Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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Beschwerden auf den Grund gehen möge. Ein Versprechen eines preußischen Kriegsministers in Ehren., Aber solange wir Tatey nicht sehen, wird man behaupten.müssen, daß der Minister' die antisemitischen Regungen im Offizierskorps nicht bekämpfen kann, weil er nicht wrll. Der Rest der -Rede des Kriegsministers, soweit die „Judenfrage" in Betracht kommt, ist vielleicht der interessanteste Teil. Für einen Kriegsminister zu sentimental wirft er die Frage auf: „Ist die Armee denn wirklich so antisemitisch?" Er gibt selbst die Antwort: „Nein!" Und die Begründung? Man würde sonst die paar Konzessionsschulzen — wie die Linke schlagfertig einwirft — die „allerdings früher" befördert worden sind, in der Armee nicht dulden ... Warten wir das kommende Jahr ab. Wir werden dann sehen, was die Ministerrede erreicht hat. ()ui vivra, verra. Kundige haben aus des Ministers schönen Worten nichts als — „Es bleibt beim Alten!" — herausgehört. Hoffentlich haben die Optimisten unter uns Recht, die nach der letzten Ministerrede erwarten, daß der Herr Kriegsminister beim nächstjährigen Etat mindestens-drei jüdische Reserveoffiziere auf den Tisch des Hauses niederlegen wird. Sache der Juden wird es sein, bei der nächsten Wahl an ihrem Teil dafür zu sorgen, daß der Minister in seinem Bestreben, „ehrlich und redlich die Sache auf eine annehmbare Grundlage zu stellen von einem freiheitlich gesinnten Reichstage unterstützt wird. Ein Jude, der Sonnabend die wüsten Beschimpfungen des „Wirtschaftlichen Raab'", die bei christlichen Kollegen sogar Zorn des Unwillens hervorriefen, anhören mußte, der mußte sich schämen bei dem Gedanken, daß dieser Mann, dem Ledebour entrüstet zurief: „Solch eine Karnevalsrede muß sich der Deutsche Reichstag bieten lassen!" in Schmalkalden jüdische Stimmen erhalten hat, daß in der Stichwahl das „jüdische Volk" zum großen Teil zu Hause geblieben ist-, weil es nicht antinational wählen wollte. Der Herr Kriegsminister hat gesprochen. Ziehen wir einig in den Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung, dann wird auch diese Schranke beseitigt werden. Nur arbeiten, arbeiten und nicht verzagen! Die Woche. Berlin, den 28. Februar. '^^^ie von dem antisemitischen Abgeordneten Naab am Sonnabend den 25. d. M. im Reichstag gehaltene Schmährede gegen die jüdischen Offiziersaspiranten ist, wie vorauszusehen war, bei der Fortsetzung der Besprechung des Militäretats'am Montag nicht ohne kräftige Erwiderung geblieben. Der erste Redner, der sich gegen die Ausführungen des Herrn Raab wendete, war der Abgeordnete Gröber (Zentr.). Er führte folgendes aus: > Herr Raab hat die Gelegenheit benutzt, ohne jeden Grund seinem antisemitischen Herzen Luft 31t machen. Diese Art ist jedenfalls nicht geeignet, das ernste Problem zu lösen, an Stelle ruhiger Erwägung leidenschaftlicher Haß, die Verallgemeinerung einzelner Vorkommnisse. Herr Raab hat ein Wort Bismarcks aus dem. Jahre 1847 zitiert. Damals war Bismarck ein junger Mann; aber 1869 hat er dann das Reichsgesetz über die staatliche Parität de Glaubensbekenntnisse gegengezeichnet. Und wie ist es in anderen Ländern? Wir leben doch nicht-auf einer isolierten Insel. In der österreichisch-ungarischen Armee sind die Israeliten zu allen Stellungen zugelassen, und sind bis in die höchsten vorgedrungen. In Italien, England, Frankreich haben wir die gleichen Erfahrungen. Sind denn bei uns in Deutschland die Israeliten von ganz anderem Holz als dort? Aus den Freiheitskriegen werden sechzehn jüdische Soldaten mit Namen aufgeführt, die das eiserne Kreuz erhalten haben. Wenn das nach hundert Jahren noch möglich war festzustellen, so ist das eine Zahl, die man wohl beachten kann. In einer'Denkschrift des preußischen Ministers des Innern von 1847 sind alle diese Gesichtspunkte ganz eingehend geprüft und da wird auf Grund der Berichte der Armeekorps festgestellt, daß die Juden des.preußischen Heeres sich von ander en Soldaten nicht erkennbar unterscheiden. Und wie