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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Gesterrrtch-Nngarn. K. Wien, 12. Januar. Vor einigen Tagen erschienen der Präsident des Rabbinerverbandes in Böhmen, Professor Dr. KureiN-Teplitz, und der Prager Rabbiner, Dr. Schwarz, beim Minister für Kultus und Unterricht und trugen ihm die Beschwerde wegen der Nichtauszahlung der Gehälter für die Erteilung des mosaischen Religionsunterrichtes an den Volks- und Bürgerschulen in Böhmen im Jahre 1911 vor. Der Minister versprach, ihre Beschwerde tunlichst zu berücksichtigen und sehr bald zu erledigen. Es wurden bei dieser Gelegenheit einige Punkte, den Rabbinerstand in Böhmen betreffend, berührt. Der Minister zeigte sich darüber sehr informiert und sprach wiederholt seinBedauern aus über die Lage der jüdischen Seelsorger der österreichischen Monarchie. — Wiederum hat die Budapester israelitische Kultusgemeinde einen schmerzlichen Verlust erlitten: am 3. d. M. starb der ehemalige Direktor des Ungarischen Bodenkreditinstitutes Hofrat Ignatz Trebitsch im Alter von 71 Jahren. Hofrat Trebitsch wirkte an dem genannten Institut seit dessen Gründung, also seit mehr als 45 Jahren, und war der Nachfolger des ehemaligen-Ministers Luckas in der Leitung dieser großen Bank. In Anerkennung seiner großen Verdienste um die ungarische Volkswirtschaft war der Verblichene vom Monarchen durch Verleihung des Ordens der Eisernen Krone sowie des ungarischen Hofratstitels ausgezeichnet worden. Hofrat Trebitsch hat sich auch durch seinen außerordentlichen Wohltätigkeitssinn ein dauerndes Andenken gesichert. — Am 1. Januar wurde in Czernowitz (Bukowina) in Anwesenheit des Leiters der Landesregierung Grafen Thnn und der Vertreter der lokalen und autonomen Behörden das neuerrichtete israelitische Versorgungshaus feierlichst eröffnet. Die Begrüßungsrede hielt der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Straucher. Er schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Der nächste Redner, der Ortsrabbiner, hob sodann in einer längeren Rede die großen Verdienste des Stifters des Hauses, des Herrn Landtagsabgeordneten Blum, sowie die Bedeutung der neuen Stiftung hervor. — Das „Vaterland", das berüchtigte antisemitische Organ, hat nach 52jährigem. Bestände mit dem Beginne des neuen Jahres zu erscheinen aufgehört. Keiner, der die verhetzende Tendenz und das demagogische Treiben dieses Blattes kannte, wird ihm eine Träne nachweinen. Bemerkenswert ist aber der Abschiedsgruß des böhmischen Statthalters Fürsten Franz Thun an das „Vaterland". Fürst Thun rühmt die „segensreiche" (!) Tätigkeit dieses Blattes und schließt rüit den Worten: „Seit mehr als 50 Jahren kämpfte das „Vaterland" für die katholisch-konservative Weltanschauung, für den Einklang göttlichen und weltlichen Gesetzes. Es war der Dolmetsch unserer Gefühle und setzte sich sür die Größe Oesterreichs ein" usw. Es wäre aber traurig um Oesterreich bestellt, wenn dessen Größe von dem „Vaterland" abhängig wäre. England. - 2. London, 12. Januar. In hiesigen jüdischen Kreisen sieht man der Lösung der Gbiek-Radbi-Frage nun mit der größten Spannung entgegen. Noch ist eine entscheidende Wahl nicht getroffen. Aber man ist nun doch darüber eiüig, den Oberrabbinerposten baldmöglichst zu besetzen. In der jüngst hier stattgehabten Rabbinerversammlung ist ein System für die künftige religiöse Verwaltung unserer Gemeinde von dem ständigen Komitee der Rabbinerkonferenz entworfen worden, das im wesentlichen von der sehr zahlreich besuchten Versammlung angenommen wurde. Dieses neue System, das die Befugnisse des künftigen Chief-Rabbi ganz beträchtlich einschränkt, hat in hiesigen Kreisen, wie man sich leicht denken kann, lebhafte Debatten, vitt- „Für" und „Wider" hervorgerufen. Wer aber aüch der Erwählte sein möge, so hoffen wir, daß jeder rechtlich denkende Jude dazu beitragen wird, die ohnehin sehr schwierige Stellung des künftigen Oberrabbiners nicht noch mehr zu erschweren. Es ist schwer, die geeignete Kraft zu finden. Abgesehen von der : großen Anzahl - scheinbar befähigter Kandidaten für - dieses - so ungeheuer viel Takt und Umsicht fordernde Amt, ist man sich noch nicht QtrtSjp im klaren darüber, welcher Nationalitätder