Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 17 Berlin, 28. April 1911 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippjon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel- oder die Post (in Berlin und vor^ orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. Interesse Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straßzu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Gemeindesragen. Von Rabbiner Dr Julius, Krünthal- Jjllijull.. Pinne. — Die Woche. — Brief' ans London. Von Dr. I. Chotzner. — Die sechste ordentliche Tagung der badischen Landessynode. — Moritz Deutsch s. A. Von A. Fried mann-Berlin. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Zeitschriften. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des. Judentums"). Berlin, Allenstein, Graudenz, Frankfurt a. M., Ellwangen (Württemberg), Wien. ,— Von Nah und Fern. Gemrindekrsgen. II. Bemerkungen zu einem künftigen -rutschen Synagogentargum. Von Rabbiner Dr. Julius Grünthal-Pinne. Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Berlin beahsichtigt, der Vorlesung aus der Thora in den Synagogen am Sabbat eine deutsche Uebersetzung der jeweiligen Perixope seitens des Rabbiners folgen zu lassen, damit dem, nicht theologisch geschulten Zuhörer — und die allermeisten ge- . hören heutzutage zu dieser Kategorie — das Verständnis des hebräischen Schriftwortes durch die Muttersprache vermittelt werde. Es ist nun schon verschiedentlich bemerkt worden, daß einer solchen Neuerung vom religionsgesetzlichen Standpunkt . aus nichts im Wege stehe; dem Synagogenbesucher das Thora- ,wort in einer ihm verständlichen Sprache darzubieten, würde nur ein Zurückkehren zu einem uralten Brauch innerhalb der jüdischen Gemeinden bedeuten. Hier kämen aber zunächst einige meines Erachtens nicht ganz unwesentliche Fragen in , Betracht. Wie soll übersetzt werden? Wörtlich oder umschreibend? Ferner: Ist überhaupt jedes Stoffgebiet innerhalb der fünf Bücher Mose geeignet zur Darbietung in deutschem Gewände? Ich möchte nun die These aufstellen, daß die öffentliche Vorlesung einer wortgetreuen Uebersetzung des ganzen Pentateuch in unserer Zeit nicht ratsam sei. Es ist doch zweifellos ein großer Unterschied, ob ein klassisches Literaturwerk des Altertums zu Studienzwecken in die deutsche Sprache übersetzt wird, oder zur Hebung der Andacht und der Aufmerksamkeit der Besucher eines Gotteshauses. Eine Uebersetzung zu Studienzweckenwird um so besser sein, je vollkommener sich der Ueberfetzer sowohl der inneren Eigenart als. auch der äußeren Darstellungsform seines Originals anzupassen versteht. Anders verhält es sich aber, wenn das betreffende Schriftwerk nicht eigentlich gelesen und studiert, sondern im Gotteshause vor andächtigen Zuhörern vprgetragen werden soll. Hier könnte, wie ich glaube, eine wortwörtliche Uebersetzung oft mehr schaden als nutzen. Das Synagogenpublikum unserer Tage bildet nun einmal keinen Konvent von lauter Schriftgelehrten, die beispielsweise auch den weitläufigen Opfersatzungen des Pentateuch mit Interesse folgen; die meisten Leute würde man mit einer wortgetreuen Uebersetzung gewisser Pentateuchkapitel zu größerer Andacht und Aufmerksamkeit sicherlich nicht ermuntern. Dazu kommt als durchaus nicht gering anzuschlagendes Moment, daß viele Pentateuchstellen beim Zuhörer eine gewisse Reife voraussetzen. Jeder einfach empfindende Leser dieser Zeilen, der mit dem Pentateuch in seinem ganzen Umfange vertraut ist, wird mir gewiß beistimmen. Es ist unlängst in dieser Zeitung von Herrn Dr. Tiktin geltend gemacht worden, daß unsere Frauen und Mädchen, die für sexuelle Aufklärung schwärmen und Vorträge mitanhören, in denen die heikelsten Themen besprochen werden, auch eine wörtliche Uebersetzung dahingehöriger Pentateuchstellen vertragen müßten. Ich kann mich mit dieser Ansicht nicht befreunden. Die Synagoge ist nicht . der Ort, an welchem unsere Jünglinge und Jungfrauen ihr Wissen auf eben gedachtem Gebiet zu bereichern brauchen. Daher wäre meines Erachtens eine wörtliche Uebersetzung und Vorlesung gewisser Kapitel des Pentateuch ganz deplaciert. Der Pentateuch ist ein Gesetzbuch, das die Dinge alle beim rechten Namen nennt; wir haben, uns aber allmählich von der harmlosen Naivität vergangener Zeiten soweit entfernt, daß wir die unverblümte Aussprache sexueller Dinge im Gotteshause nicht ohne ein inneres Mißbehagen über uns würden ergehen lassen. Selbstverständlich sollen unsere Glaubensgenossen immer wieder daran erinnert werden, daß die jüdische Lehre den Ehebruch perhorresziert, und daß sie die unbedingte Reinheit des Familienlebens fordert, aber mit diesen allgemeinen Hinweisen des Predigers imGotteshause muß es genug sein, in die speziellen Gesetze des Pentateuch über die Regelung des Geschlechtslebens mag sich der gelehrte oder fromme Bibelleser vertiefen, für das Ohr des andacht- und erbauungheischenden Synagogenbesuchers sind sie ungeeignet. Aus diesen Erwägungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß eine für die öffentliche Vorlesung bestimmte Uebersetzung der fünf Bücher Mose kein leichtes Werk ist, und Dank und Anerkennung hätte derjenige. Uebersetzer zu beanspruchen, der mit der nötigen Pietät gegen den heiligen Text doch auch das gehörige Taktgefühl und den gesunden pädagogischen Sinn verbände, um eine Uebersetzung zu schaffen, die man als mustergültiges Synagogentargum bezeichnen könnte. Dabei ist nun wohl, zu beachten, daß in einem der ältesten Schriftwerke des nachbiblischen Judentums bereits, in der Mischna» gewisse Richtlinien auch für einen modernen Targumisten gegeben sind. Auch die Mischna (Megilla, Abschnitt 4) schließt einige Stellen des Pentateuch von einer Uebersetzung aus. Es sollte nämlich