Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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395 zum Rebbe! Warten wirkeine Minute! Man muß den Rebbe wecken und herbringen; er soll erfahren, was seine Bachurim treiben." Berele vernahm die Flüsterworte und es schwindelte ihm. Diese sind ja noch ärger als Raubmörder. Das ist ja des Bäckers Bande, die zur Nachtzeit herkommt, um harmlosen Menschen nachzuspähen, um Liweitzer nachzuspähen, den sie zugrunde richten, wollen. Und den Rebbe wollen sie auch herschleppen. Eine Niederträchtigkeit! Was ist hier zu machen? Man muß sie in ihrer Absicht verhindern. Aber wie? Berele fing Plötzlich zw lächeln an. Es war finster und der Hund konnte das Lächeln nicht sehen, doch offenbar empfand er Bereles gute Laune, denn er rieb sich fest an ihn. „Komm^, Hektar," flüsterte er und so geräuschlos als möglich, eilte er zum Tempel hin. Dort angelangt fühlte er zwar sein Herz beklommen, doch blieb er deshalb nicht stehen. Er schloß die Augen und drückte sich so in die Nische der offenen Tempeltür. Der Hund preßte sich an ihn, und so verharrten sie eine gute Weile. Plötzlich wurden rasche Schritte hörbar. „Sie kommen," sagte Berele zum Hunde. Sie kamen wirkich. Reb Bünem marschierte an der Spitze. Als die Schar vor den Tempel kam, geschah etwas so Grausiges, daß auch den Tapfersten, die Haare zu Berge standen. Eine dumpsklingende, gespensterhafte Stimme ertönte aus dem Tempel: „Jaamojd hachower Reb Bünem Ben hachower Reb Seinwel.*) Was ist das? Heiliger Gott, was ist das? In den Leuten erstarrte das Blut und kalter Schweiß trat ihnen auf die Stirne. Ihnen ahnte, was hier geschah, deshalb war ihr Entsetzen so groß. Mitternacht ist eben, und um diese Zeit versammeln sich im Tempel die Toten. Sie öffnen die Bundeslade, nehmen die Thora heraus, legen sie auf den Almemor und lesen daraus den Wochenabschnitt. Und wenn ein Jude an dem Tempel vorbeikommt, wird er zur Thora aufgerufen, ebenso, wie das beim Gottesdienste Brauch ist. Und wehe dem, der dem Rufe der Thora nicht Folge leistet. Reb Bünem wankte zähneklappernd in den Tempel. Beinahe bewußtlos, wie ein Trunkener taumelte er zum Almemor, griff nach einem Tallis und wickelte sich ihn um. Da ertönte wieder die tiefe Grabesstimme: „Jaamojd hachower Reb Zwi Ben hachower Reb Ajrn dow." Jetzt mußte Haschl Ochs in den Tempel hineinwanken. Dann kam die Reihe an Goldfinger und an alle nacheinander. Als sie vollzählig ans dem Podium des Almemors wimmerten, trat Berele schön leise auf die Gasse hinaus und sperrte seelenruhig die Tür zu. Vorsichtshalber drehte er den Schlüssel zweimal um. „Na, jetzt könnt Ihr zum Rebbe gehen," sagte er glückstrahlend. „Na Hektar, was sagst Du dazu, das war ein Einfall, was?" . Die Absicht war gut, doch nutzte sie Liweitzer nicht viel, denn Reb.Bünem und seine Schar deutete die Geschehnisse der Nacht so aus, daß der gottlose Lebenswandel Liweitzers und seiner Genossen selbst die Toten im Friedhofe nicht ruhen ließe. Es wurden in Nagyföröd über dieses nächtliche Abenteuer die schrecklichsten Dinge erzählt. Die Toten mengen sich nicht ohne Ursache in die Angelegenheiten-der Lebenden. Liweitzer mag wirklich eine sehr große Sünde