Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 536 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1866 veröffentlichte er eine kleine humoristische Erzählung „Die Geschichte, wie R. Lhaim Schulim Feigis von Kischinew nach Odessa reiste, und was mit ihm geschah." Hierauf erkrankte er, und ging nach dem Auslande, um sich zu kurieren. Ossip Aronowitsch Rabinowitsch starb den 16. Oktober 1869 im kräftigen Mannesalter von 52 Jahren in Meran, in Folge einer Kehlkopfschwindsucht. Bei der Schilderung der längstvergangenen Ereignisse geziemt es sich Wohl, in kurzen Strichen das Lebensbild des Mannes zu geben, der so viel für seine Glaubensgenossen tat. Schon damals, also vor einem halben Jahrhundert, hatte der Name des Begründers der russisch-jüdischen Presse einen guten Klang in der russischen Literatur; er war einer der wenigen in der Odessaer jüdischen Gemeinde, der die russiche Sprache und Literatur gründlich kannte und die Feder zu führen wußte. Geboren in Kobeljarh, einer kleinen Stadt des Poltower Gouvernements (gestorben den 16. Oktober 1869 in Meran und beerdigt in Wien), als Sohn eines Branntweinpächters, bezog er die Charkower Universität und trat in die juristische Fakultät. Inzwischen verschlechterten sich die Geschäfte seines Vaters, und der junge Student war gezwungen, die Hochschule zu verlassen und ins Elternhaus zurückzukehren, um bei Ordnung derselben behilflich zu sein. — Hierauf ging er nach Odessa und trat in die Kanzlei des bekannten dortigen Anwalts I. Weinberg, und einige Jahre später etablierte er sich dort als Rechtsanwalt und Notar. Er war ein sehr kluger und ungemein gebildeter Mann. Außer dem Russischen verstand er Hebräisch und übersetzte unter anderem den „Hakrab" (der das Schachspiel besingt) vom bekannten hebräischen Dichter und Mathematiker Jakob Eichenbaum) ins Russische. — Dem deutschen Lesepublikum ist Rabinowitsch durch seinen vortrefflichen „Strafnoi", vom berühmten Historiker Dr. I. M. Jost (Jahrbuch des Instituts für jüdische Geschichte und Literatur) ins Deutsche übertragen, bekannt. Außerdem war er besonders der englischen und auch der französischen Sprache mächtig. — Nur ein einziges Jahr stand er an der Spitze des „Naßwet", da er einerseits von der damaligen strengen Zensur viel zu leiden hatte, und anderseits wieder hatte er mit seinen eigenen Glaubensgenossen zu kämpfen, die über ihn ungehalten waren, weil er den alten Schlendrian in den jüdischen Gemeinden geißelte und brandmarkte. Erschöpft und müde legte er die Redaktion nieder, und das ungemein nützliche Blatt ging infolge dessen gänzlich ein. — An die Stelle des „Raßwet" trat „Der Zion", unter der Redaktion der gelehrten Aerzte, der Doktoren Leon Pinsker und Emanuel Soloweitschik; ersterer ist der eigentliche Stammvater des Zionismus, noch vor dem unvergeßlichen Dr. Theodor Herzl, und Verfasser der bekannten Broschüre „Autoemanzipation", welche nach ihrem Erscheinen in allen Schichten der jüdischen Gesellschaft großes Aufsehen erregte. — Dr. Soloweitschik war später der tüchtige Stadtrat der Odessaer Munizipalität und dann der verdienstvolle Oberarzt des dortigen städtischen Krankenhauses. — Der „Zion" war mehr ein gelehrtes Blatt. Nachdem sich Dr. Pinsker von der Redaktion zurückgezogen, trat an seine Stelle der gelehrte Dr. Nathan Bernstein, Enkel des berühmten Rabbi Akiba Eger seligen Angedenkens, der später als Privatdözent an der Neurussischen Universität wirkte. Auch