Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228992--67647-3279876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Berlin, 28. Juli 1911 75. Jahrgang Nr. 30 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse vegründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson . Unter Leitung des. Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Uuäolk ölosse, Lerlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion . und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8W„ Jerusalemer Straße $6,'<19, zu richien. Verlag von Rudolf Akofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in'Berlin und Vororten durch unsere veririebsßellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. Tinholt ®er ueun^c Aw. Von Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz. — Die Woche. — Der jüdische Rüderk.ub „Jvria" zu Berlin. — Zum Breslauer- Nniversitäts^jubiläum (3. August). Von Dr. Carl Pinn — Brief aus Cincinnati. —.Zur allgemeinen.Lage.! der Juden in der Türkei. Von Dr. Alphons Sustnitzki. — Zur Frage der Leichenverbrenirung. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Blitteitungen. — Bücher einlau s. — Sprechsaal. ' DerGemeilrdcbote sBeilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin,. Aus der Provinz Posen, Breslau,.Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Mannheim, Straßburg i. E., Wien, London. — Von Nah und Fern. Der neunte Uw. Von Rabbiner Dr. Friedmaun-Lublinitz. Wiederkehr des neunten Uw stellt von neuem diese Frage in den Vordergrund unserer Betrachtung: Ist die Zerstörung auch des zweiten Tempels, wie die des ersten/ erfolgt, damit einmal wieder ein neuer, dritter Tempel, herrlicher und schöner als der frühere, zll Jerusalem erbaut werde und erstehe? Ist der wiederholte Verlust des heiligen Landes eingetreten, damit wieder einmal Israel in den Besitz desselben gelange? — Aber wer wollte diese Frage zuverlässig und bestimmt beantworten? Wer könnte die Wege der Vorsehung ungetrübt kennen und schauen? Es war natürlich, daß wir uns unmittelbar nach der Zerstörung auch des zweiten Tempels, nach, dem zweiten Verluste des heiligen Landes wieder nach Rückkehr gesehnt haben. Und es ist ebenso natürlich, daß wir uns immer -dann besonders danach sehnen, wenn die Weltlage für Juden und Judentum recht ungünstig und trübe geworden ist, wie ja gegenwärtig leider in Rußland und Rumänien. Aber eins ist es, nach dem wir uns zu allen Zeiten, auch in den günstigsten, sehnen und sehnen sollen — und . das ist das Messiasreich. Dieses erscheint uns noch immer . als das zu erstrebende, zu errichtende neue dritte Heiligtum!des Ewigen Gottes. Das Messias reich ist noch nicht gekommen, wenn auch — nach dem Midrasch — der Messias am Tage der Zerstörung des.zweiten Tempels bereits geboren wurde, Der Messias ist geboren, aber das Messiasreich ist noch nicht gekommen,.der dritte Tempel ist noch nicht erbaut und errichtet. Wer aber ist der Messias, welcher geboren ist, welcher gerade am Tage der Zerstörung des zweiten Tempels geboren wurde? Das Volk Israel ist dieser Messias, dieser „Gesalbte" Gottes, dieser „erstgeborene" Sohn des Ewigen, dieser „Christus", welcher aus.seinem Lande, hinausgetrieben wurde — einst am neunten. Aw — nach allen vier Enden der Erde, um überall mit seinem Wesen, mit seiner Lehre, mit seinem Glauben dazustehen -und zu wirken als ein ewiger ‘.Zeuge.-deslebendigenGottes^JJnbLvMes in Abrede , stellen, daß dieser Messias sich wirklich um die Menschenwelt unsterbliche Verdienste erworben hat? Wer wollte es in Abrede stellen, daß dieser „Christus" wirklich die Welt erlöst hat von den Banden des Unglaubens und Aberglaubens, von den Banden des Götzentums und der Sittenlosigkeit? Wer wollte es in Abrede stellen, daß er ihr vielfach — und zumeist auf religiösem, sozialem und industriellem Gebiete ein Leiter, ein Führer, ein Vorbild geworden ist? — Doch erst dann, wenn das Vorbild voll und ganz gewirkt, wenn alle Welt den Glauben an Einen Einzigen Gott und die Pflicht der Menschenliebe, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit erkannt hat, dann wird man vom Dasein des Messiasreiches reden und es rühmen können. — Daß die Feier des neuntens Aw vor allem diesen Erfolg und diese Wirkung im Auge - haben soll, lehrt auch wohl folgender Midrasch. Es ist ja interessant zu bemerken, daß der neunte Aw in jedem Jahre auf denselben Tag der Woche trifft wie der fünfzehnte Nissan. Aber noch interessanter ist,- was : der Midrasch sagt: „In der ersten Peffachnacht (in Aegypten) ” hat Israel Bitterkräuter gegessen und in der Nacht des neunten . Aw (in Palästina) hat es Wermut genossen, also ist die < Pessachnacht (in der Wirkung) gleich der Nacht, des 1 neunten Aw." — Was wollte der Lehrer dieses Midrasch, i R., Abin. wohl damit sagen? Wie wollte er die Gleichheit; der beiden Nächte verstanden wissen? — Nun, wie mir scheint,; folgendermaßen: In der ersten Pessachnacht wurde Israel zum ' Gottesvolke, zum Religions Volke geboren, als solches wurde es aus Aegypten befreit und in das gelobte Land geführt. Und in der Nacht des neunten Aw wiederum wurde Israel von neuem geboren, und zwar zum Messias für die Welt und für die Menschheit; darum wurde es vom gelobten Lande getrennt und in die Welt hinausgeführt. Darin liegt der Zusammenhang in der Geschichte Israels, der Zusainmen- : Hang der beiden großen Hauptereignisse, der ersten Peffachnacht in Aegypten und des neunten Aw in Palästina. Nicht eine einzelne Persönlichkeit soll als Messias also anerkannt werden, sondern nur das ganze Volk Israel. . Und wenn auch in der Bibel an verschiedenen Stellen von einer einzelnen Persönlichkeit als Messias, dem Gesalbten ' des Ewigen, die Rede ist. so ist da immer nur ein Messias innerhalb Israels und für. Israel allein gemeint. Als Messias für die Menschheit aber kann nur das ganze Volk Israel in Betracht kommen, welches schon im Anfänge 'seiner Geschichte berufen wurde, ein Reich von Priestern . und ein..heilig Volk zu sein.-welches der für die Menschheit Meidende Messias war und auch noch immer ist. -- ‘ ' sgfp*' ■ '' - "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.