künftige ChiefRabbi angehören soll. Bald soll er ein geborener -Engländer sein, bald ein die englische Sprache selbstverständlich vollkommen beherrschender Ausländer. Vielfach wird auch daran gemahnt, daß alle Israeliten Brüder seien und die Wahl nicht von politischen Momenten und nationalen Rücksichten beeinflußt sein dürfe. Wenn auch hin und. wieder Namen genannt werden, wie die des Herrn Israel Levi aus Paris oder des Herrn Dr. Joseph Abrahams aus Australien, so weiß doch .niemand bis jetzt etwas Bestimmtes zu sagen. — Während innerhalb unserer Gemeinde das Hauptaugenmerk auf die Vakanz im Oberrabbinat gerichtet ist, sind einige unserer hiesigen Glaubensgenossen zu angesehenen öffentlichen Stellungen aufgerückt. Wie Ihnen bereits mitgeteilt wurde, ist mit der Ernennung des Herrn Symmons zum besoldeten städtischen Friedensrichter zum erstenmal ein Glaubensgenosse zu diesem Amte gelangt, der seine Ausgabe nicht nur ehrenamtlich, wie es bisher geschah, zu erfüllen hat. — Es ist immer erfreulich^ von der Anteilnahme unserer Juden am öffentlichen Lehen berichten zu können. So hat die Stadt Devonport (Südengland) dieses Jahr einen jüdischen Bürgermeister in der Person des Herrn Alderman Meyer Fredman. Dieser hat stets reges und selbstloses Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten seines Bezirkes bewiesen und ist von seinen Kollegen deshalb zum Bürgermeister gewählt worden, obgleich sein Name noch nicht in weiten Kreisen Englands bekannt ist. — Auf literarischem Gebiete hat Israel Zangwill mit seinem jüngst erschienenen Buch „Italienische Phantasien" und mit seinem Drama „Th6 War God“' (Der Kriegsgott) wieder großen Erfolg erzielt. Letzteres wird im hiesigen Königlichen Theater gespielt und gibt den Hörern viel zu denken. Das Stück ist voll vom Geiste jüdischen Idealismus und insofern tendenziös, als der Dichter sür den Frieden Propaganda macht, für den Frieden im Leben der Staaten, sür den Frieden zwischen den einzelnen Individuen und für den Frieden in seiner höchsten Vollendung, den inneren Seelenfrieden des Menschen. In einer Zeit schwerer politischer Konflikte mutet das Werk des Dichters doppelt liebenswürdig an. — Zum Schluß noch eine Nachricht, die vielleicht von Interesse sein dürfte. Kürzlich verschied hier im 103. Lebensjahre in seltener Rüstigkeit des Geistes und des Körpers Frau Salomon H. Cohen. Die Verblichene, deren Gatte bei Lebzeiten eine hohe soziale Stellung bekleidet hatte, war die Großtante des Kronanwalts Sir Rufus Jsaacs. : * Von Sah und sferu. — Professor Dr. Ludwig Stein wird in der Modernen Akademie über „Kant und seine Schule" zehn Vortrage halten. Die Vorträge, die Sonnabends von 5 bis 6 Uhr stattfinden, beginnen den 20. Januar. — Der Berliner Stadtverordnete und bekannte Publizist Dr. I. Le vy feierte am 15. d. M. seinen 60. Geburtstag. Am 13. Januar war auch ein Vierteljahrhundert seit dem Eintritt Dr. Levys in den Verband der „Vossischen Zeitung" verflossen. — Herr Oscar Wassermann, der sich um die Förderung der jüdischen Wissenschaft große Verdienste erworben, ist zum Direktor der Deutschen Bank gewählt worden. — Dem Antiquitätenhändler Aron Michel in Posen ist vom Minister des ''Innern das Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen verliehen worden, ebenso hat der Kantor Nathan Bauer zu Bartschin (Kreis Schubin) für langjährige treue Dienste in der Synagogengemeinde eine ehrende Auszeichnung seitens der Königlichen Regierung erhalten. — Am 14. d. M. beging Herr Rabbiner Ellguther in Neiße sein 25jähriges Amtsjubiläum Unter herzlicher Teilnahme weiter Kreise. — Herr Sigmund Frankel, Großhändler und Kgl. Handelsrichter in München, wurde zum Kgl. Kommerzienrat ernannt. — Hofbankier Angelo v. Wassermann hat neuerdings der Stadt Bamberg 2000 Mark zugewiesen, wovon die Hälfte sofort an Arme verteilt worden ist, während der Rest füx -andere Wohltätigkeitszwecke zurückbehalten wurde. — Am 30. Dezember 1911 feierte die israelitische Gemeinde in Haßloch (Pfälz) das 75jährige Synagogenjubiläum. Die Feierlichkeiten leitete Herr -Rabbiner^E ''H'ökzer^üus- 'Worms- — In Hörde hat die Einweihung/ des. neuen israelitischen Friedhofs an der Grenze der

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