Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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in Stuttgart Klage auf Entrichtung der Kultsteuer für die Jahre 1909 und 1910 erhoben, die Kreisregierung in Ludwigs bürg hat diese Klage kostenfällig abgewiesen. Die Oberkirchenbehörde und das ihr unterstellte Kirchenvorsteheramt vertrat nämlich bisher - den Standpunkt, daß ein Austritt aus der israelitischen Landeskirche nur mit.--dem gleichzeitigen Austritt aus dem Judentum möglich sei. Um die israelitische Landeskirche verlassen zu können, müsse man entweder konfessionslos werden oder zum Christentum übertreten. Die israelitische Oberkirchenbehörde hatte daher die Anstrittserklärung Arons, der als Orthodoxer der Kirchengemeinde Stuttgart nicht mehr angehören wollte, als rechtlich unwirksam bezeichnet. Diese Auffassung hat die Kreisregierung für falsch erklärt, sie führte zur Begründung an, es sei widersinnig, von einem überzeugt religiösen Israeliten mit dem Austritt aus der Religionsgenossenschaft auch die Preisgabe seiner Ueberzeugung zu fordern.' Ein solches Ver- - langen stehe mit der in der Verfassungsurkunde gewährleisteten Gewissensfreiheit in direktem Widerspruch. Es stehe fest, daß das Judentum als Bekenntnis nicht einheitlich sei.(?) Innerhalb des Judentums beständen vielmehr vollständig getrennte, voneinander weit abweichende Religionsauffassungen, so daß es nicht angängig sei. daß eine, wenn auch vom Staate als öffentliche Körperschaft anerkannte Religionsgenossenschäft, wie die württembergische Landeskirche, das Mitglied einer anderen Religionsgenossenschaft, wie der israelitischen Religionsgenössenschaft Stuttgart, als ihr zugehörig reklamiere und zur Kultsteuer heranziehe; die israelitische Religionsgesellschaft Stuttgart sei ein außerhalb der Landeskirche stehender Verein, der unter das Dissidentengesetz vom 15. April 1872 falle. --- Straßburg i. E., 18 Januar. Tie Nachricht, daß bei der Besetzung des Direktorpostens am bakteriologisch-hygienischen Institut zu Straßburg der wissenschaftlich hervorragende Altelsässer Prof. Dr. Levh übergangen worden ist (wie die .Franks. Ztg." zu wissen glaubt, entgegen dem Wunsche des Statthalters, der die Ernennung zu vollziehen hat), hat sich leider bestätigt. Zur Beleuchtung des merkwürdigen Vorganges sei hier ein Schreiben wiedergegeben, das ein elsässischer Arzt und Mitglied der AerztekamMcr in dieser Angelegenheit an die „Straßburger Post" richtet. Der Herr schreibt: Niemand kann dies (die Uebergehung Levhs) mehr bedauern als die - elsaß-lothringische Aerzteschaft, denn Ernst Levy, von Professor Kußmaul auf die große Bedeutung der sich entwickelnden Bakteriologie hingewiesen, als Schüler von Prof. Pasteur ausgebildet, hat hier als erster den Grundstein für die Bakteriologie in Wissenschaft und Unterricht gelegt, anfangs als Assistent von Prof. Naunyn, später in Gemeinschaft mit Herrn Förster. Zu welcher Höhe das Institut für Hygiene und Bakteriologie in dieser Zeit gebracht worden ist. beweist schon die Tatsache, daß die anfänglichen Jnftitutsräume jetzt dermaßen eng geworden sind, daß die Regierung bereits zu einem vollständigen Neubau schreiten mußte. Als Forscher, als Lehrer und als Arzt steht heute Levh anerkanntermaßen an erster Stelle in der Reihe seiner Fachgenossen. Die Aerzteschaft, mit welcher Levh jederzeit die besten Beziehungen unterhalten hat, und die elsässische Wissenschaft empfinden es geradezu als einen Schlag ins Gesicht, das die medizinische Fakultät einen so hervorragenden Vertreter seines Faches bei der Berufung einfach vollständig ignoriert hat. Es liegt die Vermutung nahe, daß bei der Nichtberufung bei den altdeutschen Fakultätsmitgliedern das Altelsässertum von Prof. Levy eine entscheidene Rolle gespielt hat. Aber soviel bekannt, hat Levy von seiner Eigenschaft als Altelsässer nach außen nie einen Gebrauch' gemacht, sondern ganz und gar seiner Forschung und seiner Wissenschaft gelebt. Um so bedauerlicher wäre es, wenn dieses. Moment ausschlaggebend gewesen sein sollte. Man will Herrn Levy nun mit einem Lehrauftrag ^finden. Also auch in diesem Falle find, »nie in dem Falle des Landgerichtsdirektors Le v i, dessen Berufung an das Reichsgericht man hintertrieben hat, die Intentionen des Statthalters durchkreuzt worden. J- Metz, 20. Januar. Dem soeben erschienenen Jahresbericht sür 1909/10 des hiesigen Israelitischen Hospizes hat der Verfasser Herr Ober-Rabbiner Dr. Netter eine ungemein interessante, historische Studie über die Anstalt