Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 auch den Verein sächsischer Gemeindetierärzte genannt hatte, so erklärt dieser Verein nach den „Dresdener Nachrichten". Die Behauptung des Herrn Gröber ist unrichtig, und der genannte Abgeordnete ist gebeten worden, sie bei der dritten Lesung richtigzustellen. Außerdem hat der Verein sowohl an den Reichskanzler als an den Reichstag folgendes Schreiben gerichtet: „Am 12. Januar d. I. hat im Plenum des Reichstages Herr Reichstagsabgeordneter Gröber im guten Glauben behauptet, der Verein der Gemeindetierärzte im Königreich Sachsen habe sich der Eingabe der Tierärzte gegen das Schächten nicht angeschlossen. Dies entspricht jedoch nicht der Wahrheit, sondern der Verein hat am 5. Oktober l910 im Gegenteil ausdrücklich und einstimmig beschlossen, sich der diesbezüglichen Eingabe des Vereins rheinpreußischer Tierärzte voll und ganz anzuschließen. In der Debatte ist besonders zum Ausdruck gekommen, daß die von gegnerischer Seite gesammelten Gutachten soviel sie theoretisch Richtiges auch an führen mögen, nicht aus der Welt schaffen können, daß in der Praxis das Schächten eine rohe und verrohende, durch das moderne Betäubungsverfahren längst überholte Schlachtmethode ist. Es gebietet die Humanität, ohne irgendwie den religiösen Gefühlen eines Teiles unserer Mitbürger zunahetreten zu wollen, und ohne jede Rücksicht auf parteipolitische Stellung — jedem gesitteten Menschen, der in der Frage sachverständig ist, mit aller Energie für die Beseitigung der Methode des Schächtens einzutreten. Ten Kampf gegen das Schächten aufgeben wollen, heißt einen Kulturfortschritt ersten Ranges preisgeben. Man kann den deutschen Tierärzten, welche in den Schlachthäusern ihr Leben hinbringen müssen, nicht zumuten, tagein, tagaus vermeidbare Tierquälereien zu sehen. Wir protestieren gegen die Schächtmethode." * Der Radau - Antisemitismus, der in Deutschland äbgeflaut zu haben scheint, — selbst die große Landwirtschastswoche brachte nicht die üblichen lärmenden Kriegsrufe, wilde Brandreden, sondern nur einzelne schrille Töne Ser Dudelsackpfeife — tritt in Frankreich wieder auf. Am 21. Februar kam es an der ehrwürdigen Stätte der Comödie franQaise zu einem wüsten Skandal. Die Anhänger der königlichen Partei, die sogenannten eamelots du roi, verlegen Hch jetzt auf den Antisemitismus. Das „Verl. Tagebl." berichtet: Die zweite Aufführung von Bernsteins „Aprfcs moi“ im Th6ätre Francais wurde fortwährend von antisemitischen Demonstrationen unterbrochen. Beim Anfang des zweiten Akts erhob sich , in der dritten Reihe des Parketts ein elegant gekleideter Herr und rief: „Einen Augenblick, meine Herrschaften!" auf die Bühne. Tann sagte er, zum Publikum gewandt: „Meine Damen und Herren! Das Stück, das Ihnen hier vorgespielt wird, hat einen jüdischen Deserteur zum Verfasser!" Weiter kam der Redner nicht, da die Polizei ihn unter großem Lärm und Protestrufen des Publikums hinausführte. Es war der Präsident der nationalistischen Studentenvereinigung Pujo. Einige Minuten später gab es neuen Lärm. Die Worte des Schauspielers Le Bargy, der den betrügerischen Spekulanten spielt, wurden durch Zurufe ergänzt, die den Sinn der Rede im Sinne der antisemitischen Agitation interpretierten. Im dritten Akt wurden die Unterbrechungen noch zahlreicher und brutaler. Gedruckte Zettel wurden von den Rängen ins Parkett geworfen. Die Zuschauer teilten sich in zwei Parteien: Die Majorität applaudierte ostentativ den Künstlern. Die Minorität verhöhnte den Verfasser. Bei den 27 Verhaftungen, die erfolgten, kam es endlich auch zu Schlägereien. Der Bruder Bernsteins, der Advokat ist, prügelte einen Oamelot du roi und erhielt als Erwiderung von dessen Freund einen Schlag ins Gesicht. Dennoch wurde das Stück zu Ende gespielt. Bernstein gibt heute in einem von den Zeitungen veröffentlichten Brief zu, daß er vor dreizehn Jahren desertiert sei. Er habe sich vier Monate vor Ablauf des Militärdienstes nach Belgien begeben, wie er andeutet, mit einer Frau, die er liebte. Um diesen Jugendstreich, den er bedauere, vor sich selbst zu rechtfertigen, sei er eine Zeitlang Antimilitarist geworden und habe gegen den Militärdienst geschrieben. Dies sei lächerlich und kindisch gewesen