Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228994--67695-3279926- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gewütet. Am Jahrestage der Proklamation der Verfassung, am 23. Juli hat das Feuer in einem stark bevölkerten Teil vonStambul innerhalb zehn Stunden über 3000. Häuser zerstört und hat Tausende von mohammedanischen, meist zur ärmsten Bevölkernngsklasse gehörende Familien obdachlos und existenzlos gemacht. Die zweite Feuersbrunst ist am 24. Juli in der jüdischen Vorstadt Valata ausgebrochen und hat von 1 Uhr mittags bis 9 Uhr abends gehaust. Das Feuer entstand im Waschhaus des Hospitals Or Ahajim, das selbst wie durch ein Wunder vom Unheil verschont wurde. Ein stürmischer Wind trieb die verzehrenden Flammen über den ganzen Stadtteil Balata am Goldenen Horn entlang, alle Holzbauten am Wege wurden im Nu vernichtet- Die amtliche Untersuchung hat ergeben, daß 485 Häusrr, 72 Kaufläden, 4 Synagogen und 5 Schulen verbrannt sind, darunter unsere Knaben- und Mädchenschulen. Die Regierung hat sofort vorläufige Maßregeln getroffen, um eine gewisse Anzahl der Betroffenen unterzubringen, die alle ihre geringen Habseligkeiten verloren haben; die jüdische Gemeinde bemüht sich ebenfalls, das unermeßliche Unglück der israelitischen Familien zu lindern, die gänzlich mittellos zurückgeblieben sind, aber Me? Summen, die wir hier an Ort und Stelle zusammenbringen können) cherden nicht ausreichen, das Elend unserer so schwer betroffenen Glaubensgenossen wirksam zu bekämpfen. Deshalb rechnen wir bei diesem schmerzlichen Ereignis besonders auf die wohlbekannte Großmut unserer Brüder im Abendland, deren Herzen mit uns für die Hunderte von Familien fühlen werden, die die furchtbare Katastrophe plötzlich in das größte Elend gestürzt hat« Wir wenden uns mit der dringendsten Bitte an ihre milden Herzen' unseren vom Unglück verfolgten Glaubensgenossen Beistand zu leisten. Sie selbst strecken ihre flehenden Hände den wohlwollenden Brüdern entgegen und sind mit uns überzeugt, daß die in Israel jederzeit vorhandene Solidarität sich auch dieses Mal bewähren wird. Sie wird es uns ermöglichen, Brot für die Hungernden und Kleider für die Aermsten anzuschaffen, die ihre armseligen Lumpen verloren haben. Später hoffen wir, auch einen Teil der Wohnstätten wieder aufzubauen, die ein Raub der Flammen geworden sind. Gesterreich-Nngarn. '-f. K. SÖicit, 3. August. Noch immer wird in der hiesigen jüdischen Presse und in den Kultnsgemeinden die Taufe des ehemaligen langjährigen Vizepräsidenten der Krakauer israelitischen Kultusgemeinde, des Bankiers Albert (Abraham) Mendelsburg, lebhaft besprochen. Mendelsburg, der ein Alter von 83 Jahren erreichte und viele Ehrenstellen und Aemter in der Krakauer Kultusgemeinde bekleidete, ließ sich einen Tag vob seinem Tode taufen, Man sucht noch immer nach einem plausiblen Grund für diesen sonderbaren Schritt dieses Dreiundachtzigjährigen. Die einen vermuten, daß er es seinen Kindern zu Gefallen getan Habe, die hohe Staatsstellen bekleiden und die schon längst die Taufe angenommen haben. Diesen wäre es offenbar peinlich, ihren greisen Vater auf dem jüdischen Friedhof nach jüdischem Zeremoniell bestatten zu müssen. Nach einer anderen Version soll der verstorbene Mendelsburg nicht mehr im Vollbesitz seiner Geisteskräfte gewesen sein, als er sich von seiner Gattin überreden ließ, die Taufe anzunehmen. Jedenfalls, so meinte ein Witzbold, war Mendelsburg sein ganzes Leben lang ein Jude gewesen, denn im 83. Lebensjahr aus dem Judentum auszntreten, ist nur ein — Jude imstande. — Heute wurde Fräulein Oliva Kuranda, die Tochter des im Jahre 1884 verstorbenen Parlamentariers Dr. Ignatz Kuranda, dessen Bild Sie vor einigen Wochen brachten, zu Grabe getragen. Die Verblichene war eine durch Eigenschaften des Geistes wie des Herzens gleich ausgezeichnete Dame, die sich in weiten Kreisen großer Beliebtheit erfreute. Die Ursache ihres Ablebens war eine Gehirnerschütterung, die sie sich durch einen Sturz in Aussee zugezogen hatte. An ihrer Bahre trauern ihre drei Brüder, der Abgeordnete Ministerialrat Kamill Kuranda,- der Direktor des Wiener Bankvereins Felix Kuranda uyd der Rechtsanwalt Dr. Arthur Kuranda.' — Bekanntlich hat der S zegediner Oherrabbiner Dr..Immanuel Löw seine Berufung nach Wien an Stelle des greisen Dr. Schmiedl