Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der OemetndeüoiL. Beilage zur „Allgemeinen Leltunii deK Judentums". lkorrelpanÄkn?en und Nachrichten. Deutschland. --- Berlin, 17. Januar. Am 8?Januar fand unter dem Vorsitz ' des Herrn Dr. James Simon eine Sitzung des gefchäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. Es wurde eine Reihe von Bewilligungen, insbesondere aus dem Gebiete des Schulwerks in den Balkanländern, der europäischen und asiatischen Türkei vollzogen, durch die das Kulturwerk des Hilfsvereins eine weitere Ausgestaltung und insbesondere in Palästina eine bedeutsame Erweiterung erfährt. Unter anderem wurden Subventionen für die vom Hilssverein neubegründete Schule in Haifa, die dem bereits im Bau begriffenen jüdischen Institut für technische Erziehung in Palästina daselbst als Unterbau dienen soll, sowie für Talmud-Thoraschulen und Rabbinerkurse in Jerusalem festgesetzt. Ferner wurden Mittel zur Einführung des Handfertigkeitsunterrichts im Orient zur Verfügung gestellt, und die Grundzüge für die Organisation desselben festgelegt. Das Lehrerseminar und die Handelsrealschule erfuhren eine durch die Verhältnisse gebotene organisatorische Ausgestaltung. Das Lehrerseminar umfaßt nunmehr fünf feste Klassen statt einer Präparandenklasse und vier Seminarklassen, und die Handelsrealschule vier statt drei Klassen. Die Erweiterung des Rahmens dieser Anstalten hat sich als notwendig erwiesen, da der Lehrstoff im Orient, insbesondere durch die Belastung mit Sprachen — es werden vier Sprachen, Deutsch, Hebräisch, Türkisch und Arabisch gelehrt — außerordentlich umfangreich ist. Die Schulkommission des Hilfsvereins wurde durch die Zuwahl der Herren Siegmund Bergel, Professor Mittwoch, RabbinerProfessorMaybaum und Professor Sobernheim verstärkt. Durch Einführung des Handfertigkeitsunterrichts am Lehrerseminar des Hilssvereins wie an den palästinensischen Schulen, wozu die Alexander und Fanny Simon-Stiftung in dankenswertester Weise ihre Unterstützung leiht, wird dieser insbesondere auch für eine Vorbereitung für das Erwerbsleben wichtige Unterrichtszweig in entsprechender Weise gepflegt, werden. Es wird eine eigene Lehrkraft für diese Zwecke eingestellt. Die Bewilligungen für die Falaschas, die in Jersalem zu Lehrern ausgebildet werden und gute Fortschritte machen, wurden erneuert. Für das russische Hilfswerk und die Auswandererfürsorge wurden gleichfalls die nötigen Mittel bereitgestellt. — Berlin, 17. Januar. Einem Berichte, den der Hilfsverein der Deutschen Juden aus Saloniki, wo er seit zwei Jahren einen Kindergarten unterhält und Mitte 1910 eine Knaben- und Mädchenschule gegründet hat, erhalten hat, sind die folgenden Mitteilungen , entnommen, die auch für weitere Kreise nicht ohne Interesse sein dürften. Im Lokal des Kindergartens fand anläßlich des Chanuka-Festes unter regster Anteilnahme der Bevölkerung eine Schulfeier statt, die glänzend verlausen ist. Ein Beweis dafür ist unter anderem, daß das Fest der großen Besucherzahl wegen dreimal wiederholt werden mußte. Der Feier wohnte der Großrabbiner Jacob Meir bei, der sich um das Schulwerk des HilsS. Vereins in hohem Maße verdient gemacht hat, sodann zahlreiche Notabeln der Stadt, Schuldirektoren, unter anderem auch der türkische Schulinspektor, Vertreter der Presse und andere. Die Festrede hielt der Präsident des Kindergartenkomitees, Herr Cazös, der unter lebhaftem Beifall der Versammelten einen kurzen Ueberblick über die rasche und überaus günstige Entwicklung des Erziehungs» und Schulwerks des Hilfsvereins . gab. Unter den Klängen des türkischen Freiheitsmarsches wurden alsdann Turnübungen, Spiele und Tänze veranstaltet und kleine Vorführungen in deutscher, hebräischer und türkischer Sprache dargeboten. Das Fest schloß mit einem lebenden Bild. Auf der Bühne erhob sich eine Menorah, von neun hübschen weißgekleideten Mädchen därgestellt, die Kerzen in den Händen trügen. Ringsum alle anderen Kinder mit dem Lehrpersonal. Ein kleiner Junge sprach . die Berachoh und zündete die! Kerzen an, und ein' Ehor von 200 Kindern, 16 Lehrerinnen und Lehrern ließ das schöne Lied: Moaus] zur jeschuossi ertönen. Besonders bemerkenswert ist, daß der Inspektor des öffentlichen Unterrichts, Mitglied des Komitees Union et krogres, Kiazim Rami Bey, einen so tiefen Eindruck von dem Fest gewonnen hatte, daß er sich später dahin aussprach, den Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Saloniki als Muster für türkische Kindergärten ähnlicher Art zu nehmen. Hinzugefügt sei noch, paß in dem Kindergarten in Saloniki auch vier mohammedanische Zöglinge sink *»* Berlin, 17. