Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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<fjei*abe die weibliche Jugend kräftig sein muß, um den gesteigerten Anforderungen, die das Leben an sie stellt, genügen zu müssen, hat der Israelitische humanitäre Frauenverein schon seit zwei Jahren eine Ferienkolonie in Segeberg unterhalten. Der Erfolg war ein so augensichtlicher, daß der Vorstand den Wunsch hatte, noch intensiver der weiblichen Jugendfürsorge zu dienen und in eigenen Räumen eine dauernde Institution zu schaffen — als Ergänzung der in Hamburg schon lange segensreich wirkenden Vereine, die für Erholung von Kindern und Erwachsenen Sorge tragen. Das sich immer weiter entwickelnde Bestreben, jüdische Mädchen einem Beruf zuzuführen, soll auch durch das neue Erholungsheim in Segeberg insofern kräftige Unterstützung finden, als hiermit den jüdischen, wirtschaftlich noch schlecht gestellten Mädchen ein Erholungsheim geschaffen wird, das streng religiös .geführt, ihnen eine unentgeltliche Aufnahme für vier Wochen gewährt. Die Erholungsheime der Krankenkassen nehmen ja bekanntlich auf rituelle Beköstigung lifta keinerlei Rücksicht. Das neue Heim liegt von Tannen ringsum eingeschlossen, hat 14 große Zimmer. Vor- und Hintergarten und entspricht allen Anforderungen der Hygiene. Die Leitung des Hauses hat eine in der Krankenpflege ausgebildete Schwester übernommen. Diese Schwester ermöglicht es auch, Knaben und Mädchen, die noch nicht zur Schule gehen — also im 4. bis 6. Lebensjahr stehen — aufzunehmen. Gerade diese Kinder, die noch in keiner bestehenden Institution Berücksichtigung finden', bedürfen nur zu oft — da es ihnen häufig ail Licht und Sonne, an der dem Körper so nötigen kräftigen Ernährung fehlt — der Erholung. ’ Und auch dafür ist das Haus und das Solbad Segeberg vorzüglich geeignet. Am 15. Mai soll das Erholungsheim eröffnet werden und in vier Abteilungen je 20 bis 24 Insassen aufnehmen. Zuerst werden die schulentlassenen und die M Beruf stehenden jungen Mädchen ausgenommen, und nach den Ferien wird das Heim den jüdischen Schulmädchen geöffnet sein. Die Aufnahme erfolgt nur gegen ärztliches Attest, und die Erholungssucheuden sind auch in Segeberg einem Arzt unterstellt. So ist denn unsere Gemeinde wieder um eine segensreiche Institution bereichert worden. Der Vorstand des Humanitären Frauenvereins beabsichtigt, sobald die pekuniären Mittel es erlauben, das Heim nicht nur in den Sommermonaten, sondern vom März bis zum Herbst hinein geöffnet zu halten, damit die Jugend hier Kräftigung und Erholung findet. 2. Bochum. 12. Mai. Der Zentral-Armenverband der Synagogengemeinden in Westfalen und angrenzenden Bezirken hielt Mittwoch nachmittag dahier die jährliche ordentliche Mitgliederversammlung ab, auf der 25 Delegierte aus den angeschlossenen Verbandsgemeinden vertreten waren. Seit Oktober vorigen Jahres ist die Gesamtorganisation für Deutschland zur Bekämpfung des Wanderbettels in Tätigkeit getreten. Es ist seitdem die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß der Wanderbettel fast vollständig aufgehört hat. An der Zentrale sind in diesem Jahre nur 1103 Personen gegen 2200 im Vorjahre unterstützt worden. An. der Rückwandererzentrale Köln haben 1095 Personen Reife- und Unterstützungskosten erhalten, für die von dem Verband Bochum 5232 Mark gezahlt wurden. Die Gesamtausgaben betrugen 10081,73 Mark. Für das Jahr 1911 werden ebenfalls zirka 10 (00 Mark notwendig sein. 9400 Mark sind durch Beiträge der Gemeinden sicher. Etwa fehlende Gelder sollen nach dem Antrag des Herrn Kanzleirats Kirsch - Essen am Ende des Jahres durch eine Nachzahlung bis zu 10 % des Jahresbeitrags von den Gemeinden erhoben werden. Freiwillig erhöhten die Gemeinden Essen, Bochum, Rheda und andere ihre Beiträge. Nach einer längeren Besprechung von Vereins, angelegenheiten schloß die von Herrn Kommerzienrat Schüler-Bochum geleitete Versammlung. Gr. München, 12. Mai Das israelitische Pensionat an der Kaulbachstraße 65 dahier ist durch einen Erweiterungsbau, der in diesen Tagen in Benutzung genommen wurde, wesentlich vergrößert worden. Die Anstalt gewährt alleinstehenden und verheirateten, älteren Personen israelitischer Religion gegen mäßige Entschädigung Wohnung und volle Verpflegung, ähnlich wie bei den hiesigen städtischen Anstalten. Die Zahl der Zimmer, die bisher17 betrug, ist durch den Anbau auf 32 erhöht worden. Der Erweiterungsbau entspricht in sanitärer Beziehung den modernen Anforderungen und ist in mustergültiger Weise