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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-25 · Heft 34 (25.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Juden (Zidow)* belästigt fühlte. Menfchikow, der berüchtigte Mitarbeiter der Suworinschen „kiou'oja lVremza", des „edlen" Häuptlings der russischen Antisemitenbande, fand es für nötig, als Mitglied der Verwaltung der allgemein-russischen Gesellschaft der heiligen Olga, darauf zu antwortendaß die Verteilung der obenerwähnten Postkarten ohne Wissen der Administration durch eine fremde Person ' geschah, auf die einzig und allein die Verantwortlichkeit dieser äußerst unpassenden Demonstration fällt.— Im Ministerrat wurde in der Sitzung vom 25. Juli die Verwendung des Tjumener Börsenkomitees hinsichtlich der Zulassung der Juden zu den Jahrmärkten in Sibirien durchgesehen, und auf Grund des wirkenden Gesetzes entschied er diese Frage im verneinenden Sinne. — Aus Simbirsk wurden mehrere jüdische Familien ausgewiesen: Unter diesen befinden sich manche, die dort viele Jahre wohnten und Handel trieben. — In Petersburg weilt gegenwärtig P. S. Botkine, der russische Gesandte in Marokko, der eben aus Amerika angelangt ist. Im Gespräch mit einem Mitarbeiter der „Nowoje Wremja“ streifte Herr Botkine unter anderem die Wendung in den Beziehungen der Amerikaner zu Rußland. Die frühere Feindschaft löst sich von einem freundlichen Gefühl ab. Jedoch sagte Herr Botkine: „Vieles in unseren Gesetzen und wechselseitigen Beziehungen ist ihnen vollkommen unverständlich.- Indessen gibt es nicht wenM amerikanische Bürger, für denen Rußland eine teure Heimat erscheint. Mich setzte die Anwesenheit der Juden in unserer Kirche in New York in Erstaunen. Man erzählte mir, daß am Osterfrühgottesdienst -unser Tempel nicht imstande ist, alte Betenden zu fassen. Das Volk steht in der Vorhalle, am Eingang, auf der Treppe und auf der Straße. In der Menge sind immer viele Juden vorhanden. „Warum geht Ihr in die russische Kirche?" fragte ich eine Jüdin. „Dieselbe erinnert an die Heimat," war die' Antwort. Es liegt nicht in den Sitten des russischen Volkes, die Offenherzigkeit mit Unoffenherzigkeit zu vergelten; deshalb glaube ich. daß eine gute und offenherzige Beziehung der Amerikaner zu Rußland unserseits große Aufmerksamkeit zu ihnen und das Bestreben zur Annäherung und gegenseitiger Verständigung verdiente * Von Aah und Fern. — Professor Dr. Joachimsthal, der Direktor der Berliner Universitätspoliklinik für orthopädische Chirurgie, ist zum korrespondierenden Mitglied der amerikanischen orthopädischen ' Gesellschaft gewählt worden. — Der Sanitätsrat Dr. Felix Unger in Berlin ist zum Geheimen Sanitätsrat ernannt worden. Der Charakter als Sanitätsrat ist den praktischen Aerzten Dr. Leopold Feilchenfeld und Dr. Hermann Straus verliehen worden. — Unter großer Beteiligung fand am 20. d. M. auf dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung des Justizrats I. Kurnicki statt, der im Alter von 56 Jahren verstorben ist. Er war ein edler Mensch und ein überzeugungStreüer Jude. Ehre seinem Andenken. — Herr Louis Fränkel, Direktor der Stockholmer Handelsbank, ist am 19. d. M. nach kurzer schwerer Krankheit hier gestorben. Der frühzeitigeIod dieses prächtigen Mannes bedeutet für die jüdische Gemeinde in Stockholm einen schweren Verlust. — Der Geheime Kommerzienrat M. Herz, Stadtältester und Präsident der Posener Handelskammer, eine weit über die Grenzen seiner Heimat bekannte und hochgeachtete Persönlichkeit, feierte am 23. d. M. seinen 70. Geburtstag. — In der Nacht zum 15. d. M. ist in Breslau, der frühere Kaufmann, Rentier Hermann Landsberg gestorben. Der Heimgegangene chat mehr als'30 Jahre im Ehrendienst der Stadt Breslau und der dortigen Shnagogengemeinde gestanden, er war städtischer Armendirektor und Mitglied der städtischen Legatkommission, seit langen Jahren Mitglied der! Repräsentantenversammlung, der Ärmenkommission und der Kommission der neuen Synagoge seit 1893. — Herr Dr. Jonas Bon di, Oberlehrer an der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft ' in Frankfurt a. M., erhielt den Titel Profeffor. — Dem Stadtverordneten Josef Fromm in Frankfurt a. M. wurde vom Großherzog von Hessen das Ritterkreuz erster Klasse des Ordens Philipps des Großmütigen verliehen. — Auf Ersuchen des Stuttgarter Stadtrabbinats vom 20. Juli hat das Generalkommando des 13. Armeekorps folgendes