der „Zion" existierte nicht lange. — Im Jahre 1869 entstand der „Djen" („Der Tag") unter der Redaktion von S. Ornstein, der später zur griechisch-katholischen (Prawoslaway) Kirche überging. — So sehen wir, daß die ersten drei Organe der russischen Juden in Odessa erschienen. — In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erschien in Petersburg die Zeitung „Wjestnik russkich Jewrejew" („Der Bote der russischen Juden") unter der Redaktion des bekannten hebräischen Journalisten Alexander Zederbaum, Begründer und langjähriger Redakteur des „Hameliz", und dessen Schwiegersohn Dr. Goldenblum. Außer denselben entstand in der Residenz der „Naßwet II." von Rosenfeld redigiert, dann „Jewreiskaja Zapisky" („Jüdische Memoiren"), wenn wir nicht irren, unter der Redaktion von Rabbiner Pumpjansky. — Das erste russisch-jüdische Journal „lenreiskaja Biblioieka" („Die jüdische Bibliothek") gab der treffliche Adolf Landau viele Jahre in Petersburg heraus. — Im Jahre 1881 begründete derselbe die Zeitung „Nedjeljnaja Chronika Woschoda" („Die Wochenchronik des Woschod"), verbunden mit einem monatlichen Journal „Woschod" („Der Aufgang"). Später verwandelte er die Wochenchronik zum „Woschod“, der bis zum Jahre 1906, also ein Verteljahrhundert zuur Wohl der russischen Juden segensreich wirkte. — Außer dem „Woschod“ erschien noch in Petersburg die „Buduschtnostj" („Die Zukunft"), von dem vor nicht langer Zeit dahingeschiedenen vr. med. S. O. Grusenberg, dem Bruder des berühmten Petersburger Rechtsanwalts Oskar Grusenberg, herausgegeben. Von allen diesen Zeitschriften und Journalen, besteht nur noch der „Rasswet“ mit zionistischer Richtung. Wenn wir nicht irren, erschien noch in Petersburg die Zeitung „Rassist" unter der Redaktion des bekannten Schriftstellers Bagrow, der ebenfalls in hohem Alter schon zur rechtgläubigen Kirche überging. — Im Laufe der Zeit erschienen noch in Odessa „Russki le^vrei" („Der russische Jude"), und noch einige andere Zeitschriften, die aber nur Eintagsfliegen waren, und in Bälde wieder vom Schauplatz verschwanden- — Jetzt bestehen in Petersburg: „-lenreiski Wr" („Die jüdische Welt"), Redakteur G. Portugalow. Von Neujahr 1910 erscheint dieselbe wöchentlich und alle drei Monate ein Band, literarische Aufsätze enthaltend; „lewreiskaja Sterna" („Das jüdische Altertum"), das Organ der „Jüdisch-historisch-ethnographischen Gesellschaft" (viermal jährlich), vorn bekannten Historiker S. M. Dubnow herausgegeben. Vom 1. Januar d. I. erscheint in der Residenz unter der Redaktion von M. G. Syrkin, „Nowy Woschod" („Der neue Woschod"), (wöchentlich). Der um das russische Judentum hochverdiente Veteran M. G. Morgulies in Odessa, war seit dem Beginn der russisch-jüdischen Presse bis nun, ein eifriger Mitarbeiter fast an allen Zeitschriften, und erinnern wir uns noch jetzt, -wie er in einem schönen Gedicht das erste jüdische Blatt unter einem Pseudonym herzlich begrüßte. — Unserer unmaßgeblichen Meinung nach waren von den russisch-jüdischen Zeitungen am besten: das erste Organ von Rabinowitsch „Rasswet", „Jewreiskaja Biblioteka" und „Woschod" von Adolf Landau. Im Laufe des verflossenen halben Jahrhunderts hat die russisch-jüdische Presse das ihrige zur Verbesserung der Lage im Schoße der jüdischen Gemeinden beigetragen. — Die äußere Lage aber der unglücklichen Söhne Judas im Zarenreich hat sich im 20. Jahrhundert bedeutend verschlimmert. Möge dieselbe sich in Bälde zum Bessern verwandeln!