Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 11 Berlin, 17. März 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse .Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o>r die Post (in Berlin' und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen' vierteljährlich 3 M. Begründet vö« Üabbiner vr. Ludwig Philippsön . . . Unter Leitung des _ . Geheimen Regierüngr-Vatr Professor vr. Lndwig Geiger Verlag: Ruäolk vilosse. Verlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen, für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgenu Zeitungdes Judentum;", Berlin SW., Jerusalemer Strasse 46/Hst, zu richien. Vertag von Rudolf rNosse,' Berlin« neue Württembergische Religionsgesetz. — Die Wo<He. — 4M*"**"'* Aus Briefen Karl Gutzkows an'Gerson Wolf. Mitgeteitt von Ludwig Geiger. — Wir Rabbiner! Von Rabbiner Dr.. Samuel- Essen. — Bibel und Buchkunst. — The Associated Jewisft ' Charities of Chicago 1910. Von Rechtsanwalt Dr. Lamm — Zigeunet und Indern Von Fr. Wilh. Brepohl-Wiesbaden. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Görlitz, Leipzig, München, Hamburg, Steinhorst, Wien. — Von Nah und Fern. , Das mur Mürttembrrgilche KkUgVNSgklrtz. ' I. . " ' ' ' ie Gesetzgebung Württembergs war früher eine' dem Juden sehr feindliche. Im betreffenden Landrecht heißt es: „Den Juden soll' weder Tritt noch Trett im Lande gestattet sein," und hieran wurde auch drei Jahrhunderte lang mit solchem Nachdruck feftgehalten, daß der Herzog, wenn er dann und wann Geschäfte halber einen Juden an seinen Hof berufen wollte, sich fast immer Reklamationen der Landstände ausgesetzt sah. Eine gänzliche Veränderung von all dem brachte eben das erste Jahrzehnt des vergangenen' Jahrhunderts. Der letzte Herzog und zugleich erste König Württembergs, Friedrich, hatte als Bundesgenosse Napoleons I., an dessen Eroberungen teilnehmend, den UmfaNg seines Landes und die. Zahl seiner Einwohner verdoppelt, und so durch die hinzugekommenen Hohenl'oheschen Deutschordens-, Oberschwäbischen, Schwarz- Wald-Gebiete und einige andere.Herrschaften, auch mehr als 40 Judengemeinden unter seine Herrschaft bekomnien. Er war den Juden nicht unfreundlich gesinnt, glaubte sie durch Ackerbau der übrigen Bevölkerung assimilieren zu können und Wies darum auch seine Amtsleute an, ihnen zur Erwerbung von Grund und Böden hierzu behilflich zu sein. . Noch ernster nahm die Sache sein Söhn Und Nachfolger, Wilhelm I. Seine Minister stellten ihm vor, die Juden seien noch zu verwahrlost, um sie. den anderen Bürgern rechtlich gleichzustellen, man müsse zunächst ein Erziehungswerk an denselben vornehmen. Dieses wurde denn auch durch das Gesetz von 1828 in Szene gesetzt. Seine.Hauptbestimmüngen waren: 1. Als Rabbiner sollten nur noch akademisch gebildete, mit guten Zeugnissen versehene, jüdische Gelehrte angestellt werden. ' ,H . ' 2. In jeder Judengemeinde mußte eine Volksschüle^gleichen Wertes mit den allgemeinen Volksschulen, errichtet werden. Lehrer konnten nur solche Israeliten sein, welche eine Seminar- Prüfung. bestanden hatten. . ' ... : 3. Der Gottesdienst sollte in seinen äußeren Formen einige Ännäherung an den christlichen zeigen. Es wurde demnach geböten, daß neben den israelitischen Gebeten bei dem Gottesdienst auch eine deutsche Predigt abzuhalten sei, zu deren Anhörung auch die verheirateten und' ledigen Frauenzimmer zu oerpflichten seien. Die ^Abhaltung von Privätgottesdiensten wurde verboten, um auch die frommen Juden, welche an diesen Neuerungen gar keine Freude hatten, auf diesem indirekten Wege zur Teilnahme an den offiziellen Göttesdiensten zu'nötigen. Es ist keine Frage, daß die hierdurch geschaffene höhere Bildung der Rabbiner einen vorteilhaften Einfluß ausübte, und daß die jüdische Volksschule mancherlei Verbesserungen hinsichtlich' der Intelligenz der Juden zustande brachte, aber das meiste von dem, was an Bildungserfolgen zustande kam,, ging von den Juden selbst aus, welche eine neue Zeit herankommen sahen. Sie träten größtenteils aus dem Klein- und Viehhandel heraus-.erlernten Handwerke, wurden geordnete Kaufleute mit ausgedehnten Verbindungen und nahmen, auch an der Industrie namhaften Anteil. Die meisten, denen es ihre Mittel gestatteten, sandten ihre Kinder statt in die Volksschulen in höhere' Lehranstalten, und so brachten drei bis vier Jahrzehnte einen großen Umschwung hervor, den wir am Verhalten des bekannten' Nationalökonomen und' Publizisten Moritz Mohl am charakteristischsten zu erkennen vermögen. Dieser, als Mitglied des Deutschen Parlaments , hatte im * Jahre 1848 dem Vorschlag Gabriel Niesers auf Gleichstellung der Juden scharf opponiert, indem er ausführte,' daß dieselben größtenteils noch Wucherer und für die deutschen Bauern ein schwerer Schaden seien. 16 Jahre später aber, als die Gleichstellung der württembergischen Juden zur landftändischen Beratung kam, erklärte derselbe Mann in der württembergischen Kammer, er müsse gestehen, daß die Juden so große und überraschende. Fortschritte in der Bildung und Annäherung an die christliche Bevölkerung gemacht hätten, daß er sich nun auch für ihre volle Gleichberechtigung ausspreche.' Die württembergische Regierung erkannte schon damals, daß das Gesetz vom Jahre 1828 seinen Zweck erfüllt habe, und eine Einwirkung auf eine bessere Erziehung der Juden nicht mehr erforderlich sei. Sie ließ auch einen Entwurf für die ihr empfehlenswert erscheinenden Reformen bezüglich des jüdischen Religionswesens ausarbeiten, der auch den.Kirchenvörsteher- Aemtern im Jahre 1872 vorgelegt, aber von der Mehrzahl derselben beanstandet wurde. Die Aeußerungen über denselben zeigten eine so große Meinungsverschiedenheit, daß bas- Ministerium es für angemessen fand, ' bis auf' weiteres von der Sache abzüstehen. So würde nur das geändert,..daß