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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-12-29 · Heft 52 (29.12.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 52 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 52 - .. fiSTf ft A-f Berlin, 29. Dezember 1911 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Aeitung erscheint wöchentlich. »lents«preis: durch den Luch. Handel oder' die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich L M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»» Unter Leitung des Geheimen Begierungr-Batr Pxofeffor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. TTrrhaft ®er Weg nach Zion.. Von Ludwig Geiger. — Die tjllljuli« Woche. — Ausstellung des Berliner Künstlerbundes. Von Erich Grand. — Wo man sie am wenigsten erwartet. — Expektorationen eines Sozialisten. Von Dr. K. Lippe. — Die Juden von Toledo. Von Margarete M arasse. — Tierschutz im Judentum. Von Prof. Dr. Berits old Kohkbach. — Feuilleton: Im Nürnberger Folterturm. Von Georg I, Plotke. — Literarische Mitteilungen.— Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Beelitz, Breslau, Hamburg, Krefeld, Kassel, Mainz, Speyer, Prag, Brünn. — Von Nah und Fern. Der Weg nach Lion. m Von Ludwig Geiger. Roman von Kurt Münzer, der den oben stehenden Titel führt, bildete in der letzten Woche den Gegenstand einer richterlichen Verhandlung. Der Verleger des Äomans, Herr Axel Juncker, Verlagsbuchhändler in Berlin, war angeklagt worden, einen unzüchtigen Roman verlegt zu haben. In der Verhandlung wurde der Roman vorgelesen und nach der Verlesung die Sachverständigen vernommen. Solange die Verhandlung spielte, wollte ich meinerseits, da ich als Sachverständiger nicht berufen war, das Wort nicht ergreifen, jetzt fühle ich mich gedrungen, auch meine Ansicht zu äußern. Unmittelbar nach dem Erscheinen des Romans hatte ich in Analekten, die in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums veröffentlicht wurden, über den Roman in folgender Weise gesprochen: „In gewissem Sinne -kann man den Roman von Kurt Münzer „Der Weg nach Zion" einen jüdischen Roman nennen. Keinen zionistischen, denn unter Zion wird hier nicht etwa Palästina verstanden und den Juden die Uebersiedlung nach diesem Lande empföhlen, sondern: das neue Leben, das heißt die - schrankenlose Befriedigung des Schönheitstriebes, : des Sichauslebens, worunter besonders die Betätigung der niedrigsten Triebe verstanden wird. Was davon alles in diesem Buch erzählt wird, kann an dieser Stelle kaum angedeutet werden, und die eigentliche Handlung: das diebische Verfahren eines berühmten, übrigens christlichen Schriftstellers, der sich an dem geistigen Eigentum junger Autoren, die zufällig Juden sind, bereichert, weil er in ihnen gefährliche Konkurrenten fürchtet, soll, hier nicht näher erzählt werden.; Auch die Natur- und Gesellschaftsschilderungen des überaus dicken, an anziehenden und. abstoßenden Stellen gleich reichen Buches sollen hier nicht weiter verfolgt werden. Was uns an dieser Stelle hauptsächlich oder ausschließlich interessiert, ist das Jüdische an dem Buch. Da muß zunächst bekannt werden, daß der Leser, der auch im Zweifel bleibt, ob der Verfasser Jude ist oder nicht, bis zum Ende nicht klar darüber wird, ob das Buch für oder gegen die Juden geschrieben ist. Das erstere scheint daraus hervorzugehen, daß die Unsittlichkeit der christlichen Kreise mit starken Strichen gezeichnet wird, so daß z. B. ein protestantischer Theologe mit hämischem Behagen vorgeführt wird, der Heine Sinnlichkeit schließlich nicht besiegen kann und dadurch seines theologischen Berufes unwürdig wird. Das letzterealso das Antijüdische, zeigt sich deutlicher. Teils darin, daß Nne freilich von ihrem jüdischen Geliebten vergewaltigte, dann niederträchtig behandelte und in ihren Mutternöten entsetzlich gequälte Christin diesen ihren Verderber als Juden schmäht und verflucht, teils in der Polemik gegen jüdische Unsitten. Diese sieht der Verfasser einerseits in der schlechten Erziehung der Kinder, anderseits in dem Zwang, der auf die Verheiratung der Mädchen geübt wird. Als Typus für die erstere wird ein Ehepaar, Kommerzienrat Strauß, vorgesührt, die in einer glänzenden Villa im Grunewald leben, die Erziehung ihrer Kinder einem Hauslehrer überlassen und dadurch sich 'die Kinder entfremdend, durch den Selbstmord ihres Lieblings? Hohnes gestraft werden. Als Beispiel für die letzteren dient ein Ehepaar Unrast, kleine Kaufleute, die ihre bildschöne Tochter Rebekka an einen gewöhnlichen Ladenjüngling verschachern wollen. Wir machen auch die Bekanntschaft einer Cousine der letzteren, Ella Löwenstein, die dem gleichen Lose verfällt, es aber williger trägt als die Heldin des Buches. (Bei der Schilderung dieser jüdischen Kreise, die übrigens .einen ganz kleinen Teil unseres Buches einnimmt, zeigt sich , eine ganz offenkundige Nachahmung. von Georg Hermann, nur freilich ohne dessen Humor und ohne dessen intime Kenntnis jüdischer Dinge. Der Gegensatz besteht auch darin, . daß Hermann seine Geschichte in eine zeitlich von uns entfernte Periode legt und dadurch Wohlbehagen erregt, der neuere Autor dagegen durch die Wahl der Gegenwart uns schwer 'Glaubliches zumutet.) Die Hauptpersonen des Buches sind die Geschwister Ephraim und Rebekka Unrast. Jener, ursprünglich Hauslehrer, dabei heimlich Dichter, wird Journalist und ist der Träger der eigentümlichen Lebensphilosophie des Dichters; diese, ein bildschönes Mädchen, befreit sich von dem Zwange des Elternhauses, gibt sich. einem berühmten Schrist- - steiler hin, sinkt von Stufe zu Stufe, erhebt sich dann zur gefeierten Maitreffe eines russischen Fürsten, bis sie endlich . von ihrem Bruder erschoffen wird, denn diesem Bruder hatte sie seit langer Zeit keine schwesterlichen Gefühle, sondern die deiner Geliebten entgegengebracht. Der Traum ihres Lebens ist, von ihm Mutter zu werden, und um diesen Traum zu berwirklichen, veranlaßt, ja zwingt sie ihn fast zu dem scheußlichsten aller Verbrechen. .''Nun braucht man als,-jüdischer

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