Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 aus allgemeinen Mitteln fließt." Leider ist es in Wien nicht der Fall. Alles geschieht, nach einem System: der Klerikalismns, hier gleichbedeutend mit Antisemitismus, ist leider Trumpf. — Vor einigen Tagen besuchte der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, mit seiner Gemahlin die Alfons Freiherr v. Rothschild'schen Gärten auf den Hohen Warte. Der Erzherzog, der selbst ein genauer Kenner der Gartenkunst ist, oerblieb Mit seiner Gemahlin mehr als zwei Stunden zur Besichtigung der eben im vollsten Blüteuschmuck prangenden Gärten. Zum Schluß seines Besuches sprach sich der Thronfolger in schmeichelhafter Weise über die.Anlagen^ aus und verabschiedete sich von Baron Alfons Rothschild, der :bei dem Besuche selbst die Honneurs machte, sehr herzlich. Die Rothschildschen Gärten, bekanntlich eine Sehenswürdigkeit aller- •erften Ranges, stehen alljährlich den Sommer über zur allgemeinen Besichtigung offen gegen das mäßige Eintrittsgeld von einer Krone. Diese Einnahmen fließen der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft zu. Diese Einführung traf noch der vor kurzem verstorbene Baron Albert Rothschild, die sein Erbe, Baron Alfons, im Sinne seines Vaters aufrecht erhält. — Die Wahlen für den Bukowinaer Landtag sind bereits beendigt. Im neuen Landtage werden zehn Juden vertreten sein; von diesen gehören acht der jüdisch-nationalen Partei und zwei dem jüdischen Volksräte an. Vier Juden wurden von der Handelskammer und zwei vom jüdischen Großgrundbesitz gewählt. Die"'Vertreter des jüdischen Großgrundbesitzes sind die am 11. Mai gewählten Jänku Fischer und Josef Blum. — Am 10. Oktober 1910 wurde in Bosnien und Herzegowina eine Volkszählung vorgenommen, deren endgültige Ergebnisse jetzt veröffentlicht werden. ' Demnach beträgt die Gesamtbevölkerung von Bosnien und" der Herzegowina 1 898 044 Personen. Nach Konfessionen verteilt, gibt es im ganzen Lände: 612 090 Mohammedaner, 825338 Serbisch-Orthodoxe, 434190 Römisch-Katholiken, 8136 Griechisch-Katholiken, 6337. Evangelische, . 8202 Spaniolen und 3655 andere Israeliten (Aschkeuasim). — In Biala bei Bielitz ist am 6. Mai der älteste der noch.wenigen lebenden.Radetzki-Veteranen Markus Tramer, gestorben. Er wurde im Lahre 1845 assentiert, hat mehr als zehn Jahre des Kaisers Rock getragen und in den Feldzügen unter Radetzki tapfer mitgefochten. Tramer war Besitzer der päpstlichen, der Kriegs- und Jubiläumsmedaille und des Jubiläumskreuzes und war in. Bieliß-Biala allgemein geachtet, sowie als biederer, .ehrenhafter » Charakter bestens bekannt.?Sein Leichenbegängnis fand Unter sehr großer Beteiligung auf dem israelitischen Friedhofe in Biala-statt. Sowohl Offiziersals Mannschaftsdeputationen der dortigen Garnison, ebenso der Bielitz-Bialaer Militärveteranenverein waren vertreten. Rabbiner Dr. Glaser hielt dem Heimgegangenen, tapferen Krieger einen, ehrenvollen Nachruf. LMMd. z. Warschau, 19. Mai? T>ar. schier" erscheinenden „Hazefirah" wird aus Kiew geschrieben: Die- Gefahr Ist nun. wie es scheint« vorüber, der Tag, an dem man den Ausbruch eines...Pogroms; be ° fürchtete, ist ruhig verlaufen, und allmählig kehrt 'auch Muhe in die erregten Gemüter ein. Der sonst antisemitische „Kiewlianin" brachte dieser Tage einen Leitartikel, der die Ermordung des Knaben Just- , schinski als eine, willkommene ^Gelegenheit für die „schwarze Bande" bezeichnet, um sie für ihre antisemitische Propaganda gehörig auszubeuten. Aus dieser Quelle — behauptet der Artikelschreiber — stammten die in der Petersburger antisemitischen Presse erschienenen Aufsätze über den Kiewer „Ritualmord", und von dieser Gesellschaft sei auch das historische und literarische Material zusammengelragen worden, das die nationalistischen Deputierten zur Begründung ihrer Interpellation benutzten. „Die Interpellation beruhte auf einer so schwachen Basis, daß sie viel eher geeignet war, die Herzen zu beruhigen als neue Zweifel" zÄ erwecken, und um so mehr ist es zu bedauernd daß der rechte Flügel der Duma sich verleiten ließ, eine derartige Interpellation einzubringen'und'sie zu begründen.' In den ersten Jahrhunderten hatten die Christen unter derBlut beschuldigung zu leiden, die erst im Mittelalter gegen die Juden erhoben wurde- Zu. verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern, auch bei uns in Äußjlynd, haben sich die Gerichte mit dieser Frage beschäftigt, aber noch nie ist es ihnen gelungen, auch nur den Schimmer eines Beweises fün die -bloße Möglichkeit .eines Ritualmordes. zu entdecken. .