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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-12-23 · Heft 51 (23.12.1910) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Cölrnär, eröffnet. Er dankte den anwesenden Damen und Herren für ihr Erscheinen und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Bestrebungen der Gesellschaft in immer weiteren Kreisen Anerkennung und Nachahmung finden. Dieser Erfolg sei in erster Linie erreicht worden durch die Unterstützung und die Sympathie, welche die Gesellschaft in den weitesten Kreisen der elsaß-lothringischen Bevölkerung gefunden habe, was! insbesondere ans der stattlichen Liste von Schenkgebern ersichtlich sei. Besonderer Dank für ihre selbstlose und hingebungsvolle Tätigkeit gebühre Herrn Dr. M. Ginsburger in Gebweiler als Schriftführer und Herrn Simon Bloch in Straßburg als Museumverwalter. Am Schluffe seiner Ansprache machte der Herr Präsident noch die Mitteilung, daß die Gesellschaft auf der Internationalen Ausstelluug für Hygiene in Dresden durch Reproduktion verschiedener Gegenstände aus dem Jüdischen Museum vertreten sein werde. Sodann erstattete noch Herr Rabbiner Dr. Gins bürg er Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes im Jahrs 1910. Er teilte mit, daß den Mitgliedern im Laufe des Jahres je ein Exemplar von „Der Israelitische Friedhof in Hegenheim von Dr. Ä. Nordmann in Basel" und von „Le« familles Lehmann et Cenf Berr par M. Ginsburger“ zugegangen ist. In den nächsten Tagen , werden sie außerdem noch je fünf Lichtdruckbilder von jüdischen Altertümern erhalten. Durch den Tod hat die Gesellschaft verloren die Mitglieder Charles Bloch und Jacques Hirsch in Straßburg und Arthur Mach iu Hagenau. Am Grabe des. Herrn Moch s. A. hat Herr Charles Levy, Präsident, namens der Gesellschaft dem Verblichenen einen Nachruf gewidmet. Unmittelbar an diesen Bericht schloß sich der Vortrag des Herrn Dr. Ginsburger über „Die Hygiene der Juden in Elsaß-Lothringen". Derselbe wurde mit lebhaftem Interesse ausgenommen und soll auf allgemeinen Wunsch demnächst in erweiterter Form und vor einem größeren Zuhörerkreis wiederholt werden. Der Herr Präsident dankte dem Redner für die interessanten und auf fleißigem Quellenstudium beruhenden Ausführungen. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen. In der darauf stattgehabten Komiteesitznng wurde an Stelle des verewigten Herrn Arthur Moch aus Hagenau Herr Moise Hirsch, Präsident der israelitischen Krankenhausverwaltung ' in Straßburg, zum Vorstandsmitgliede kooptiert. Herrn B. Moch 'in Mülhausen, der durch Krankheit am Erscheinen leider verhindert -war, und dessen Kassenbericht durch den Schriftführer verlesen wurde, sprach der Herr Präsident sür die mustergültige Kasienverwaltung 'seinen herzlichen Tank aus. Schließlich wurde noch ein von Herrn Oberkantor V. Heymann eingebrachter Antrag angenommen, durch intensive Propaganda hauptsächlich in den Großgemeinden neue Mitglieder zu gewinnen. Möge die Gesellschaft auch fernerhin wachsen, blühen und gedeihen! Gesterretch-Nnsarn. K. Wien, 14. Dezember. Im Verein zur Abwehr des -Antisemitismus hielt vor einigen Tagen Reichsratsabgeordneter ' Dr. Mahler vor einem distinguierten Auditorium einen Vortrag, in dem er das Leben der polnischen Juden in Galizien in eingehender Weise charakterisierte. Dr. Mahler führte aus, daß alles Ueble, das man gemeinhin dem polnischen Juden, speziell in Galizien, nachsage ein Produkt der überaus traurigen Verhältnisse sei, unter denen sich .dieser bitterarme Bevölkerungsteil befinde. Zunächst die Sprache. Gerade die Ausdrucksweise sei aber bei den polnischen Juden viel prägnanter als anderwärts; sein Dialekt — fälschlich (?) Jargon genannt — sei diejenige Mundart, wie sie im 13. Jahrhundert, zur Zeit der Austreibung aus D eutschländ infolge der Pest, in den Rheingegenden gesprochen wurde, selbstverständlich. unter Berücksichtigung der Umwandlungen durch die Zeit und die slavischen Einflüsse. Es wäre aber verfehlt, anzunehmen, daß sich unter den . polnischen Juden keine Neigung zum Ackerbau vorfinde, im Gegenteil, es ist nur angesichts der hohen Bodenpreise — eine Folge des bedeutenden Landhungers — den zumeist sehr armen Juden oft ganz unmöglich, sich landwirtschaftlich zu betätigen. Dennoch trifft man .tatsächlich auf jüdische Landwirte. Aus den spärlichen für den Westen in die Erscheinung tretenden Repräsentanten des galizischen; Judentums darf ebensowenig auf die daheim Lebenden geschloffen werden, wie etwa ein moderner