Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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"PW**!!- 348 draußen vor der Tür und es war frischnnd/-:gükrietzen^.un.d^ ich Hab' an michtS gedacht,- nur. an meine Kmder." .' .' . Des Bäckers Gesicht umdüsterte sich. Ore sprach leiseflüsternd. Man sah ihm an, daß er, offen, rede,, doch , strömte aus seinen Worten so etwas Geheimnisvolles, dcrß . es den ' Bäcker eiskalt.überlies. '.? -; . Ores Stimme flockte und ging, dann in heftiges Schluchzen über; ganz gebrochen schloß er : - „Und ich Hab' meinen Verstand verloren und etwas gej tan, was ein Jude nicht tun darf. Ich habe, gestohlen, Reb . Bünem, gestohlen Hab' ich!" .! Des Bäckers Äugen quollen vor Aufregung nußgroß her? j vor. Er war blaß und bebte ebenso wie Ore. Denn das z war wahrhaftig keine kleine Sache.! „Und dann? Und dünn?" dräng er in ihn.'? „Dann bin ich nach Hause gerannt und war froh) daß j ich frisches Brot habe.. Doch Gott hat es nicht haben wollen, j Gott hat nicht haben wollen, daß Moseschen und Davidchen und Aronchen gestohlenes Brot essen sollen. Gott hat nichtl haben wollen, daß diese koscheren Seelchen in Verdammnis; geraten. Und bis ich erwacht bin, war das frische Brot per-! trocknet, als ob es sünf Tage alt gewesen wäre." Den Bäcker packte das Grauen. Das Wunder der gött- - lichen Einmischung machte seine Seele in wonnigem Schrecken erstarren. Er erinnerte sich der Wunder, die mit seinem Vater, mit seinem Großvater geschehen waren: Geister-- ersch.einüngen, Prophetenoffenbarungen. Lauter schöne herrliche Wunder, doch keinS so ungeheuerlich, so unfaßbar für den menschlichen Verstand wie dieses. Und als er auf Ores totenbleiches Gesicht blickte, fing er an, hohe Ächtung für ihn, zu fühlen. Er muß große Verdienste haben, wenn ihn Gott solcher Wunderzeichen würdigt. Bis jetzt war es ihm gar! nicht eingefallen, dem müden, zitternden Menschen Platz an-' zubieten, doch jetzt tat er es mit großer Ehrfurcht, als ob er zum mindesten einen Wunderrabbi vor sich hätte. „Das ist eine große Sache, Reb Ore," meinte er sehr ernst. „Ich meine, daß Sie große Verdienste haben,- wenn Gott ein solches Wunder mit Ihnen getan hat. . „Er hat mich bestraft, bestraft hat er mich," wimmerte Ore. „Was für Reden sind das?" versetzte aufgebracht der Bäcker. „Wenn er Sie hätte bestrafen wollen, so hätten Sie: sich das Bein gebrochen. Meinen Sie, daß Sie sich nicht/ hätten das Bein brechen können? Sie hätten sich es brechen können, aber der Rebojne schel Ojlem hat ein Wunder tun wollen. Ich bin neugierig, was das bedeutet, Reb Ore, gehen: wir zum Rebbe." Ore sprang leichenblaß auf. . j „Nicht! Nicht!" flehte er mit gefalteten Händen. „Dann gehen wir also zu seinem Bocher, dem Liweitzer,- das ist auch ein Heiliger, ein Kabbelist." „Nicht gehen wir!" Dieses Sichweigern gefiel dem Bäcker nicht. Er begann; Argwohn zu schöpfen. Wie, wenn die Sache gar nicht wahr wäre? Mie, wenn Ore nur Spaß mit ihm getrieben hätte?- Bald blickte er den Mann mit dem verstörten Gesichte, bald das Brot an. Und wie er das Brot ansah, zuckt er zusammen. Dieses Brot ist nicht sein Brot. Unter. - Millionen^ erkennt er auch seine Laibe. Dieser, da ist nicht sein.; Also hat ihn Ore betrogen, er ist ihm hereingefallen und jetzt wird man in der Gemeinde über ihn lachen. Er geriet darüber in maßlose Wut. „Sie gemeiner Mensch!" brüllte er ohne jedweden Uebergang Ore an. „Meinen Sie, daß ich keinen Verstand habe? Schau cm,. Er rühmt. sich,,' daßerfrischest Brot gestohlen^ hat und daß es über Nlacht vertrocknet ist, als ob er ein, großer Zadik. wäre. 