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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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317 -- . zweite 1857 in Baltimore, das dritte 1872 in New Jork angefertigt worden ist. ' Der Inhalt des gut ausgestatteten Buchs besteht in 48 Predigten, einem biographischen Essay von Karl Köhler und einer Gedenkrede von E. G. Hirsch. Die Predigten sind deutsch, obgleich sie zum größeren Teil in Amerika gehalten würden. Sie zerfallen in drei Abteilungen: 1. Antritts- und Abschiedspredigten, 2. Predigten cm nationalen Gedenktagen und bei außerordentlichen Gelegenheiten, 3. Festtags- und Sabbatpredigten. Von diesen Predigten gehören, wenn ich recht gezählt habe, nur fünf der voramerikanischen Zeit, alle übrigen 43 dagegen der amerikanischen Epoche an. Ich habe diese starke Predigtsammlung-, sie füllt 399 Seiten, durchgeblättertdabei vieles Schöne gefunden. Zwei aufmerksam gelesen, die Trauerrede über meinen Vater und eine Predigt über die rote Kuh. Sie zeigen, so verschieden sie auch sind, die Vorzüge der Einhornschen Predigtart überhaupt: Klarheit im Aufbau, Schlichtheit der Sprache, Vereinigung des einzelnen mit dem allgemeinen. Gewiß ist es leichter über Abraham Geiger' zu sprechen, als über die rote Kuh. Und ich erinnere mich, wie ein sehr begabter und in seiner Gemeinde hoch geachteter Prediger bei einer Berliner Gastpredigt mit dem letzten Wochenabschnitt (4.B. M., Kap. 19) herzlich wenig anzufangen wußte. Um so interessanter war mir, zu sehen, wie Einhorn den letzteren Gegenstand behandelt. Wie er sich nicht an Einzelheiten klammert, sondern eben das Ganze benutzt, um in der roten Kuh das Symbol der sittlichen Reinigung zu sehen und diese in. schönen edlen Worten zu behandeln. Gerade diese Predigt, mit ihrer geschickten Benutzung talmudischer Worte, mit ihrer innigen Gläubigkeit, mit ihrer gedankenreichen Lebensphilosophie ist ganz besonders schön und überaus charakteristisch für Einhorns Art. Denn seine Hauptbedeutung liegt in seiner Predigertätigkeit. Einhorn ist am 10. November'1809 in Dispeck, einem Dörfchen in Bayern, geboren. Er besuchte die damals berühmte Talmudschule in Fürth. Als er 17 Jahre alt war, erhielt er sein Rabbinatsdiplom, besuchte darauf die Universitäten Erlangen, Würzburg, München, wurde von seinem ehemaligen Lehrer als Abtrünniger betrachtet und entwickelte sich besonders unter dem Einflüsse Schöllings> zu einem freisinnigen Theologen. In Bayern hatte er lange vergeblich zu kämpfen und vermochte bei dem Widerstande der Altgläubigen zu keiner angemessenen Stellung zu gelangen. Erst 1842 erhielt er die Stellung als Landrabbiner in Birkenfeld, im Großherzogtum Oldenburg. Er beteiligte sich lebhaft an den damaligen Zeit- und Streitfragen: den Breslauer Kontroversen, dem Hamburger Tempel, dem Frankfurter Reformverein, stand überall entschieden auf. dem Standpunkt der freiheitlichen Bewegung und trat besonders energisch für dieunbedingte .Entwicklungsfähigkeit des Judentums ein. Er nahm an der zweiten und dritten Rabbinerversammlung teil, sprach sich auf der Frankfurter Tagung für Einführung der deutschen Sprache .in das Gebetbuch aus, für Vorlesung des Prophetenabschnitts in deutscher Sprache und erklärte sich bei der Breslauer Versammlung für die Abschaffung der zweiten Feiertage. Ursprünglich .war er kein unbedingter Anhänger Holdheims, er hatte sogar zuerst lebhafte Streitigkeiten mit ihm über die . lloI-oiäre-Formel zu führen, kam aber später mit ihm in freundschaftliche Verbindung. Ja, er wurde 1847 sein Nachfolger in Schwerin erhielt, als er nach Pest gerufen worden, die Widmung von Holdheims Predigten. In Schwerin verteidigte Einhorn in einem Gutachten die Aufnahme eines unbeschnittenen jüdischen Knaben in das Juden-- tum, und hatte wegen dieses Gutachtens mehrfache literarische Kämpfe zu bestehen. Aber solche kleinen schriftstellerischen Arbeiten und eine fleißige Besorgung seiner amtlichen Tätigkeit waren nicht, geeignet, den eifrig strebenden Mann auszufüllen. -Vielmehr begann er bereits in Schwerin die Arbeit an seinem Gebetbuch, das den Griiudsatz verfocht, die wesentlichen Teile des alten Rituals beizubehalteMund vor allen Dingen die Idee zu festigen, daß Israel zu einer messianischen Wirksamkeit für die Menschheit bestimmt sei. Gerade in dieser messianischen Idee sah er den Ersatz für die Zionssehnsucht mancher Kreise und die Stärkung und Kräftigung eines freudigen Optim ismus an Stelle verdüsternder Resignation, der sich so viele Hingaben. In Pest, wohin Einhorn 1852 berufen würde, begann er sein großes! Werk „Das Prinzip ' des Mosaismus und dessen Verhältnis zum Heidentum und rabbinischen Judentum". In diesem Buche sollte dargetan werden, daß das Zere- monialgesetz, besonders der Priesterkultus, der im Mosaismus eine Hauptstellung einnehme, einen symbolischen Charakter besitze und daher nicht von grundlegender Bedeutung sei. Der erste Band, dieses Werkes erschien 1854> einige Kapitel des zweiten wurden in amerikanischen Zeitschriften Anfang der 70 er Jahre abgedruckt. Schon 1855 wurde Einhorn nach Amerika berufen; er wirkte zuerst' in Baltimore, dann in Philadelphia, dann in New Jork. Nach den mannigfachen schönen Anfängen der Reformbestrebungen, die vor seine Berufung fallen, wurde durch ihn die wahrhafte Reform des Judentums in Amerika eingesührt. Er wurde ihr mannhafter Träger und ihr glänzender Führer. Durch seine Monatsschrift Sinai, die zuerst 1856 erschien, durch seine Beteiligung an den amerikanischen Rabbinerversammlungen, vor allem durch seine Predigten und sein Gebetbuch rückte er an die erste Stelle der hervorragenden und bedeutsamen Träger des Reformkultus. Er war ein durchaus gläubiger Mann, fest in seinem Gottesglauben, in seiner Ueberzeugung von einer Offenbarung durch die Propheten, besonders von der Offenbarung am Sinai. Freilich unterschied er zwischen Zeremonial und Ethik, jenes erachtete er als nur von zeitlicher Bedeutung, die ethischen Vorschriften als unveränderlich, als verpflichten^ für alle Zeiten. Israel war ihm der Träger des Monotheismus für! .alle Zeiten. Den Daviö Ginhorn. v* v

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