Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Allgemeine verUa, 29. März 1912 76. Jahrgang Nr., 13 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk vilosse» verlin, Jerusalemer Strasse 4S/4S Alle Zusendungen fLr Reduktion - und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung ''ües Judentums", Berlin S\V„ Jerufalenier Straße zu rich en. Verlag von Rudolf >rNosfe, Verlin. Diese - Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch den Buchhandel o" er die Post (in Berlin und vor^ orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32^. RntlSllr Dajjenu. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. — Die Woche — Adolf Wiener. 7— Ein jüdischer Kaufmann 1831—1911. Von Louis Lamm-Berlin. — Meine Erinnerungen an Gustav Karleles. Von Clemens Berg. — Die Juden von Venedig. Von Margarete Marasse. — Feui lleton: Leschono haboo bijruseholojirn. —Hennatlos. Von Leo Herzberg - Frankel. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote sBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, .München, Seesen am Harz, Kassel, Hannover, Kiew. — Von 'Nah irnd Fern. Dsjjrnu. Von Dr. I. Ziegler- Karlsbad. ennt ihr noch das alte Wörtchen? Erinnert ihr euch noch, wie ihr es als Kinder in dem alten singenden Tonfall refrainmäßig eurem Vater am Sederabend nachsagtet! „Wieviel gutes hat Gott an uns getan! Hätte er uns nur aus Aegypten geführt-dajjenu! ..... Hätte er dann nur das Schilfmeer vor uns gespaltet — — dajjenu! . . . . . Hätte er uns nur fein Sabbatgebot gegeben, uns nur an den Sinai geführt-- dajjenu, dajjenu!" Soll ich das Wörtchen übersetzen? wozu?! Wer es nicht. mehr versteht, Überschläge dieses Blatt, es ist nicht für ihn geschrieben; wem es noch Erinnerungen an einen poesievollen Abend auslöst, oder noch heimlich-traute Gegenwart ist, dem braucht es nicht übersetzt zu werden. Welche Verdeutschung könnte denn den tiefen Sinn des Wortes wiedergeben! Und es sagt auch heute noch vielen manches und manchen gar vieles. Die alten Römer hatten eine Gottheit, die mit einem Doppelgesicht versehen war. Janus nannte man sie. Das eine Gesicht mit schmerzdurchwühlten Zügen war das Wahr- | Zeichen des Krieges, das andere voll glücklicher Seeligkeit kündete den Frieden. An dieses Doppelgesicht muß ich denken, wenn ich das Sichgeben eines modernen, in. guten Verhältnissen lebenden Juden beobachte. Individuell genommen, heiter, srohgestimmt und guter Laune. Er läßt weder sich, noch ..seiner Familie irgendein Vergnügen abgehen, ist überall zu sehen, wo etwas los ist, macht alle Sporte, alle Vergnügungen mit, unternimmt Lust- und Erholungsreisen, arbeitet und schasst auch tüchtig und stxebsam. Mit einem Wort, ein Menschvon dem man sagen kann, er verstehe des Lebens ernste und heitere Seite in rechtem Maß auf sich zu nehmen. Kaum aber hebt dieser selbe Mann an, von der Judenheit, der er angehört, oder vom Judentume zu. sprechen, vollzieht sich eine unheimliche Wandlung an ihm: die . Züge werden schlaff,. gramdurchsurcht, die Augen -getrübt, tränenschwer; Schmerz, Kummer, Aer'ger, Zorn lagern auf dem ganzen Antlitz. Und aus seinem Munde quillt hervor die Jammerklage über das große Unglück, als Jude geboren zu sein: man wird gesellschaftlich ausgeschaltet, sein Talent werde nicht anerkannt, seine Tätigkeit bleibt unbelohnt, die Kinder kommen nicht ordentlich vorwärts, müssen doppelt leisten um ans halbe Ziel zu kommen, die höheren Würden in Staat und, Stadt sind ihnen verschlossen und so die Freude am Dasein und an seinen höheren Zielen ,verkümmert: es ist ein Jammer, so trostlos als Jude in der Welt umherzuirren!! Da frug ich mich oft und oft: Wie ist das zu verstehen? Wie können in einem Menschen derart zwei Seelen wohnen? Wie kann nur ein Mensch individuell so frohgemut sein und zugleich als Jude so tiefbetrübt?! Ist die Klage wirklich berechtigt, steht es wirklich so traurig um uns Juden? Da steigt plötzlich ein -kleines Wort aus der Versenkung empor, aus duftigem Schleier in Gold und Silber gewirkt halten es Seraphe mir vor Augen und leise, leise zuerst, dann immer stärker erschallt aus ihrem Munde das Wort: Dajjen u! v Und ich vergleiche. Wie steht es heute um den wirtschaftlichen Fortschritt innerhalb der Judenheit? Arme Trödler oder Hausierer waren unsere Voreltern. Von allgemeiner Wohlhabenheit war keine Rede; versagt war ihnen jede höhere' kommerzielle und technische Beschäftigung^ Ackerbau und Industrie, Besitz von Haus und Hof verboten, oder nur unter' den erschwerendsten Bedingungen möglich. Und heute? Entsprechend der allgemeinen Besserung, vielleicht sogar in noch höherem Maße, haben sich auch unsere Wohlfahrtszustände wesentlich gehoben. Ungestört können wir uns allen freien Berufen widmen, frei steht uns und unfern Kindern Erwerb- Gewerbe, Handwerk, Industrie, Ackerbau, Land- und Hausbesitz. Ist das so wenig für eine Zeit von kaum mehr als j 60 Jahren? Müßte nicht auch aus unserem Munde ertönen das alte, kleine so vielsagende Wort: Dajjenu?! Betrachten wir das geistig-kulturelle Leben unserer Zeit und die Stellung des Juden in demselben. Hat der frühere Jude hierin überhaupt etwas mitzureden gehabt? Noch viel weniger als im wirtschaftlichen Getriebe. Man ging über ihn hinweg, als existierte er nicht; und der'Jude wieder, er hatte zwar seine eigene religiöse und ethische Kultur, eine Kultur - voll Tiefe und Schönheit, aber das Allgemeine war für ihn nicht vorhanden. Als Moses Mendelssohn mit seinen deutschen Schriften in die deutsche Philosophie seiner Zeit eingrisf, wurde das als ein noch nie dagewesenes Wunder angeftaunt niemand hätte einem Juden eine solche Fähigkeit zu- . getraut. Und heute? Gewiß, es ist lächerlich, von einer Verjudung der Kunst, der Literatur und der Wissenschaft zu sprechen, aber Tatsache ist, daß der Jude auch im Geistesleben der Menschheit ein mächtiger Faktor geworden ist. Aus allen Gebieten des geistigen Lebens stehen Juden als. wertvolle