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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-05-19 · Heft 20 (19.5.1911) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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dem Lande untergebracht, die übrigen am Platze selbst. Auch der > Stellennachweis für Frauen und Mädchen hat seinen Wirkungskreis erheblich erweitert. Von Oktober 1909 bis Oktober 1910 haben sich 901 Arbeitgeber und 990 Stellungsuchende an den Stellen-' Nachweis gewandt, davon 703 bzw. 680, die auf Sabbatruhe Wert legen. 273 Stellen konnten vermittelt werden; davon entfallen auf häusliche Berufe 224, während die gewerblichen und geschäftlichen Berufe mit 49 Stellen vertreten sind,. Der Bericht konstatiert mit besonderer Genugtuung, daß neben der. lokalen Tätigkeit auch die Arbeit in Galizien einen erfreulichen Fortgang nimmt. Als erstes greifbares Resultat dieser Arbeit kann es bezeichnet werden, daß auch in der dortigen Intelligenz das : soziale Verständnis sich zu regen beginnt und an soziale Pflichten mahnt. Eigene Organisationen entstehen, die eigenes schaffen wollen. Auch die Bekämpfung des Mädchenhandels als soziale Aufgabe findet in Galizien nach und nach Verständnis. Kolomea hat eine Liga, die sich auf Anregung des Vereins mit Frauen- und Mädchenschutz beschäftigt. In Czernowitz wird an einem zweiten Bahnhof eine Bahnhofsmission eingerichtet aus Mitteln, die seiner Zeit von Herrn Charles Hellgarten zur Verfügung gestellt wurden. Den Einnahmen für die gesamten Zwecke der weiblichen Fürsorgetätigkeit in der Höhe von 4950 Mark stehen Ausgaben im Betrage von 1797.58 Mark gegenüber. Die Mitgliederbeiträge betrugen' 1449 Mark, an Geschenken und Subventionen gingen ein 3348 Mark. Nach der geschilderten umfassenden Tätigkeit des Vorstandes der „Weiblichen Fürsorge" wird sich niemand mehr der Ueberzeugung erwehren, daß, wie der Bericht am Schluß richtig bemerkt, „der Verein eine Organisation geworden ist, durch deren verschiedene Zweige als einigender Gedanke sieghaft das feste Wollen geht, jüdische Frauenkraft in den sozialen Dienst zu stellen und für diesen Dienst zu schulen". G esterretch-Mngarri. K. Prag, 13. Mai. Am 11. d. M. vollendete der Senior des Professorenkollegiums der deutschen medizinischen Fakultät in Prag, der Vorstand der ersten medizinischen Klinik, Hofrat Alfred Pribram, sein 70. Lebensjahr. Zugleich sind nun 50 Jahre verflossen, seit er an dieser Universität den Doktorhut erwarb, und in dieser ganzen langen Zeit hat Hofrat Pribram in den verschiedenen Stadien der akademischen Karriere in der Hauptstadt Böhmens eine ausgedehnte und erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. Hofrat Pribram ist trotz der vielen Verlockungen und Versuchungen, die an ihn in früheren Jahren in jeglicher Gestalt herangetreten sind, ein treuer Sohn seines Glaubens geblieben. Diese Tatsache kann in unserer Zeit des Renegatentums nicht genug lobend hervorgehoben werden. Nach alter jüdischer Sitte übt auch der Jubilar viele Wohltaten im Geheimen, an Kranken und Gesunden, aber vor allem cm seinen armen Schülern, an denen an der Prager medizinischen Fakultät leider kein Mangel ist. Kein Wunder also, daß der 70. Geburtstag dieses Gelehrten von seinen ehemaligen und gegenwärtigen Schülern besonders feierlich und freudig begangen wurde. Hofrat Pribram ist als Sohn eines hochangesehenen Prager Arztes, der der Begründer des Vereins deutscher Aerzte in Prag war, geboren. Alfred Pribram war erst 20 Jahre alt, als er zum Doktor der Medizin an der Prager Universität promoviert wurde. Nach einer arbeitsreichen, harten Dienstzeit in engen Verhältnissen wurde Pribram 1869 als Privatdozent für innere Medizin habilitiert. Die vielseitigen Kenntnisse und die umfassende Ausbildung des jungen Dozenten fanden die Anerkennung der Fakultät und der Negierung, die den jungen Gelehrten bald (1873) zum außerordentlichen Professor ernannte. Nach dem Abgänge Anton v. Jakschs (1881) wurde Pribram zum j ordentlichen Professor und Vorstand der dritten medizinischen Klinik i ernannt. Diese Klinik vertauschte er später mit der ersten medizinischen Klinik, die er bis jetzt noch inne hat. Hier hat Pribram; mit großem Eifer und steter Pflichttreue die ganzen Jahre hindurch; eine rege Lehrtätigkeit entfaltet und feinen Ruf als einer der bedeutendsten Therapeutiker der Gegenwart begründet. Hier war auch? das Feld, wo er, abgesehen von seinem speziellen medizinischen Wissen, durch seine Persönlichkeit und die Art seiner Wirkung; im Verkehr