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 12. d. M. der Schriftsteller Herr Victor Klemperer über ..Karl Emil Franros". Der Vortragende schilderte den Dichter in allen seinen Lebensphasen. Es stecke, sagte er, zugleich ein Dichter und ein Kulturhistoriker in diesem Schriftsteller. Wo der Dichter . oder der Kulturhistoriker sich allein . betätigte, da seien nur schwächere Werke entstanden, wo beide zusammen gewirkt und ein ineinandergeschmolzenes Ganzes geschaffen, da seien auch immer originelle Meisterwerke zutage getreten. Nachdem Klemperer den Werdegang seines Helden skizziert hatte, ging er näher auf dessen novellistisches Erstlingswerk ein und gab durch die. Analyse einiger Stücke aus den „Juden von Barnow" eine Charakteristik der Art und Weise des gesamten Franzosschen Schaffens. Er zeigte deU Realisten und unbeirrbaren Wahrheitssucher, dazu den liberalen Agitator, der immer voller Mitleid gegen alle Unterdrückten und. durch die Unterdrückung seelisch Verkümmerten, immer voller Haß gegen alle Unterdrücker und somit an jenen seelischen Entstellungen Schuldigen gewesen. Klemperer ging dann auch auf die Werke einin denen Franzos andere als jüdische Themen angeschlagen, dabei aber doch seinem Hauptthema treugeblieben, da er auch hier von Knechtschaft, Rechtlosigkeit und ihren traurigen Folgen handelte: Nach diesem Exkurs zum „Kampf ums Recht" und dem „Wahrheits? sucher" stellte Klemperer eine längere Betrachtung des „Pojaz": an den Schluß seines Vortrags. Den schönen Vorzug des AomÄrss sah Redner darin, daß Franzos in diesem seinem reifsten Werk über, allen Groll und Hohn hinaus zum milden verklärenden Humor, gelangte. — Reicher Beifall lohnte den Redner für seine hochinter^ essanten Ausführungen. — Aus den auswärtigen Vereinen: In ' Lissa i. P. sprach Sanitätsrat Dr. Scherbel über . „Jüdische Kunst", Dr. Poritzky über „Maxim Gorki und die Juden"; in Wongrowitz und Gollub Lehrer. Flanter-Berlin über „Jüdische Königinnen und Königssrauen"; in Detmold und Lage Rabbiner Dr. L. A Rosenthal-Berlin über „Tolstoi und die .Lehren des Lebens"; in Dortmund Dr.Heinrich Loewe-Berlin: „Bilderaus der jüdischen Geschichte"; Frau Johanna Metz er-Charlottenburg über „Weltliche Dichtungen jüdischer Dichter"; Rabbiner Dr. Hochfel d- Berlin über „Die Unsterblichkeitslehre im Judentum"; .in Culm Dr. Lud w ig C oh n- Berlin über „Das jüdische Volksleben als Born voy Geist und Witz"; in Könitz cand. Alfred Wiener-Berlin über „Das moderne Palästina und die Bibel"; in Schwetz. (Weichsel Rabbiner Dr. Loewy-Graudenz über „Judentum und Arbeit" Dr. Weyl-Könitz über den „Propheten Jeremia"; in Frankfurt a,M, Herr David Jellin aus Jerusalem über „Palästinensische Kulturbestrebungen einst und jetzt"; in Köln Herr Ludwig Hardt-Charlottenburg „Rezitationen"; in Duisburgs Herr A. Friedmann aus Königsberg i. Pr. über „Cheder und Jeschiwa".; ----- Berlin, 16. Januar. Inder Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hielt am 9. Januar der hiesige Universitätsprosessor Herr D. Dr. Adolf Deißmann einen Vortrag über ^Die Septuaginta-Uebersetzung des hebräischen Alten Testaments! in ihrer welthistorischen Bedeutung". Der Redner besprach im Eingang eine griechisch geschriebene jüdische Zaubexinschris.t auf. Delos, die; im zweiten vorchristlichen Jahrhundert.entstanden, sich bereits von der griechischen Bibelübersetzung beeinflußt zeigt. Die schnelle Verbreitung dieser sogenannten Septuaginta, die wohl, ins dritte