abgelehnt. Nun wird hiesigen Blättern berichtet/ .daß auch der Oberkantor in Debreczin (Ungarn) eine ehrenvolle Berufung ^ebenfalls abgelehnt habe. -Dem Oberkantor Heinrich Fischer aus Debreczin wurde von der New Dorker israelitischen Kultusgemeinde das Anerbieten gestellt, die dortige Oberkantorstelle, die mit einem Jahresgehalt von 5000 Dollar j dotiert ist, anzunehmen. Der Oberkantor, der übrigens erst im 85. Lebensjahr steht, hat diese Berufung mit der Motivierung abgelehnt,, daß er es vorziehe, mit bescheidenerem Gehalt in seinem 'Vaterland zu bleiben. — Das blödsinnige Ritualmordmärchen treibt auch in Ungarn sein Unwesen. In Hajdu-Nanas wäre es fast zu AusschreitDgen gekommen wegen dieses albernen Märchens. In der genannten Ortschaft wird gegenwärtig die Synagoge repariert, an welchen Reparaturarbeiten auch slawonische Arbeiter beschäftigt sind. Ein als Tagelöhner dort arbeitender Bauernbursche sah zwei Mädchen in die Synagoge hineingehen und verbreitete flugs im Orte das Gerücht, daß „die Juden den Tempel mit Christenblut bauen". Der evangelische Geistliche, der Bürgermeister, und der katholische'Lehrer gaben sich alle Mühe, den Pöbel zu beruhigen, was ihnen auch endlich gelang. Nachträglich stellte es . sich heraus, daß die Mädchen, die in das Gotteshaus gingen, die Kinder des - jüdischen Religionslehrers waren, der im Tempelgebäude seine Amtswohnung hat! Srrdien. N.J.K. Belgrad, 3. August. Hier wurde vor einigen Tagen der zehnte allslawische Journalistenkongreß abgehalten, an dem Vertreter der russischen, polnischen, ruthenischen, tschechischen, slowenischen, slowakischen, kroatischen, serbischen und bulgarischen Presse teilnahmen. Dierussische Presse war durch eine Anzahl von Reaktionären vertreten, die dem Kongreß im Aufträge des Petersburger Ministeriums des Aeußern beiwohnten. Bei einem Bankett der Stadt Belgrad provozierten diese „Journalisten" arge Skandale, die von der serbischen Presse scharf verurteilt wurden. Unter dem Eindruck dieser Vorfälle wird auch eine geplante serbische Gesellschaftsreise nach Südrußland unterbleiben. Das angesehene Belgrader Blatt „Pravda“ motiviert das Unterbleiben der Reise damit, daß es den Russen einfallen könnte, unter den Serben wegen der jüngsten Differenzen einen „Pogrom" zu arrangieren, wie dies gerade in? Südrußland üblich sei, wo man die Juden in rohester Weise morde. Diese MotivieruM-Lst um so bemerkenswerter, als bisher noch kein einziges serbisches Blatt seine Stimme zugunsten der Juden erhoben hat. Dasselbe Blatt erzählt noch folgende Episode, die wir der Originalität wegen in getreuer Uebersetzung wiedergeben wollen: „Es war beim Ausflug der Journalisten auf dem Schiffe Sumadija. Ein kleiner Junge von etwa zwölf Jahren verkauft Feuerraketen und singt dabei alle möglichen slawischen Lieder, wie „Lore carja chranin“, „Ah, Moskwa, Moskwa . . „Lde domov muj„ und andere. Die Journalisten sind frappiert von der Stimme des Knaben und von den vielen slawischen Liedern, die er singt. Der Russe Stschawinski küßt und kost den Jungen vor Begeisterung, indem er zu ihm spricht: „Ach, du mein Täubchen, du liebe slawische Seele!" Der.Slowene Gabrschek beantragt» daß der Junge zur Ausbildung nach Rußland geschickt werde. Der Antrag wird angenommen. Jeder verspricht, etwas beizutragen. Die Hälfte aller Kosten will natürlich Stschawinski tragen. Er küßt noch immer den überglücklichen Knaben. „Wie heißt du, mein Täubchen?" fragt endlich der begeisterte Stschawinski. „Isaak Farchy", antwortet der Knabe. Da beginnt der Russe auszuspucken, aus Ekel darüber, daß er diesen Juden geküßt hatte." Von Mh und jfern. — Professor Dr. Hermann Oppenheim wurde von der Universität Birmingham zum Ehrendoktor der Rechte ernannt. Professor Dr. Oppenheim ist voriges Jahr nach 16 jähriger Tätigkeit als Privatdozent aus dem Lehrkörper der Berliner Universität ausgetreten, weil entgegen dem einstigen Vorschlag der Fakultät seine Ernennung zum außerordentlichen.Professor noch immer nicht erfolgt war. — Anläßlich der Hundertjahrfeier der Universität Breslau haben die Herren Professor Dr. Conrad Alexander und Fideikommiß» und Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottländer) den Roten Adlerorden IV. Klasse, der Privatdozent in der philosophischen Fakultät Dr. Otto Suckur den Titel Professor erhalten. ",A