geh. Justizrat Professor Dr. L. v. Bar, Göttingen. Rechtsanwalt und Stadtrat Ernst Bassermann, M. ^d. R., Mannheim. Albert Bassermann, Schauspieler, Berlin. Kommerzienrat Beer, Obervorfteher der Kaufmannschaft, Königsberg i. Pr. Geh. Hosrat Dr. Karl Bezold, Professor an der Universität Heidelberg. Dr. A. E. Berger, Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt. Professor Dr. A, Binz, Rektor der Handelshochschule, Berlin. Schulrat Dr. Blumberger, Köln a. Rh. Rechtsanwalt Dr. Gerhart Bollert, M. d. R., Berlin, Dr. theol. Rath anael Bonwetsch, Professor an der Universität, Göttingen. K.K. Hosrat Dr. Eugen Bvrmann, Professor an der Universität, Wien. Professor Dr. theol. Wilhelm Bornemann, Pfarrer an St. Nikolai, Frankfurt a. M. Dr. theol. Wilhelm Bousset, Universitätsprofessor,