Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 9 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Lerlm, Z. März 1911 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich L M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlli».?1 TtfrfHt ^et Hbrr Kriegsminister sprach. Von Artur Schweriner. — Die Woche. — Samuel Lublinski. — Das Rassenproblem und das Judentum. Von Professor Dr. Ludwig Stein. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Hamburg, Nordhausen, Kassel, Duisburg, Serajewo. — Von Nah und Fern. And der Herr Lriegsmimltrr lprsch... Von Artur Schweriner. chon am letzten Freitag versprach der Herr Kriegsminifter v. Heeringen, auf „die jüdischen Mitbürger zurückzukommen". Am Sonnabend gab ihm eine vortreffliche Rede des Abgeordneten Gothein Gelegenheit dazu. Der Reichstag ist am Sonnabend' leider stets schwach besetzt. Die Abgeordneten sind über Sonntag gern bei Muttern daheim und kehren schon mittags dem Reichstage den Rücken, nachdem sie sich in die Anwesenheitsliste eingetragen haben. Kein Wunder, daß die Reihen stark gelichtet waren, als Herr Bergrat a. D. Gothein mit einem Aktenstoß bewaffnet zur Tribüne ging. Hauptsächlich zur Begründung folgenden Antrages: „Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß bei der Besetzung militärischer Stellen allein die persönliche Tüchtigkeit entscheiden soll, daß insbesondere weder eine Bevorzugung des Adels, noch eine Zurücksetzung aus politischen oder konfessionellen Rücksichten erfolgen soll." Bor Herrn Gothein hatte schon Geheimrat Paasche von den Nationalliberalen darauf hingewiesen, daß es mit dem Kuckuck zugehen müßte, wenn man das Offizierkorps nicht dahin bekäme, auch jüdische tüchtige Einjährige zu Leutnants zu befördern. Und der alte, aber noch immer grimmige Löwe Liebermann v. Sonnenberg hatte es sich nicht entgehen lassen, zu enthüllen, daß die Resolution auf Geheiß der „deutschen Juden" gestellt worden sei. In philosophischer Anwandlung zitiert er Schopenhauer, zu beweisen, daß man nur von einer jüdischen Nation sprechen könne. Streng „wissenschaftlich" klingt es aus seinen Behauptungen heraus: „Konfession ist ein Ausdruck der christlichen Kirche entlehnt, der nicht auf die jüdische Religion angewendet werden darf". Herr Gothein läßt sich auf diese geistreichen und kühnen Behauptungen nicht weiter ein. Mit dem Herrn Kriegsminister rechnet, er ab, ob seiner Rede von der „achtunggebietenden Persönlichkeit". Er hat reichliches Material zur Stelle und wartet dem Minister mit Einzelfällen auf, die eine unzweideutige Sprache sprechen: „Die Ablehnung erfolgte stets, weil der Einjährige Jude ist". Die Antisemiten freuen sich still über dieses Anklagematerial. Nur Herr Bindewald, ein urteutscher Kunstmaler, ist ganz aus dem Häuschen. Jede Ausrede der Militärbehörde begrüßt er mit einem lauten Bravo. Schneidend scharf verurteilt Gothein das System der Unwahrhaftigkeit. Wo bleibe die vielgerühmte Standesehre, wenn die Offiziere wider besseres Wissen zu Ausreden greifen müssen, um die Verfassung zu verletzen?! „Das Wort hat der Königlich Preußische Herr Kriegsminister!" Wer von den Abgeordneten noch im Hause ist, eilt herbei. Eine kleine Gemeinde sammelt sich um den Minister. In der Front natürlich ein paar „Wirtschaftliche" und die Leuchte der Reformer, Herr Bruhn. Später als man erwartet, kommt Herr v. Heeringen „zur Judenfrage". Die Rechtslage fei sonnenklar. Eine Zurücksetzung wegen des Glaubens sei ungesetzlich. Es sei aber vor allem notwendig, daß der Osfiziersaspirant in den Anschauungen aufgewachsen sei, die in der Armee gehegt und gepflegt werden. Dieser schöne Satz, der viel und gar nichts sagt, gab dem Minister dann die erwünschte Gelegenheit aus der Fülle von Beschwerdematerial auf zwei Fälle zurückzukommen. Die Linke ist sehr unwillig und kargt mit Zwischenrufen nicht, als der Minister die Fälle Bock und Dannenbaum zu verteidigen sucht. Diese Fälle seien typisch. Die Rechte ruft: Sehr richtig! Die Linke antwortet ironisch: Sehr typisch! Rührend ist des Ministers Erzählung, wie er einen Vater höchst persönlich vergeblich habe überzeugen wollen, daß sein Kind nicht genügend befähigt sei. Und dann sagte der Minister wörtlich:. „Es wird behauptet, daß seit 1885 in Preußen kein Jude Offizier geworden sei. Ich stehe nicht an zu erklären, daß bewußt oder unbewußt der Grund hierfür antisemitischen Regungen entspringt." Das stürmische Hört; Hört! der Linken weicht bald einem nicht mißzuverstehenden Lächeln. Wozu nach dieser Erklärung die Verteidigung der einzelnen Fälle. Man wird die auf' richtige Art, in der der Minister den wahren Grund der Ablehnungen „rückhaltlos zugibt und mißbilligt" trotz seines Bestrebens, das Offizierskorps nicht fallen zu lassen, für alle Zeit anerkennen müssen. Mau wird ihm auch für sein Versprechen, in jedem Fall einzugreifen, danken müssen. Nur wird man den Wunsch nicht unterdrücken können, daß der Minister, nachdem er den Grund für die Ablehnungen kennt, den