Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 33 Der Berlin, 18. August 1911 MMayr. zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums" lkorrklponden?en und Kschrichten Deutschlsüd. . *** Berlin, 15. August. Der soeben in Mainz stattgefundene Katholikentag und dessen Verhandlungen sind' in zwiefacher Hinsicht auch für uns Juden von großem Interesse. Einmal die außerordentliche starke Betonung des Fesihaltens an dem konfessionellen Charakter der Volksschule und des weiteren die vehemente Propagierung der konfessionellen Scheidung und Disparation selbst auf dem Gebiet der bürgerlichen Berufsvereine. Ja. man ging noch einen Schritt weiter und wünschte sogar die konfessionellen Scheidewände auf sozialem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet. Es liegt auf der.Hand, daß wir von unserem Staatsbürgerstandpunkt wie vom jüdischen Gesichtspunkt aus einer solchen Zerklüftung des Bürgertums nach konfessionellen Scheidungen nimmermehr das Wort reden können. Dem Frieden und der Eintracht der Bevölkerung, können solche Bestrebungen, wären sie von Erfolg gekrönt, gewiß nicht dienen. Haben wir doch der Absonderungen wahrlich schon genug in deutschen Landen und leider, wie wir gestehen , auch in unseren eigenen Reihen. Für unsere jüdischen Prinzips-Separatisten mag die .starke Prägung des konfessionell separatistischen Zuges des Katholikentages eine Lehre sein, wohin wir gelangen würden, wenn jede Konfession die Abschließungspolitik auf allen. Gebieten des menschlichen Lebens so weit treiben würde, als es in Mainz von einzelnen Seiten gewünscht wurde. Glücklicherweise ist ein sehr großer Teil unserer katholischen Mitbürger gleich uns nicht von der Heilsamkeit einer solchen Verkirchlichung aller öffentlichen Verhältnisse überzeugt, wie der bayerische Lehrertag unter anderem dies besonders von der katholischen Lehrerschaft bezeugte. Und in bezug auf die konfessionelle Volksschule können wir uns schon gar nicht mit den Beschlüssen des -Katholikentages befreunden. Aber wir verstehen sehr wohl den Standpunkt, den man dort ein' genommen hat. Er ist, anders als bei unseren jüdischen Rufern nach der konfessionellen Volksschule, wenigstens der Ausfluß und die Konsequenz einer prinzipiellen Grundanschauung. Für den Katholizismus ist die Schule eine Institution der, Kirche, nicht des Staates. Auf dieser - Ansicht beharrt der Katholizismus, mögen die Verfassungen der Staaten und ein neuer Geist dem auch noch so sehr widersprechen. Unsere .jüdischen Enthusiasten der konfessionellen Volksschule, aber beteuern, Anhänger der konfessionslosen, simultanen Schule im Prinzip zu sein, sie wollen die eigene kottfesfi^nelle jüdische Volksschule gewissermaßen nur aus Kündigung, r bis sie das andere „Ideal" erreichen. Wir machen diese Politik der Mutlosigkeit und des Augenblicks, die. den Weg zum Ideal versperrt, nicht mit. Im Gegenteil, wir erachten sie für so verhängnisvoll für das deutsche Judentum und für die Entwicklung unserer gesamten vaterländischen Verhältnisse, daß wir sie bekämpfen müssen. Und gerade die Vorgänge auf dem letzten Katholikentag in . dieser Hinsicht sollten Uns eine Lehre sein, eine Politik direkt oder indirekt zu rechtfertigen, die letzten Endes in das überwundene System der Kirchenschulen führen muß. Dafür sollte kein deutscher Jude unserer Tage zu haben sein. --- Berlin, 15. August. Das von. der „Allgemeinen Iüdischen Kolonisations-Organisation" vorbereitete kommerzielle Bodenkauf- und Agrar-Kreditinstitut ist soeben unter dem Namen „Ido Orient Colonizing Company, Limited“ gemäß dem Gesetz über die Kompanien (Konsolidation Akt 1908) in das Register der englischen Kompanien eingetragen worden. Das Nominalkapital bet Orient Colonizing Company beträgt .50 000 Pfund Sterling; der statutengemäß zur Konstituierung der.Gesellschaft erforderliche Teil. des Kapitals ist gezeichnet. Der Verwaltüngsrat wird sich aus Mitgliedern der Zentrale und-^des Londoner Komitees der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations -Organisation sowie c aus Vertretern von Landerwerbsgruppen, die mit der Orient Colonizing Company zu