-Schon die Vermutung eines , solchen allein ist. aus lächerlichen Sagen und äußerst gewagten Hypothesen begründet, und darumhat niemand das Recht, einen unaufgeklärten Mord eines Christen als einen jüdischen „Ritualmord" zu bezeichnen." Da der „Kiewlianin" auch in Regierrmgskreisen stark verbreitet ist, so ist seine öffentliche Stellungnahme gegen die Blutbeschuldignng nicht hoch genug einzuschätzen. Inzwischen wollen Eingeweihte wissen, daß es dem Staatsanwalt bereits gelungen sei, den wahren Mörder des Knaben zu entdecken; es soll sein eigener Onkel, ein Bruder seiner Mutter sein. Ein christliches Dienstmädchen soll geäußert haben, daß ihr die Einzelheiten dieses Mordes bekannt seien, aber aus Angst vor ihren Verwandten könne sie der Staatsanwaltschaft keine nähere Mitteilung machen. Als Tatsache ist zu registrieren, daß der Fuhrmann, der die Leiche des Knaben in die Stadt gebracht, ermittelt und ein Christ ist. Es wird behauptet, daß der „Kiewlianin" nunmehr aus dem Grunde gegen die Möglich- . feit eines Nitualmordes auftritt, weil ihm, dessen Leitung der Staatsanwaltschaft und dem Gericht nahe steht, bekannt geworden ist, daß die Spur des wahren Mörders bereits vorhanden sei. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, daß der „Kiewilianin", trotz seiner antisemitischen Tendenz, sich in dieser Mordaffäre während der ganzen Zeit streng neutral verhalten hat. Aus Angst vor einem Pogrom logierten sich viele Glaubensgenossen am letzten Sabbat in Hotels im Zentrum der Stadt ein, andere verließen ihre Häuser, um in befreundeten christlichen Familien Schntz und Zuflucht zu suchen. Nun aber kehren die Flüchtlinge in ihre Wohnungen zurück, da begründete Hoffnung vorhanden ist, daß keine Ruhestörung eintreten wird. Von Mh und Fern. — Der Kaiser, der mit der Kaiserin das Protektorat über die Sir Ernest Cassels britisch-deutsche Stiftung übernommen hat, hat zu Mitgliedern des Verwaltungsrates außer einigen Staats» Ministern a. D. und Hosbeamten den Generaldirektor Ballin, den Geheimen Kommerzienrat Ed.Arnold und den Bankier Max M. Warbnrg ernannt,, letzterer soll auch dem -dreigliedrigen Verwaltungsausschuß angehören. — Der Reichskanzler sandte der Witwe des kürzlich gestorbenen Kommerzienrats Benjamin Hirsch in Halberftadt folgendes Beileidstelegramm: „Beim Hinscheiden Ihres verehrten Gatten spreche ich Ihnen meine herzlichste Teilnahme aus. Ich habe den Verewigten, welcher einer der Industriellen meines alten Kreises war/ um seines trefflichen Charakters und seiner Wohltätigkeit willen besonders hoch geschätzt." — Der Kultusminister ordnete an. daß am 30. September, dem hundertsten Geburtstage der Kaiserin Augusta,. der Gemahlin Kaiser Wilhelms!., in allen Schulen Preußens Festakte stattfinden sollen. — Dem Notar Justizrat Rudolf Schin dler in Frankfurt,a. O. wurde der Rote Adlerordeu IV. Klasse verliehen. — Das Stadtver.ordnetenkollegium in Tilsit hat in. seiner letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, auch für den jüdischen Religionsunterricht an der städtischen höheren Töchterschule. der Königin-Louisenschule, die Kosten auf den Stadtsäckel zu übernehmen. Handelt es sich dabei auch nur um einen verhältnismäßig geringen Betrag von 150 Mark, der dafür bewilligt wurde, so ist dies doch bedeutungsvoll für das Prinzip, das einem solchen Beschluß zugrunde liegt. — Ebenso wird aus Guhrau, Bezirk Breslau, 'berichtet: In der letzten Stadtverordnetenversammlung wurde beschlossen, der hiesigen jüdischen Gemeinde zu den Kosten des Religionsunterrichts den bisherigen Zuschuß auch für das Etatsjahr 1911 zu gewähren. — Dem Stadtrat Max Simon in Elberfeld wurde aus Anlaß seiner mehr als 33jährigen Tätigkeit im Vorstand der Synagogengemeinde und als Vorsitzenden desselben der Kronenorden IV. Klasse verliehen. — Aus Würzburg wird uns geschrieben:. Der bei einem Wagenunfall tödlich verunglückte erste Assistent an der hiesigen Königlichen Universitäts-Zahnklinik Herr Ludwig Stetten heimer wurde auf dem israelitischen Friedhof beerdigt. In dem Kondukt befanden sich unter anderen: der Rektor der Universität, Geheimer Hofrat Reichsrat Professor Dr. Georg v. Schanz, der Dekan der medizinischen Fakultät Geheimer Hofrat Professor Dr. Heß, der Vorstand der Universitäts-Zahnklinik Professor Dr. Michel mit den Assistenten und Schülern. Am Grabe sprachen Distriktsrabbiner Bamberger und Professor Dr. Michel, welcher besonders der