und von ihm bald überwunden worden. Als er 1900 nach dem Amnestie-Erlaß zurückgekehrt war, habe er dienen wollen, sei aber als untauglich entlassen worden. Seit dieser Zeit habe er ruhig als Schriftsteller gelebt. Er überlasse allen anständigen Leuten die Beurteilung einer Agitation, die zu solchen Mitteln griffe. * Aus Rußland kommen seltsame und unerfreuliche Nachrichten. Die „Frankfurter Zeitung" bringt einen Artikel „Beiträge zur Jüdenfrage", in dem sie folgendes aüsführt: Der Gehilfe des englischen Post- und Telcgraphenministers» Samuel, wollte vor kurzem Rußland besuchen, um dieses Land und speziell die Einrichtungen der russischen Post kennen zu lernen. Als er sich nun an die russische Gesandtschaft in London wandte, wurde ihm der Bescheid, er sei ein Jude und dürfe überhaupt die russische Grenze nur mit einer ganz besonderen Genehmigung der russischen Negierung überschreiten. Der Minister muß sich also jetzt mit einem besonderen Gesuch an die russische Regierung wenden, und erst, wenn ihm dieses Gesuch bewilligt wird, kann er seine Reise antrelen. Ob er sich zu einem solchen Gesuch entschließt, ist noch unbekannt. Hoffentlich verbietet es ihm die Würde der britischen Nation. Es ist nicht das erstemal, daß einem hohen Würdenträger einer fremden Nation der Besuch Rußlands auf'diese Weise verboten wird. Wenn es sich um Juden handelt, ist die russische Regierung sehr streng in der Befolgung ihrer Gesetze. Daß ein Jude Minister eines fremden Staates sein kann, ist schön eine für sie ganz unverständliche Erscheinung. Wird der Fall mit den Juden sehr heikel, so wendet sich die Regierung, um ihren Handlungen den Schein des Gesetzmäßigen zu geben, an den Senat. Dieser obersten Gerichtsbehörde steht die Auslegung der Gesetze zu, die dann immer in dem Sinne geschieht, der der Regierung genehm ist; denn die Mitglieder des Senats verdienen in Wirklichkeit nicht den Namen Richter; sie sind willenlose Werkzeuge in den Händen der Regierung, auf ihre Karriere bedachte Beamte. Neulich beschäftigte den Senat ein sehr interessanter Fall. Eine jüdische Mutter lebt mit ihren kleinen Kindern in einer russischen Provinz. Die Mutter hat das Recht, in dieser Provinz zu leben, die Kinder nicht, denn dieses Recht vererbt sich nicht. Was nun tun? Soll man Mutter und Kinder auseinanderreißen und jedes von ihnen in einer besonderen Provinz leben lassen, oder Mutter und Kinder zusammen aus dieser Provinz ausweisen? Nach langem Grübeln und Denken entschieden die Senatoren, daß das doch nich gut gehe, und gestatteten der Mutter mit ihren Kindern einstweilen in der betreffenden Provinz weiter zu leben. Ein solches Urtei bedeutet für den russischen Senat schon eine Art von Heroismus den man sehr anerkennen muß; denn man muß wissen, was es einen russischen Senator kostet, ein Urteil zu fällen, das vielleicht der Negierung gar nicht gefällt. Fast alle Vorschriften über den Aufenthalt von Juden in Rußland sind in Wirklichkeit keine Gesetze, sondern Zirkulare des Ministers des Innern, die nie Gesetzes form angenommen haben. Diese Zirkulare nennt man hier „zeitweilige Maßnahmen" erlassen „bis zu einer Revision der die Juden betreffenden Gesetze". Wann diese Revision kommen wird, vermag kein Mensch anzugeben, und es ist eine für das russische Staatsleben sehr charakteristische Erscheinung, daß solche zeitweiligen Maßnahmen, die die Exi enz Tausender von Menschen zu untergraben drohen, in Wirklichkeit ein halbes Jahrhundert lang bestehen können. $ Ueber das Schicksal der russischen Juden erhält das „Berliner Tageblatt" folgendes Telegramm vom 22. Februar: „Die Reichsduma beriet den von 166 Mitgliedern der Opposition und des Zentrums eingebrachten Antrag über die Aufhebung der Beschränkung des Ansässigkeitsgebiets für Juden. Die Duma beschloß mit 203 gegen 138 Stimmen, sich weder für noch gegen den Antrag auszusprechen und die Frage, ob die Durchführung dieser Maßregel wünschenswert sei, der Kommission für die Unantastbarkeit der Persönlichkeit zu übergeben, welche binnen Monatsfrist berichten solle. Der Gesetzentwurf, für den bemerkenswerterweise auch die Oktobristen eintreten, wurde nach einem dem Hilfsverein der Deutschen Juden zugegangenen ausführlichen Bericht von dem Kadettenführer