Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I.. Mreslau, .28. Äpril. In dem foebem erschienener: 68. Jahres» bericht der -Eemeinde-Religionsunterrichtsanstalt -weist: der Dirigent, Herr Rabbiner Dr. ,J. Muttnrann, aus Anlaß , der im vorigen Jahre -begangenen Feier des .100. Geburtstages des Gründers der Anstalt, Dr. Abraham -Geiger, :auf -die mannigfachen Gründe .hin, die zu dem Religionsunterricht in' seiner gegenwärtigen Gestaltung geführt.haben. Die heutige Religionsschule ist:riue .der .positiven -Reformen der Resormbewegung cder ersten Jahrzehnte 'des vorigen.Jahrhunderts,-und ibie Religionsschule in Breslau -hinwiederum ist die erste -Schöpfung ihrer Art .in 'Deutschland, der der gefeierte Altmeister.der Reform das Gepräge seiner -Geistes- und Gedankenrich'tung für immer gegeben hat. Unter dem Einfluß der veränderten Zeit- und Lebensverhältnisse mußten die alten Formen der religiösen Unterweisung unserer jüdischen. Jugend einer neuen vernünftigen Methode, wie . sie durch die besten .Pädagogen jener Zeit erprobt war, weichen und für den Unterricht selbst neue Ziele und Programmpunkte aufgestellt.werden. Auch' die späteren. Leiter der Schule haben im Sinne .des Begründers gewirkt und ihr. den Ruhm eines Musterinstituts in unserem deutschen Vaterlande verschafft. Das neue Schulhaus, das die Gemeindeverwaltung mit seltener Opfcrwilligkeit hat errichten lassen und das allen Anforderungen der Schulhygiene sowie auch der schultechnischen Seite genügt, wird sicherlich dazu beitragen, ihr diesen alten Ruf zu erhalten und der ehrwürdigen. Anstalt eine neue Blütezeit religiösen Lebens zu sichern. Die Anzahl der Zöglinge betrug am Ende des vorigen Schuljahres an der Unterrichtsanstalt II 254, neu hinzukamen im Laufe des Jahres 78, so daß im ganzen am Unterricht teilnahmen: 352, und zwar 204 Knaben und 128 Mädchen. An der Religionsunterrichtsanstalt betrug die Anzahl der Zöglinge am Ende des Schuljahres: 25, und zwar 12 Knaben und 13 Mädchen. Die Gesamtzahl war demnach: 363, und zwar 216 Knaben und 147 Mädchen. An der Unterrichtsanstalt II unterrichten außer dem -Dirigenten noch, sechs Lehrkräfte. An der Unterrichtsanstalt III setzt sich der Lehrkörper aus zwei Herren und zwei Damen zusammen. Als das wichtigste Ereignis des letzten Schuljahres kann der Umzug in das neue.Schulhaus bezeichnet werden. U Hamburg, 26. April. Frau Ernestine Goldfrecht, die Mitbegründerin des Israelitischen chumanitüren Frauenvereins, die Vorsitzende des Gemeinschaftsheims und Vorstandsmitglied vieler anderer Wohltätigkeitsinstitutionen ist-nach kurzer -Krankheit aus' dem Leben geschieden. Der Heimgang dieser edlen Frau bedeutet für das Wohltätigkeitsgebiet unserer Gemeinde einen schweren Verlust. Die Verblichene hät sich auf den verschiedensten Gebieten der humanitären und gemeinnützigen Wirksamkeit besonders hervorgetan. Zur Trauerfeier, die in der Kapelle des Israelitischen Friedhofs in Ohlsdorf stattfand, chatte sich eine große Gemeinde eingefunden. Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Verwandten und zahlreichen Freunden viele Deputationen von Vereinen und Institutionen, in denen die. Verstorbene viele.Jahre in der Verwaltung tätig war. Die Trauerrede hielt Herr Prediger Dr. Leimdörfer, der in eingehender und ergreifender Weise die vielfachen und weitverzweigten Verdienste der-jäh Dahingeschiedencn aus persönlicher Erfahrung in den innigsten und eindruckvollsten Worten würdigte und ihren plötzlichen Heimgang im Namen ungezählter Freunde, Verehrer und Schützlinge aufs .tiefste beklagte. Auch der geistigen Bedeutung und den bewunderungswürdigen Charaktereigenschaften der Entschlafenen widmete der Trauerredner eine ehrenvolle Betrachtung. Für-den humanitären Frauenverein und für das Gemeinschaftsheim hielten die Herren Tr. Rieger und Paul Lasker noch tiefempfundene Gedenkreden. Vor-der öffenen^rüst sprach Herr Dr. Leimdörfer noch ein Segenswort und widmete der teuren Toten den letzten Scheidegruß. In tiefer/Ergriffenheit -trennten sich die^Leidtragenden von der Stätte des Friedens, wo Ernestine.Goldfrecht jetzt ihre Ruhestatt gefunden hat- L2 Frankfurt a. M., 28. April. In der imposanten Versammlung.' die gestern abend in Frankfurt a. M. in flammenden Kundgebungen gegen' die Zurücksetzung der Juden im deutschen Heere -Protest einlegte, streifte 'der- -erste -Redner, Justrzrat - Bernhard Breslauer-Berttn — auch die Verhältnisse in den Heeren anderer Länder-und bemerkte-dabei unter anderem, daß, während die deutsche