koopiereu gedenken, zusammensetzen.. Die Orient Colonizing Company,- - Limited wird sich ausschließlich im Orient (Türkei und Nordägyptenbetätigen. -Das eingetragene Bureau der Orient Colonizing Company befindet sich in London, City. .119, London Wall. hl. Berlin, 15. August. In Band 206 der -Statistik des Deutschen Reiches befindet sich auch ein Verzeichnis der in Deutschland vorhandenen religiösen Bekenntnisse. Unter dem Sammelnamen „Israeliten" sind folgende sechs Bekenntnisse ausgeführt. Israeliten, Hebräer, Juden, Mosaische, Reformiert-Jsraelitische, Reformiert-Jüdische. Es liegt auf der Hand, daß. diese verschiedenen Bekenntnisarten, wie sie das Statistische Amt darstellt, in Wirklichkeit gar nicht existieren; .sie sind vielmehr aus die Unbesonnenheit, der deutschen Juden zurückzuführen, die sich bald Mosaische bald Israeliten und so fort nennen.. Interessant und. auch beachtenswert sind die letzten beiden Namen: Reformiert-Jsraelitische und Reformiert- Jüdische, die zum erstenmal als solche offiziell in der Statistik Vorkommen. Aus derselben Quelle erfahren. wir, daß in Deutschland auch Karalm (Karäer) wohnen. Diese hat merkwürdigerweise der ■ Statistiker nicht in der Rubrik „Israeliten" sondern unter „Andere Bekenntnisse" aufgesührt. Leider wird auch hierbei keine Zahl angegeben, was uns Juden sicherlich interessieren würde. H. Berlin, 15. August. Präsident Taft, dessen vornehme/ vorurteilslose Gesinnung, die er wie gegen jedermann, ganz besonders gegen die Juden zeigt, hat jetzt wieder einen neuen Beweis, davon gegeben, wie hoch er die Tätigkeit der Juden' einschätzt. Im September d. I. wird hier in Berlin ein internationaler Kinderschutzkongreß stattfinden. Zum Vertreter der Vereinigten Staaten von Nordamerika hat der Präsident den bekannten Philanthropen Nathan Strauß ernannt. W. Aus der Provinz Posen im August. Schocken. Am 6. d. M. feierte Herr Michaelis Kochmann hier und seine Gattin Flora, geborene Oelsner, das Fest ihrer goldener! Hochzeit. Das Jubelpaar war von sämtlichen Kindern und. Enkeln umgeben. Herr Gemeinderabbiner Dr. Dünner aus Rogasen segMe die Eheleute ein. Die Gewerkschaftskammer in Bromberg, der Magistrat mit den Stadtverordneten, die jüdische Gemeindebehörde, sowie die Vorstände der verschiedenen Vereine in der Stadt überbrachten ihre Glückwünsche. Der Jubilar ist 71 und die Jubilarin 70 Jahre alt und erfreuen sich geistiger und körperlicher. Frische. — Culm, 7. August. In der hiesigen Synagoge stürzte, glücklicherweise als niemand darin war, ein Teil der Decke mit großem Getöse ein. Die Balken waren aus der einen Seite durchgefault und fielen, zehn Quadratmeter des Estrichs mit sich reißend, in die Tiefe. — Schroda, 7. August. Die hiesige Synagogengemeinde ist durch den Tod des Herrn Kaufmann Hermann Baruch in tiefe Trauer versetzt worden. Der Verstorbene war eine lange Reihe von Jahren Mitglied des Repräsentanten-Kollegiums und hat stets mit regem Eifer die Interessen der Gemeinde wahrgenommen. Dem Verein Chewra Kadischa hat er über 25 Jahre angehört, und mit seinem reichen Wissen viel zu dessen Förderung beigetragen. Durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und seine stete Hilfsbereitschaft hatte er sich die allgemeine Liebe seiner Mitbürger erworben. ----- Stettin, 12. August. Wieder habe ich die traurige, aber zugleich heilige Pflicht, wie vor zirka 33 Jahren beim Hinscheiden de8 hier nochin gesegnetem Andenken stehenden Rabbiners Dr. Treuenfels, jetzt über den Hintritt unseres allverehrten Rabbiners Dr. Vogel st ein zu berichten. Gerade am IftPÜ gelangte von SL Moritz, wo der Entschlafene zur Erholung weilte, die erschütternde Kunde zu uns und verwandelte den Sabbat des Trostes in einen Tag?, tiefer Trauer. Unerwartet' traf uns dieser harte Schlag, denn wer:deN nie alternden, geistig wie körperlich noch so frisch aussehenden Mann gesehen, glaubte nicht, daß er'bereits die Grenze des Alters überschritten^ und nun ist er von der unerbittlichen Hand des Todes dahingerafft, und mit der tiefgebeugten Familie beklagen sein Hinscheiden nicht nur unsere Gemeinde, sondern sehr viele Kreise,