Amerikaner in einer 30 tägigen Tournee durch Europa die Deutschen, Engländer, Franzosen, Italiener und andere erkannt zu haben sich vermessen dürfe Dr. Mahler wurde für seine intereffanten Ausführungen mit großem Beifall ausgezeichnet, und der Präsident des Vereins. Superintendent Professor Dr. Szebering, sprach ihm den Dank des Vereins mit dem Hinweis darauf aus, daß auch" dertürzÄH^verstv'rbene' Erzö'ischvf von Brixen auf Grund seiner alttestamentarischen Studien zu dem Schluß gekommen sei, daß Christentum und Ätttisemitismus einander ausschließen. — Der Wiener Bürgermeister hat an den scheidenden Operndirektor Weingartner ein Schreiben gerichtet, indem er ihn ersuchte, im Interesse der Stadt seinen Dirigentenposten weiter beizubehalten. Dazu bemerkt die „ Sonn- und Montagszeitung": „Das ist ganz (in der Ordnung, aber man muß sich nun eines fragen: Warum ist dem Bürgermeister so spät der Kopf aufgegangen? Hätte es sich nicht geziemt, daß ein ähnliches Schreiben mit einer ähnlichen Aufforderung an Gustav Mahler gerichtet wurde? Oder ist Gustav Mahler ein schlechterer Dirigent als Felix Weingartner? Es kann sich da nur um ein Versehen handeln. Der Umstand, daß Gustav Mahler Jude war, konnte doch sicher nicht ins Gewicht fallen. Es wäre für den Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt zumindest eine unauslöschliche Schmach, wenn er Kunst und Konfession miteinander verwickelt hätte." Dieser Ansicht sind wir auch. — Der in Wien gebürtige, in Budapest wohnhafte Kaufmann Moritz Heim hat zum Andenken an seine vor einem Jahre verstorbene Gattin Elise, geborene Schwarz, eine Stiftung von 300 000 Kronen für das demnächst zu eröffnende Budapester Krankenasyl gewidmet. Das Asyl ist zur Aufnahme von unheilbaren Kranken ohne Rücksicht auf Religion und Konfession bestimmt und wird im Januar nächsten Jahres eröffnet werden. — Das ungarische Abgeordnetenhaus hat anläßlich der Beratung über die neue Zivilprozeßordnung ausgesprochen, daß die Zeugen, die im Zivilprozeß vor Gericht vernommen werden, nach ihrer Konfession nicht gefragt werden sollen. Gegen diesen Beschluß, der'im Abgeordnetenhaus nur mit drei Stimmen Mehrheit zustande gekommen ist, wird im Magnatenhaus eine Bewegung eingeleitet werden, die darauf abzielt, diese Bestimmung abzuändern und den bisherigen Zustand wieder herzustellen. An der Spitze der Bewegung stehen die Anhänger der Volkspartei im Magnalenhaus. In Regierungskreisen hält man es nicht für wahrscheinlich, daß eine Mehrheit zustande kommen wird, welche den Beschluß des Abgeordnetenhauses verwirft. Jedenfalls bedeutet der Beschluß des ungarischen Abgeordnetenhauses einen kulturellen Fortschritt. Von MH und Fern. — In dem berüchtigten Aufsatz der „Staatsbürger-Zeitung" „Jüdische Eide" wurde im vorigen Jahre das Kolnidre-Gebet zum Gegenstand eines Ausfalls gegen das Judentum gemacht. Das Landgericht I, Berlin, verurteilte deshalb, wie bekannt, den „Schriftleiter" Willi Buch-Buchow zu acht Tagen Gefängnis. Die gegen das Urteil eingereichte Revision wurde am letzten Freitag vom Reichsgericht verworfen. Das Reichsgericht hält es für zweifellos, daß die jüdische Religionsgemeinschaft beschimpft worden sei. — Kaiser Franz Joseph hat den in Ungarn geborenen und seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Literatur- und Kulturhistoriker Dr. Adolph Kohut soeben zum Königlichen Rat ernannt, und zwar wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Hebung der ungarischen Bildung und des Ansehens Ungarns im Auslande. — Der stellvertretende Handelsrichter, Herr Direktor Max May, begeht um 1. Januar 1911 das 25jährige Jubiläum seiner Tätigkeit bei der Ersten Berliner Malzfabrik A.-G-, Rixdorf. Der wegen seiner gemeinnützigen Wirksamkeit bekannte Jubilar bekleidet unter verschiedenen anderen Ehrenämtern auch das Amt des Kaffenführers des segensreich wirkenden Vereins „Mädchenhaus Pankow".— InBreslau wurde dieser Tage ein Jugendverein mit über 130 ordentlichen und 30 außerordentlichen Mitgliedern begründet- Herr Rechtsanwalt SamuelNothmann wurde zum ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt. — In der Synagoge in Neubrandenburg wurde ein Einbruchsdiebstahl verübt. Die Täter haben sämtliche silberne Geräte gestohlen. — Die Margarinevergistungen werden natürlich auch auf das Schnldkonto der Juden gesetzt. Das Münchener „Deutsche Volksblatt" .macht nämlich den Inhaber der Altonaer Margarinewerke, aus welchen das verderbenbringende

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