Armeeckeinen einzigen -jüdischen Offizier zählt,;Oesterreich, Matten,. ,Frankreich, England-und ^Amerika Hünderte von hohen und höchsten Offizieren -jüdischen 'Glaubens hätten, .ja, daß sogar -in der:russischen Armee im letzten Krieg jüdische Offiziere mit Anerkennung gefochten hätten. -Es.ist vielleicht bei dieser Gelegenheit für weitere Kreise von Interesse, von einer Verlobung zu berichten, die in diesen Tagen zwischen der Tochter einer angesehenen deutschen -jüdischen Familie und - einem italienischen jüdischen Artillerie-Offizier stattgefunden hat. Der.Bräutigam ist der Sohn eines Bankiers in Turin, dessen Bruder der bekannte Senator und Präsident des Staatsrats in.-Rom, -Eminenz Giacomo Malvano ist. .Dieser leitete 40 Jahre hindurch als Generaldirektor im Ministerium des Aeußern die auswärtige Politik Italiens und ist ebenso Jude, wie seine Verwandten — der verstorbene Kriegsminister Ottolenghi -und der seitherige Finanzminister und Ministerpräsident Luzzati. Sie alle haben dem Staat in ihren hohen Stellungen große Dienste geleistet. Möge der Zeitpunkt nicht fern sein, an dem es auch den Söhnen achtbarer jüdischer Familien im Deutschen Reich vergönnt sein wird, sich für das Vaterland in hervorragenden Stellungen zu-betätigen. An der Fähigkeit und Tüchtigkeit hierzu würde:es gewiß nicht fehlen. £2 Bruchsal, 27. April. Eine eigenartige Feier fand letzten Samstag abend imSaale des Hotel Krämerhier statt. Der jüdische Militärunterstützungsverein, die Milizenkasse Bruchsal feierte ihr hundertjähriges Jubiläum, zu dem außer den Mitgliedern die Vertretung der israelitischen Gemeinde hier, die Gauleitung des unteren Kraichgau-Mitttärvereinsverbandes, der Verwaltnngsrat des Krieger- und Verteranen-Unterstützungsvereins sowie .diejenigen israelitischen Gemeindemitglieder, welche Soldaten waren, geladen waren. In seiner Begrüßungsansprache konnte der Vorsitzende des Vereins, Herr Jakob Oppenheimer, hervorheben,. das wir es hier mit dem ältesten Militärunterstützungsverein Deutschlands zu tun haben; die Bruchsaler Juden hätten sich immer als tüchtige Soldaten bewährt, und bei Ausbruch des 1870er'Krieges seien die beiden hiesigen Rabbinersöhne Friedberg die -ersten -gewesen, die sich "als Kriegs, freiwillige gemeldet hätten. Einer von ihnen, Herr Dr. M.Friedbergsei geschmückt mit 'dem eisernen Kreuz und mit dem Zähringer Löwenorden mit Schwertern vom Feldzuge zurückgekehrt und sei der Mitgründer des Veteranenbereins und das älteste Ehrenmitglied desselben geworden. Von den 195 wahlberechtigten Bruchsaker Israeliten seien über die Hälfte gediente Soldaten, ein Verhältnis, das wohl kaum-übertroffen werden könne. Sein Hoch galt unserm Großherzog.- Herr Sigmund Sulzberger zog alsdann eine Parallele zwischen dem Deutschland von. 1811, dem Gründungsjahre, und dem Deutschland von 1911, dem Jubiläumsjahre des Vereins. Einstimmig sei der Verein der Ansicht gewesen, das eine Jubelfeier nicht würdiger begangen werden könnte, als wenn der Verein der ihm nahestehenden Veteranen gedächte, denen es vergönnt war, bei dem großen Kriege mitzuwirken, der unser neues Deutschland geschaffen. Er überreichte den fünf jüdischen Veteranen einen namhaften Ehrensold, außerdem der Gauleitung einen Betrag zur Unterstützung bedürftiger Veteranen. Redner betonte weiter, daß alle Angriffe unserer Gegner, sei es in der Presse oder im Parlament, aber auch alle Zurücksetzungen von uns nicht anders beantwortet würden, als daß wir auch - in der Zukunft unsere Pflicht tun, so, wie wir sie seither getan haben. Im Gegenteil, nicht minder wie all unsere Mitbürger würden wir wirken, patriotische Gesinnung und Vaterlandsliebe unserer Jugend anzuerziehen, damit auch die späteren Geschlechter von einem Geist erfüllt seien, der bierRückkehr von Zeiten, wie vor hundert Jahren, unmöglich mache. Redner schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Ferner.sprachenHerr Bezirksrabbiner Dr. Grzymisch,,Herr Stadtrat Louis Marx, sowie namens der Gauleitung Herr Emil Siegel und .names -Des Veteranenvereins Herr Emitt Biedermann,'die alle dem festgebenden Verein ihren Dank und ihre Glückwünsche zum Ausdruck brachten. In rascher Folge wechselten viele ernste und Heitere Darbietungen, und -erst spät endigte die überaus schön verlausene patriotische? Feier. OesterreichMnsarn. X. Wien, 26. April. Bei den heute in Czernowitz vorgenommenen Landtagswahlen wurden Dr. Weißelberger (Straucher-Partei) und Universitätsprosesfor Dr. .Kellner? (jüdischer Volksrat) gewählt. Die