begangen haben. Gott | weiß, welche Gefahren der Gemeinde drohen, wenn man j diesen Menschen nicht exemplarisch bestraft. \ Als sich Reb Bünem und seine Leute von den nächtlichen | Schrecknissen erholt hatten, gingen sie zum Rebbe und er- \ zählten ihm, was sie erfahren hatten. Der Rebbe war bej troffen. Hätten sich seine Jünger wirklich so weit vergessen? \ Und auch Liweitzer. Na, er wird sich schon überzeugen. j Das Jntereffe wandte sich wieder Liweitzer zu, ebenso wie. vor einigen Monaten, als man seinen Tod erwartet und für \ sein Leben gebetet hatte. Doch jetzt war das Interesse ganz ■ anderer Art. Damals war es voll Erbarmen und zitternder \ Teilnahme, jetzt wurde es von Zorn und Argwohn genährt. Warum man auf ihn böse war, das wußte vielleicht gar l keiner, doch jeder war über ihn empört. Der Bäcker hatte ihn öffentlich angeklagt und dies genügte, daß die Gesamtheit, J welche gierig und leidenschaftlich auf eine Beute lauert, den j armen Menschen zum Opfer haben wollte. 1 „Sie werden sehen, Rebbe," sagte der Bäcker, dem vor dem nächtlichen Schrecken noch jetzt die Zähne klapperten, j „dieser Mensch wird noch große Schande über die Juden i bringen. De 'wat noch eppes e Doktor oder gur e Spenuz."i) \ Warum er just dies prophezeite und diese schmachvolle [ Verworfenheit, die ihm Schrecken einflößte, weiß man! nicht. Sicher ist es jedenfalls, daß nach seiner Ansicht Liweitzer auf den abschüssigen Weg des Abtrünnigwerdens vom Juden- 1 tum gelangt ^war und daß dies geahndet werden müsse. Was der Rabbi dachte, konnte der Bäcker nicht erfahren, > denn der Rabbi sagte folgendes: „Reb Bünem, Ihr Brot ist zuweilen schlecht aufgegangen, zuweilen gut. Woher kommt das?" Der Bäcker räusperte sich: „Vom Hopfen." „Nicht vom Mehl? Das Mehl ist immer gut, wie? Und warum von dem Hopfen?" „Manchmal nehme ich davon mehr und manchmal weniger." „Ich glaube, Reb Bünem, daß manchmal bei den. Menschen auch nur der Hopfen den Unterschied macht." Reb Bünem erzählte den Leuten, daß der Rabbi ein Standrecht üben werde, wie noch nie. Der heilige Mann habe ihm schreckliche Sachen mitgeteilr. Er habe ihm gesagt, daß an allem nur der Hopfen schuld sei. Das ist etwas Tiefes, i etwas Unverständliches. Mit Liweitzer ist^s aus. Geschieht ihm , schon recht. Die Leute stimmten ihm bei und schloffen sich ihm an, als er in den Hof des Beshamedresch ging, um das Urteil zu erwarten, welches unbedingt noch heute vormittag mit entsetzlicher Wucht auf Liweitzers armen Kopf niedersausen würde. Drinnen im Beshamedresch aber rührte sich keiner, nichts unterbrach die bange Stille. Die blassen Gesellen saßen, noch um eine Schattierung bleicher, bei den großen Folianten. Die gesenkten Köpfe, schienen erstarrt zu sein. Es war keiner unter ihnen, welcher dem Kommenden teilnahmslos entgegengesehen hätte. Jeder hätte gern gewußt, was geschehen würde und was die änderen darüber dachten. Doch keiner blickte auf den anderen, keiner sprach zu dem anderen. Jeder schaute vor sich hin. Am Ende des Tisches saßen die Bachurim der Tante Breindl nebeneinander. . Sie waren die Bleichsten, doch nicht die; *) Tie Formel des Ausrufens zur. Thora. *) Der wird noch ein Doktor oder gar ein Spinoza.