ausgestaltet und mit allen neuzeitlichen Einrichtungen versehen. Lustige Väurne, breite Gange, ein schönes Treppenhaus mit reicher Luftzufuhr'zeichnen den Bau aus. Ein vorhandener, hübsch angelegter Garten hat durch den Anbau in seinem Ausmaß eine nur unbedeutende Kürzung, erfahren. Entwurf und Ausführung des Erweiterungsbaues lagen in den Händen des Baugeschäfts und Architektur-Bureaus Richard Kaufmann in München-Solln. Die Verwaltungsräte der Anstalt, die Herren Michael Nußbaum und Albert Landauer haben sich um das Zustandekommen des Baues große Verdienste erworben und zum Gelingen des Werkeslatkräftigst beigetragen. Ihren Bemühungen ist es gelungen, eine Reihe von namhaften Schenkungen und Stiftungen zu erwirken, so daß die Kosten des Baues aus diesen Zuwendungen nahezu ganz gedeckt werden konnten Die Anstalt ist noch nicht voll besetzt, 6 Personen, können in derselben noch Aufnahme finden. Gesuche sind bei der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde in München einzureichen, wo auch alle weiteren Aufschlüsse eingeholt werden können. L. Frankfurt a. M., 12. Mai. Der Verein „Weibliche Fürsorge" versendet seinen Bericht für das Jahr 1910. Aus dem reichen Inhalt ist zu ersehen, daß der Verein im abgelausenen Geschäftsjahr eine Fülle von Arbeit auf den verschiedensten Gebieten sozialer Hilfstätigkeit geleistet hat. Durch die ununterbrochene Werbearbeit hat sich die Zahl der Mitglieder verdoppelt, doch wäre zu wünschen, daß der Verein durch die Art seines Wirkens immer mehr neue Freunde und Gönner gewinne. Die veränderten Statuten wurden von der letzten Generalversammlung genehmigt, ebenso die Wahl der neuen Vorstandsmitglieder, der Damen Lina Konder und Therese Freimann, bestätigt. Frau Louise Goldschmidt, die sich um den Verein große Verdienste erworben hat, wurde als erstes Ehrenmitglied eingetragen. Ueberall wo es sich darum handelte, der Frauenarbeit den ihr gebührenden Platz zu sichern, wo Fragen erörtert wurden, die jüdischen Frauenerwerb betrafen oder gar, wo zur Heilung sozialer Schäden aufgefordert wurde, war der Verein durch Delegierte vertreten. So bei den auswärtigen Tagungen des Internationalen Kongresses zur Bekämpfung des Mädchenhandels in London, des Bundes Deutscher Frauenvereine in Heidelberg, des jüdischen Frauenbundes in München. Ebenso steht er mit der Stadtmifsion und deren Zufluchtsstätte in regelmäßiger Verbindung und betätigte sich auch in der Gefangenenfürsorge. Der Rechtsschutzstelle für Frauen gehört der Verein als Mitglied an. Besondere Sorgfalt wendet der Verein der Säuglingsfürsorge zu. Um der prozentual äußerst hohen Sterblichkeit einigermaßen Einhalt zu tun, werden diejenigen Mütter, die sich an die Beratungsstelle wenden, zunächst zur Selbstillung veranlaßt. Da, wo es durch die schlechten Gefuudheitsverhältnisse der Klientel nicht erreicht werden kann, oder wo sich dieselben Beschränkung auferlegen müssen, tverden die Säuglinge aus der Säuglingsmilchküche mit Milch versorgt. 138 von diesen erhielten Nahrung aus derselben. Ein Drittel war schon erkrankt und mußte ärztlicher Behandlung übergeben werden. Immerhin mußte es als ein Fortschritt angeseheri werden, daß % der Kinder schon im ersten Lebensmonat auf der ärztlichen Beratungsstelle gesehen wurden. Es konnte dadurch weiteren Schäden durch ungeeignete, künstliche Nahrung vorgebeugt und der Mehrzahl rationelle Pflege und Behandlung zuteil werden. Als eine seiner vornehmsten sozialen Aufgaben betrachtet es der Verein, Kinder im heranreifenden Alter, die infolge trauriger Familienverhältnifse der sozialen Verelendung, der Armenpflege anheimfielen oder gar aus die Bahn des Verbrechens geführt werden, ihrem unheilvollen Einflüsse, zu entziehen und sie in Pflegestellen unterzubringen, wo eine unbedingte, Gewähr für Reinheit und Sittlichkeit gegeben ist. Zuweilen ist auch Tuberkulose oder eine sonstige unheilbare Krankheit in der Familie, die eine Trennung der Kinder von den Eltern erfordert. Aber nur schwer finden sich solche geeignete jüdische PflegesteÜen. Darum wurde der Plan ins Auge gefaßt, in Isenburg ein rituell geführtes Kinderhaus zu errichten, das Säuglingen und Kindern beiderlei Geschlechts bis zum 6. Lebensjahr Aufnahme gewähren soll, um diesen Kindern bei sorgfältiger Pflege und Erziehung einen Ersatz für das Elternhaus zu schaffen. Zu den 45 Pflegekindern vom letzten Jahre sind noch 19 Neuaufnahmen zu verzeichnen, so daß die dazu eingesetzte Kinderschutzkommifsion die Aufsicht über 64 Kinder führt. 22 sind davon auf.