verfügt: Die Truppenteile werden Weisung - erhalten, die israelitischen Mannschaften, soweit es der Dienst gestattet, über die hohen israelitischen Feiertage zu beurlauben. Ferner ist den Truppenteilen bekannt gegeben, daß den WünscheU israelitischer Einjährig-Freiwilliger, die wegen des Versöhnungsfestes erst am 3. Oktober eingestellt werden wollen, stattgegeben werden kann. — Aus Budapest wird gemeldet: Mehrere Abgeordnete sprachen im Interesse eines ausgewiesenen jüdischen Tischlers beim Ministerpräsidenten Grafen Khuen Hedervary vor. Dieser machte hierbei bemerkenswerte Aeußerungen über den Antisemitismus. Er erklärte, er werde den Fall untersuchen, müsse jedoch von vornherein sagen, er mißbillige es auf das entschiedenste, wenn Arbeiter ihrer Konfession wegen Belästigungen seitens der Behörden ausgesetzt seien. Der Antisemitismus, den er aus vollstem Herzen verabscheue, müsse entschieden bekämpft werden, und man dürfe es nicht dulden, daß Leute wegen ihrer religiösen Ueberzeugung verfolgt würden. — Bei einer kürzlich in Plojesti (Bukarest) stattgehabten Wohltätigkeitsvorstellung der Schülerinnen des Mädchengymnasiums wurde die Schülerin Franziska Rofin bei ihrem Auftreten mit einem so jut enfeindlichen (Lärm empfangen, daß die Vorstellung abgebrochen und die Schülerin mit Hilfe der Polizei in Sicherheit gebracht werden mußte. — In Verona, dem Geburtsort Cesare Lombrosos, soll dem genialen Begründer der modernen kriminalistischen Schule ein Denkmal errichtet werden. — Während eines Gewitters schlug der Blitz in dem Städtchen Zawichost (Russisch-Polen) in ein überfülltes israelitisches Bethaus, tötete zwei und betäubte acht der dort Versammelten. — Der „Rjetsch" erzählt folgenden charakteristischen Fall: Der jüdische Soldat Josef Warkbrot verrichtete im russischjapanischen Krieg wahre Wunder von Tapferkeit, avancierte dadurch zum Unteroffizier und erhielt eine Anzahl Orden. Dieser Warkbrot nun konnte jetzt eine gute Stelle in Sibirien erhallen, doch als Jude wurde ihm — das Wohnrecht verweigert. — Die Ausweisungen der jüdischen Kranken, die sich über ihr Wohnrecht nicht ausweisen können, nehmen in den transbaikalischen Kurorten ihren Fortgang. Im Badeort K aratschi wurde über sämtliche jüdischen Gäste, die dort in großer Anzahl zur Kur eingetroffen waren, die Ausweisung innerhalb drei Tagen verfügt. — Der Chef des Bezirks Pültusk ließ in ' öen jüdischen Synagogen bekänntmachen, daß er, weil die'jüdische Jugend sehr verdorben und revolutionär gesinnt sei, hiermit anordne, daß fortan die jungen Jüben, wenn sie ihm begegnen, den Hut zu ziehen haben; Zuwiderhandlungen werden mit siebentägiger Gefängnisstrafe geahndet. — Rabbiner Jehuda Jasmon in Tunis ist im Alter von 104 Jahren gestorben. Er hatte sein Amt mehr als 70 Jahre inne und war als talmudische Autorität sehr angesehen. Etwa 20000 Juden haben an dem Leichenbegängnis teilgenommen. — Das Geschenk, das die amerikanischen Rabbiner dem Präsidenten Taft anläßlich seiner silbernen Hochzeit widmeten, ist ein kunstvoll gearbeiteter Sitbergegenständ, der die Form einer Bank hat, die hebräische und englische Inschriften trägt. Das Kunstwerk wurde in dem Atelier eines Jerusalemer jüdischen Goldschmieds hergestellt. — In New York gab es bis vor kurzem eine sogenannte französische jüdische Gemeinde, die von elsässischen und lothringischen Juden gegründet worden war. Diese Gemeinde ist nunmehr aufgelöst worden. 'Die Synagoge wurde verkauft Und soll in eine Kirche umgewandelt wetden. — Das Ne w Y orker jüdisch-theologische Seminar hat durch die Hochherzigkeit des Herrn Jacob H. Schiff die Bibliothek des verstorbenen Professor KäUtzsch erworben. Wie der „^.meriesu Üebrsu," . mitteilt, soll, abgesehen von den BüchersaMmlungen der Professoren Dillmann und Lagarde, Amerika keine so wichtige Bibliothek auf dem Gebiet der hebräischen Sprachwissenschaft Und des biblischen Schrifttums besitzen. — Vor kurzem landeten auf der New Yorker Einwanderungsinsel Ellis Island zwei Negerfrauen und ein Negerkind, die sich zum Judentum bekannten. Sie kamen aus Jamaika Und gaben an, daß sie gleich vielen anderen Schwarzen von jenen Negern stammen, die zur Zeit als in Jamaika noch der Sklavenhandel blühte, von ihren jüdischen Besitzern in der jüdischen Religion erzogen und dann freigesprochen wurden. ' Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.

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