vorangestellt. Sie ist. wie wir aus der Abhandlung, die zugleich einen Ausschnitt aus der Geschichte der Gemeinde Metz gibt, ersehen, „das älteste Denkmal jüdischer Wohltätigkeit nicht nur der altehrwürdigen Gemeinde Metz/ sondern Elsaß- Lothringens selbst." Der Ursprung reicht bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück, also bis in die Zeit, wo die Inden von --Metz nach ihrer Wiederansiedlung in der Stadt, aus der sie so lange verbannt, eine regelrechte Gemeinde wieder zu bilden die Ermächtigung -»erlangt hatten. Die Ausgaben, die durch freiwillige Spenden aufgebracht wurden, betrugen anfangs etwa 2500 Frank, stiegen dann in den Jahren 1780 bis 1790 auf 4000 Frank. Heute, das heißt im letzten Jahre betrugen sie 30115.39 Mark. In interessanter und ausführlicher Weise werden dann die wechselreichen Phasen dieses ursprünglich privaten, dann vom Konsistorium subventionierten, auch aus städtischen Mitteln unterstützten und schließlich von der Gemeinde "übernommenen Institutes dargelegt, das auch seine' Unterkunftsstätte im Lauf der Jahrhunderte wechselte. Heute steht man vor der Verwirklichung des längst gehegten Planes, dem Altersversorgungsheim, das es fast ausschließlich ist, ein regelrechtes, allen Anforderungen der modernen Hygiene entsprechendes Krankenhaus anzugliedern, das jeden Vergleich mit den städtischen Krankenanstalten auszuhalten vermag. Dem Jahresbericht selbst entnehmen wir, daß im Berichtsjahr 30 Pfründner mit 8808 Pflegetagen und 27 Kranke an 1753 Pflegetagen verpflegt worden sind. Die ordentlichen Einnahmen betrugen 25 065.68 Mark, darunter 3800 Beiträge- 9909 Mark Pflege- " gelder und 9882 Mark Staatsrenten. Außerdem gingen an Vermächtnissen und Schenkungen 1810 und an zurückgezahlten Kapitalien 7485 Mark als außerordentliche Einnahmen ein, so daß die Gesamteinnahmen 34361.52 Mark betrugen, während sich die Ausgaben auf 30 115 Mark beliefen. Aus der dem Bericht beigefügten Liste der seit dem Jahre 1840 dem Institut gemachten Geschenke und Vermächtnisse ist ersichtlich, daß ihm die reiche Förderung der jüdischen Wohltätigkeit nicht gefehlt hat, wenngleich sie doch nicht immer hinreichte, ' allen Ansprüchen, die an das Institut gestellt wurden, zu genügen. Gesterretch-Nnsarn. L. Diakowar (Slavonien). 18 Januar. Der Nachfolger des ^rettbaren Bischofs Tr. Straßmayer in der Diezöse Diakowar '-Dr/ Krapac gab dieser Tage ein seltenes Beispiel seiner Toleranz. Der Vorsteher der Diakowarer israelitischen Kultusgemeinde, Großgrundbesitzer und Bankier Adolf Kohn, lag seit längerer Zeit ' schwer krank darnieder. Als Bischof Dr. Krapac, der erst dieser Tage aus Agram nach Diakowar zurückgekehrt war, davon erfuhr, begab er sich sofort in Begleitung seines Sekretärs in das Haus des Schwerkranken, dessen Angehörige bereits aus den Eintritt der Katastrophe "gefaßt waren. Der Bischof blieb längere Zeit bei dem Kranken und sprach ihm mit herzlichen Worten Trost zu. Als er sich entfernte, versprach er dem Kultusvorsteher, daß er für ihn beten werde. In dem Befinden des Kultusvörstehers jst, nebenbei bemerkt, eine Besserung eingetreten und er befindet sich bereits außer Gefahr. — 'Auf Antrag des Magistrats hat die Generalversammlung der Freistadt Fünfkirchen beschlossen, zur Verewigung der hervorragenden Verdienste, welcher der dahingeschiedene Glaubensgenosse Adolf Engel. Edler v. Janosi, um seine Vaterstadt Fünfkirchen sich Mworben hat, eine in der inneren Stadt neueröffnete Gasse Janosi- Engel-Adolf-Gasse zu benennen. Bei dieser: Gelegenheit sei auch bemerkt, daß der vor kurzem verstorbene Edler v. Janosi längere Zeit hindurch Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Fünf- Kirchen war. — Die Schriftstellerin Frau Dr. .Sophie Großmann hat anläßlich des 80. Geburtstages des Kaisers Franz Josef I. ein Buch, enthaltend patriotische und andere Gedichte, unter dem-Titel „Alpenblumen" veröffentlicht. Für dieses Buch wurde der Verfasserin der kaiserliche Dank mit dem Beifügen bekanntgegeben, daß diese Gedichtssammlung der kaiserlichen Familienbibliothek einverleibt werde. Argentinien. Ä.B. 9lU>ct*rt(F. G.?.), 18. Dezember 1910. Ein Bund jü discher Landwirte in Südamerika. In allen jüdischen Ackerbäukolonien haben sich in dem letzten Jahrzehnt landwirtschaftliche Genossenschaften gebildet, welche sich jetzt zu einem ,.Bunde jüdischer Landwirte Argentiniens" (Ganteckeration agricola argentio-israelita) zu° samrnengeschlossen haben. Dieserwird in der Landeshauptstadt Buenos Aires ein; permanentes Bureau errichtenwährenddie