Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-11-24 · Heft 47 (24.11.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229009--67952-3280198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

75. Jahrgang Nr. 47 Berlin, 24. November 19ll Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. r»d»I- PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regiernngr-Rats'Professor Dk. Lndwig Geig« Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Such- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag de» „Allgem. Zeitung de» Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße richten. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. ^bs an eine junge Freundin. Von Else Dorn. — Die; ****♦■ Woche. — .König Maximilian II. von Bayern und die? Israeliten. Von Dr. AdolphKohrvt. — Walter Scotts Jvanhoe. Von! Ludwig Geiger. — Hugo Salus. Von Victor Kle.mperer. — Tier-! schütz im Judentum. Von Professor Dr. BerMold KochlbaH. 7-^! Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. —! Literarische Mitteilungen. — Büch ereinlauf. — Sprechsaal. j " Der Gemeindebote (Beilage-zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums")/ Berlin, Wreschen, Neutomischel, Dresden, Elberfeld, Frankfurt a. M., Wien.- — Von Nah und Fern. Lriek sn eine junge Freundin. .! Von Else Dorn. . . Liebe junge Freundin!!^^on Deiner Hochzeitsreise aus bittest Du mich um einen Rat, einen Rat, der Dir für Dein zukünftiges Leben, von Wichtigkeit ist, und den ich Dir von Herzen gern erteile. Du hast einen jüdischen Stabsarzt geheiratet und folgst, ihm nun in seine kleine Garnison, Deine neue Heimat, die sä ganz verschieden ist von dem, Milieu, in dem Du bis jetzt gelebt hast. Als Tochter aus sehr guter jüdischer Familie hast Du in Deiner Vaterstadt, die als Sitz einer hochangesehenen jüdischen Gemeinde von alters her einen besonderen Ruf genießt, meist in den Kreisen Deiner Glaubensgenossen verkehrt, hast Deine Freunde von Jugend auf aus Deiner Umgebung gewählt und Dich in ihrer Gesellschaft wohl und glücklich gefühlt. Jetzt kommst Du, dank der Stellung Deines Mannes, in einen rein christlichen Kreis, wirst mit den Damen Eures Regiments verkehren müssen, und es bangt Dir begreiflicherweise vor all dem Neuen und Fremden. Und warum.? . Nicht etwa, - weil Deine Bildung, Dein Aussehen und Deine Umgangsformen ihrer, Kritik nicht .standhalten würden, im Gegenteil, ich glaube, daß Du darin gar manche Offiziersfrau übertriffst; nein, weil Du weißt, daß der Antisemitismus in Militärkreisen zu Hause ist, und weil Dü Dich 0 - mancher Episode aus früheren Zeiten erinnerst, die Dir zu denken gibt. Da waren vor allem die christlichen Schulkameradinnen, die Jahre und Jahre mit Dir die gleiche Bank , drückten, zu Deinen Kinderein'ladüngen kämen, mit Dir spielten, und tvllten bis zu dem Moment, wo Ihr als Heranwachsende Mädchen ins Leben tratet. Da stieg die unsichtbare Schranke auf, die Euch für immer trennte! Sie dünkten sich durch ihr Christentum besser als Du, sahen auf die „Jüdin" herab, der zufolge ihrer Abstammung der Eintritt in die.sogenannte beste /Gefellschäst der Stadt unmöglich war, und. die, 0 Schande Md Grans, gar keine Chancen chatte, dereinst, von einem pW, r schuldeten Leutnant oder einem abgelebten Regierungsasseffbr - heimgesührt - zuwerden.-, -Mnd Duentsinnst - Dich - des..Grolls, der Eure ganze Familie durchbebte, als Dein Bruder trotzvorzüglichster Führung die Qualifikation, zum Reserveoffizier nicht bekam, nur weil er Jude war und solche bekanntlich in - feudalen Regimentern nicht' avancieren können. Alle diese Erinnerungen bedrücken Dich, und Du fragst klipp und klär: ' Wie soll ich es anfangen, um jeglichem Antisemitismus von vornherein zu begegnen? Und die Antwort lautet ebenso klipp.und klar: Verleugne niemals Deine, jüdische Herkunft, und betrachte es nicht als Ehre, wenn die Christen mit dir verkehren! Hältst du dich strikte an diese beiden Punkte, so besitzest du dann die besten Waffen gegen versteckte und offene Angriffe. Ich will es sogar ohne Umschweife sagen, " daß Wort und Begriff „Antisemitismus" vielleicht längst verschwunden wären, wenn alle unsere Glaubensgenossen nach djesen Grundsätzen leben würden. Daswas unsere Gegner am meisten; an uns verspotten^ das! ist die Sitte der guten jüdischen Gesellschaft, in Auftreten und Gebaren möglichst den Ariern zu" gleichen, Mit allen, erlaubten und unerlaubten Mitteln christlichen. Verkehr anzubahnen und. sich überglücklich zu schätzen, wenn ein solcher herablassend und unter tausend Demütigungen gewährt wirb. " ' v Haben wir nicht schon so und so oft' gehört, daß eine jüdische Familie strahlend erzählte': „Wir waren vier Wochen; in der und der Sommerfrische) verkehrten ausschließlich mit' / Christen und, denkt euch nur, wurden selbst für solche gehalten!" Ein 'hohes Glück fürwahr! Wie bescheiden unsere Glaubensgenossen doch sein können! Ist es mir selbst nicht wiederholt passiert, daß. mich jüdische Bekannte fragten: „Warum schicken Sie Ihre Tochter gerade in diese Schule, da find doch fast nur Juden drinnen!" Oder daß mir versichert? würde) daß nur „gemischte" Tanzkurse sein, überhaupt möglich i wären) Las ich nicht mit eigenen Augen eine Karte folgenden! Inhaltes, geschrieben von einer ürst-elass-Jüdin an'eine Däme ) der christlichen Hautevolee „Sehr geehrte, gnädige Frau! Ich?■ möchte für Meine Verkaufsbüjbebeim.Wohltätigkeitsbasar noch - einige christliche Damen und wäre.'Ihnen für Zuweisung solcher sehr dankbar^" >. : , Steigt einem nicht die Schamröte ins Gesicht, wenn man derlei Charakterlosigkeiten vernimmt? Haben sie nichd recht, bic Christen, wenn sie Leute verachten, die-sich;solcher.Ge- ^Mnungslöfigkeit'-Wuldig''rnachen?'<Mbt -es^niM.-ün^ählte 7 Juden,' die für christliche Charitas eine stets offene Hand haben)'' weil fie sich dadurch den Umgang mit jenen erkaufen ^können, die sie ohne dies ^Sesam öffne dich")'nie anschauen .würden?' ) ) £ ) Ich verachte den Verkehr, den ich. nur mit solchen Mitteln § erreiche;, ich verzichte auf Freundschaften-- die nur meinem / Geldbeutel oder meiner wohlbesetzten Tafel gelten;:. ich halte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.