'Und „ er hat gar nicht gestohlen. Sie gemeiner Mensch Sie!" . 1 ‘ ' . . Dev große. Zorn erschreckte Ore. '' 1 * :; r „Schreien Sie nicht, Reb Bünem," flehte, er ihn an. ' „Aber ich -schreie! .Hier ist Ihr Brot und packen, Siefich!" Jetzt , erschrak Ore nochnrehr. .Dieses Brot kann er nicht mitnehmen, er nimmt es nicht mit und wenn man ihn.auch, rädern.sollte.- ./:/■ - : - . . ' j .';.;. „Reb Bünem-" flehte er) - ich will kein Dieb sein. Tuw Sie mir kein Leid an,; Reb Bünem. Ich habe es bereut, zwingen Sitz mich nicht wiederzum Bösen.. Ich bitte Sie im Namen meiner Kinder, ich beschwöre Sie im Namen des heiligen Gottes.".' v :. -; Der Bäcker stutzte. Wer lügt, der< spricht nicht so- Abev dieses Brot ist nicht sein Brot. Er ' wurde versöhnlicher, gestimmt, denn wie, wenn dieser Mensch denn doch nicht gelogen hätte? Wie, wenn dochein kleines Wunder geschehen wäre? - Nur ein ganz kleines. „Also haben Sie es.wirklich gestohlen?" fragte er noch einmal argwöhnisch. . , * „Gestohlen habe ich es, ja, ja." . '' Der Bäcker schlug sich auf die Stirne. ~ „Dann haben Sie es nicht bei mir gestohlen, Reb Ore," sagte er und man sah ihm an, daß ihn dieser Gedanke sehr verstimmte, „dieses Brot haben Sie bei dem anderen Bäcker gestohlen." . - Ore schüttelte den Kopf. Doch der Bäcker blieb hartnäckig dabei und führte als Beweismittel für seine Behauptung solche überzeugende Argumente an, daß Ore schließlich selbst von Zweifeln beschlichen wurde. Es ist ja nicht unmöglich. Er war bei Nacht so verwirrt, daß es kein Wunder ist,, wenn er sich nicht an alles deutlich erinnert. Der zweite Bäcker wohnte nur Vier bis fünf Häuser weiter unten. Er durste die beiden leicht verwechselt haben. Der Bäcker war wieder guter Laune, Wie es scheint, ist das Wunder also doch geschehen. Und er forderte Ore auf, mit ihm zum anderen Bäcker zu gehen. Ore willigte ein. Er will das Sündenbewußtsein, loswerden, ihnl ist es gleich, wo immer dies geschieht. .... . , (Fortsetzung folgt.) . , Literarische Mitteilungen. Mitteilungen des Eesamtarchivs der Deutschen Juden. Herausgegeben von Dr. Eugen Täubler. 2. Jahrgang. Zweites Heft. Leipzig, Gustav Fock, 1910. V Das vorliegende Heft, mit demder zweite Jahrgang schließt, enthält eine Ueberficht über den jüdisch-geschichtlichen Inhalt-des Königlichen Staatsarchivs zu Hannover -von M. Zuckermann und .ein Verzeichnis der Nerrerscheinungen zur Geschichte der Juden in Deutschland vondem Herausgeber-der Zeitschrift. Beide Arbeiten sind ganz vortrefflich. Die Ueberficht zeigt in verständiger Anordnung und in möglichster Kürze den reichen Inhalt-der Archivbestände vom 16. Jahrhundert an vis in das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts mit einem vollständigen Orts- und Personenregister. Die Bibliographie, sehr klär und verständig. geordnet,. 250 Nummern . umfassend, beweist, wie fleißig kleine Beiträge in. Deutschland für die Geschichte der Juden zusammengestellt werdenwenn es auch an großzügigen Werken fehlt. - Die Art. der Züsanimenstellung. und die kurzen Inhaltsangaben seitens deS Herausgebers 'sind mustergültig zu nennen. G. 1 —