mit den Kranken zur Geltung gekommen ist. — Seine ' Güte und warme Anteilnahme an fremdem Leid hat er auch sonst im Leben oft genug, so z. B. in der Fürsorge für erkrankte Studierende betätigt. „Durch sie," so schreibt die „Bohemia" in ihrem Leitartikel vom 10. Mai, „und eine natürliche Bescheidenheit, welche das Hervortreten in der Oeffentlichkeit nach Tunlichkeit meidet, hat er sich allgemeine Anerkennung erworben. Nur dort, wo im öffentlichen Leben auch wirkliche Arbeit zu leisten ist. hat Pribram sich den Anforderungen, die an ihn herantraten, nicht entzogen. Er ist seit vielen Jahren im Landessanitätsrat als Vizepräsident, im Verein vom roten Kreuz und dem zur Erhaltung eines Rekonvaleszentenheims für arme Kranke mit Hingebung tätig. Diesen Eigenschaften und dieser stillen, aber erfolgreichen Tätigkeit hat es denn auch nicht an Anerkennung gefehlt und die Ernennung zum Hofrat, die Verleihung des Ritterkreuzes des Leopoldordens, wie auch die wiederholte Wahl zum Dekan der medizinischen Fakultät der altehrwürdigen deutschen Universität in Prag, die glänzende Feier seines 30 jährigen Professorenjubiläums (1903), wo ihm eine stattliche Festschrift mit Beiträgen seiner Schüler überreicht wurde, sind sprechende Beweise hierfür, wie das allgemeine Vertrauen aller Bevölkerungsschichten, die ihm entgegengebracht wird auf einem Boden, wo alles, von den Straßentafeln angefangen bis zur Umgangssprache der Dienstboten zum Politikum wird, und deswegen von besonderer Bedeutung ist. So kann Hofrat Pribram an seinem Ehrentage auf eine, von vieler Arbeit erfüllte, aber auch mit wohlverdientem Erfolg gekrönte Laufbahn zurück blicken, und obgleich er diesen Tag außerhalb seines Wirkens verbringt, so folgen ihm die Wünsche seiner dankbaren Schüler und vieler Leidenden, denen er mit den reichen Gaben seines Geistes und Herzens werktätige Hilfe geboten und Gutes getan hat." Aber auch wir rufen dem gelehrten Jubilar, aus den das Judentum mit Recht stolz sein kann, zu.: ad multus annos. LusMnd. L. A. T. Petersburg, 10. Mai. Der verabschiedete Fähnrich Makarow in Moskau heiratete eine Jüdin, die zur rechtgläubigen (prawoslawny) Kirche überging. Später trat dieselbe wieder zum Judentum zurück. Bei der Moskauer Administration entstand nun die Frage über ihr Wohnrecht in Moskau, und der Stadthauptmann wendete sich an das Konsistorium mit der Bitte, daß dasselbe nunmehr entscheide, ob die Ehe der Makarows gegenwärtig gültig sei oder nicht. — Eine Deputation der Borisower (Minsker Gouvernement) städtischen Verwaltung begab sich nach Petersburg, um sich für die Abänderung der Aufnahmebeschränkung der Juden im Knabengymnasium, welches die Stadt aus ihren Mitteln erhält,, zu verwenden. Sollte diese Verwendung keinen günstigen Erfolg haben, so wird man gezwungen sein, das Gymnasium zu schließen. — In den Gebieten von Chiwa und Buchara beginnt man das Wohnrecht der Juden, die russische Untertanen find, anzutasten. Die Juden sind ratlos und wissen nicht, an wen sie sich um Hilfe wenden sollen. Die lokalen Gesetze gestatten ihnen dort zu wohnen, in den russischen Gesetzen gibt es ebenfalls keine Beschränkungen für dieselben. — Den Kindern der jüdischen Soldaten aus der Zeit Nikolaus I. am Amur zu wohnen, wird nunmehr nicht gestattet. Die an den Minister des Innern gerichteten Fürbitten bleiben ohne allen Erfolg. — Der verstorbene Symferopoler Apotheker A. B. Kowler vermachte sein ganzes Vermögen, aus einer Apotheke im Werte von vierzigtausend Rubel und einem baren Kapital von ebenfalls vierzigtausend Rubel bestehend, zur Errichtung eines Krippenasyls für jüdische Waisen der Stadt Symseropol. Ehre seinem Andenken. — Die Ekaterinoslawer Abteilung der technischen Gesellschaft nahm als Mitglied die erste Frau, Jngenieurelektrotechniker Fräulein Lurje, auf. — Wie die russischen Zeitungen mitteilen, hat die Polizei in Stawropol (Kaukasus) allen dort wohnenden Juden besohlen, im Laufe von drei Tagen die Stadt zu verlassen und nach ihrer Heimat sich zu begeben. — Die Bauernkommission in Czenstochow (Polen) begann wiederum die Juden aus den Dörfern auszuweisen. Im Dorfe Eidel hat das dortige Gericht die Anordnung des Czenstochower Kommissars abgeändert. — Anstatt des verstorbenen Mitgliedes des gelehrten Komitees im Ministerium für Volksaufklärung Baron David v. Günzburg ist der Orientalist und Semitologe I. Markon ernannt worden. — In Kertsch wurde zum Gemeinderabbiner Dr. Emmanuel gewählt. Der Wahl wohnte der Polizei, meister bei.

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