haben die Juden sich im deutsch-französischen Feldzug unmittelbar nach Erlaß des Paritätsgesetzes verhalten? Von 4492 jüdischen Soldaten, darunter 117 jüdischen Offizieren, haben das eiserne Kreu^ oder die entsprechende Auszeichnung der anderen deutschen Bundesstaaten 373 jüdische Soldaten erhalten. (Hört, Hört!) Die sind alle in der Statistik mit vollem Namen aufgeführt. (Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Es sind größtenteils Aerzte! Lachen links.) Daß eine ganz ansehnliche Zahl jüdischer Soldaten das eiserne Kreuz bekommen hat, darauf kommt es mir allein an. Die Tatsache nun, daß durch Jahrzehnte anch nicht ein einziger Jude — im Gegensatz zu Bayern — Offizier geworden ist, daß aber getaufte Juden kein Hindernis gefunden haben, ist mir beweiskräftiger als die einzelnen Beispiele. Eine solche Behandlung entspricht nicht dem Paritätsgesetz und dem Paritätsempfinden. Wir haben allen Anlaß, für die ehrliche Durchführung des Püritätsgesetzes von 1869 einzutreten, denn auf demselben Gesetz beruhen auch wir. Auch heute fehlen nicht die Bestrebungen, die Katholiken zu Staatsbürgern zweiter Klasse herabzudrücken, und es sind nur allzu häufig dieselben unduldsamen Persönlichkeiten, die heute gegen die Juden und morgen gegen katholische Ordensmänner arbeiten. Wir wissen ja, daß es auch Juden sind, namentlich in der Presse, die sich damit nicht genug tun können, über katholische Angelegenheiten zu spotten. (Lebhaftes Hört, hört! bei der Wirtsch.Vgg.) Das kann uns aber nicht abhalten, unsere Pflicht zu tun. Wir werden für die staatliche Gleichberechtigung der Juden unbedingt eintreten, eingedenk des edlen Wortes des Kaisers Friedrich: Ein jeglicher unter ihnen steht meinem Herzengleich nahe, haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefah ihre volle Hingebung bewährt! Dieser Kampf wird uns stets au dem Posten finden, es ist der gute Kampf für Recht und Gerechtigkeit (Lebhafter Beifall im Zentrum und links.) Abg. Dr. Osann (Natl.): Wir haben am Sonnabend die Unterschrift unserer Partei vom Schlußantrage zurückgezogen, weil wir eine so aufreizende und verhetzende Rede wie die des Abg^ Raab nicht ohne Widerspruch von unserer Seite ins Land hinausgehen lassen wollten. Aus Gründen der Gerechtigkeit müssen wir die gegen unsere jüdischen Mitbürger am Sonnabend geschleuderten Angriffe zurückweisen. (Beifall links.) Herr Raab bat mit dem Rüstzeug vergangener Jahrhunderte gearbeitet. Er hat sich an alte antisemitische Schriften gehalten und den Standpunkt betont, daß die Juden Staatsbürger zweiter Klasse seien. Einer solchen Anschauung in der heutigen Zeit müssen wir entschieden entgegentreten. Das ist nicht nur unser Recht, sondern auch unsere Pflicht. Auch der Kriegsminister hat sich ja mit aller Entschiedenheit auf den Standpunkt der Verfassung und des Gesetzes gestellt. Er weiß, daß in der Armee antisemitische Tendenzen vorhanden sind, er hat aber auch mit aller Energie darauf hingewiesen, daß er sie mißbilligt und bekämpft. Er hat nichts anderes getan als sein Vorgänger. Denn für ihn wie für uns ist die Verfassung und die Gesetzgebung die Richtschnur. Auch das Zentrum teilt ja diesen Standpunkt. Auch die konservative Partei vertritt ja diese Hinsicht, wenn die „Kreuzzeitung" recht ha^ Denn'diese hat ja vor einiger Zeit über die Stellung der Konservativen zum' Antisemitismus eine ausklärende Aeußerung gemacht, in der es heißt, daß sich der atisemitische Passus des konservativen Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen ließe. (Hört, hört! links.) Also auch hier die Erkenntnis, daß sich nach dem Gange der Zeit der ursprüngliche antisemitische Standpunkt in der früheren Schärfe nicht mehr aufrecht erhalten läßt, Es wäre wünschenswert, wenn die konservative Partei heute erklären würde, ob sie diesen Standpunkt ihres Hauptorgans ausdrücklich -billigt. Schon mein Freund Paasche hat vor einigen Tagen betont, daß ein Unterschied bezüglich der Konfession zwischen Juden und Christen nicht gemacht werden darf. Mit demselben Nachdruck verlangen wir aber, daß die