Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-28 · Heft 43 (28.10.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 43 (28.10.1910)
Date
1910-10-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228951--66940-3279103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

englische Botschafter begrüßte die Vertreter des Ordens mit den Worten: „Seien Sie versichert, es gewährt mir ein wahres Vergnügen. einer Versammlung dieses großen internationalen Bundes beiwohnen zu dürfen, der so viel Gutes geleistet hat. ES--ist mir dies ein um so größeres Vergnügen, als ich gleich dem Präsidenten den Vorzug habe, sehr viele Juden zu meinen persönlichen Freunden zu zählen... In England wird niemand wegen seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben irgendwie zurückgesetzt. Ich bin hierauf stolz. Ebenso kann ich mit Stolz erklären, daß es keine besseren Menschen gibt, die wir höher achten, und die wegen ihres Charakters und ihrer persönlichen Eigenschaften sich einer größeren Wertschätzung erfreuen, als die Angehörigen Ihrer Glaubensgemeinschaft in England ... Ich wünschte, die Länder, in denen diese Grundsätze der Freiheit und Gleichheit noch nicht völlig anerkannt sind, würden einsehen, wieviel sie durch ihre Intoleranz verlieren." Redner schloß mit. dem Ausdruck der Freude über die Verpflanzung des Ordens nach England und knüpfte daran den Wunsch, daß der Orden sich dort ebenso segensreich entwickeln möge wie in den Vereinigten Staaten. Unter den weiteren Reden der Gäste war besonders die von Wendell P. Stafford bemerkenswert, denn er sprach über den Anteil Israels an der Ausbildung der Gerechtigkeitsidee. Seine Rede war ein Hymnus auf das Judentum; sie schloß mit den begeisterten Worten: „Den Juden verdankt das Menschengeschlecht seine Auffassung von Recht und Gerechtigkeit!" Zur bleibenden Erinnerung an die Eroßlogen-Tagung hat der Präsident Taft jedem der 81 Delegierten seine Photographie mit eigenhändiger Unterschrift überreichen lassen, nachdem er die Brüder mit ihren Damen tags zuvor im Weißen Hause in feierlicher Audienz empfangen hatte. Die Tagung selbst dauerte fünf Tage, die in angestrengter Arbeit dahingingeu, Den Hauptteil der Verhandlungen bildeten die Verlesung der Botschaft des Präsidenten Br. Kraus und die sich daran knüpfende Diskussion. Die Botschaft stellt einen Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Ordens während der letzten fünf Jahre dar. Alle Themata, alle Probleme, die die Gesamtjudenheit bewegen, finden in diesem Bericht ihren Widerhall. Mit Genugtuung stellt die Botschaft auch das numerische Wachstum des Ordens fest: am 1. Januar 1905 umfaßte der Orden 26811 Brüder (davon in Europa 8001), am 31. Dezember 1909 betrug seine Mitgliederzahl in Amerika 22847 (in Europa 9926, im Orient 350, zusammen 33123).-Das bedeutet eine Zunahme von 6005 Brüdern 22,150/g) gegen das Jahr 1905. Solches Wachstum steht in der Geschichte des Ordens einzig.da! Seit der letzten Tagung der Konstitutions-Großloge haben die einzelnen Distrikte insgesamt 1243070 Dollar für Witwen und Waisen und 1145118 Dollar für andere wohltätige Zwecke verausgabt. In fast überschwenglicher Dankbarkeit gedenkt Br. Kraus seiner Europareise und des begeisterten Empfanges, den ihm die einzelnen Logen bereitet haben. „Dieser Empfang," schreibt er,. „war ein beredtes Zeugnis ihrer treuen Hingabe an die Ideale eines Weltbundes, dessen Mitglieder zu sein, sie stolz sind. Das Wort „Bruder" ist für die europäischen Brüder kein leerer Schall, sondern es bedeutet etwas. Das Wort umfaßt nicht nur die Brüder, sondern auch deren Familien. Von Msh und Fern. ----- Die Herren Albert Freudenberg und Hermann Freudenberg, Mitinhaber der Firma Hermann Gerson, sind zu Hoflieferanten der Kaiserin ernannt worden. — Eine zweite Religionsschule eröffnet die Israelitische Synagogengemeinde (Adaß Jisroel) mit dem Anfang des Winterhalbjahres in Charlottenburg/ Bleibtreustraße 43 (Städtische Schule).. Der Unterricht findet Montag und Donnerstag nachmittag statt. Die Leitung ist Herrn Rabbiner. Dr. M. Hildesheimer übertragen worden. — . Der Prozeß gegen Theodor Fritsch in Leipzig wegen Verächtlichmachung der jüdischeu Religion wurde durch Gerichtsbeschluß vertagt. — Der antisemitische Schriftsteller Pla ck-Pordgorski hat mit seiner gegen das Urteil des Amtsgericht Gommern, das ihn wegen Nötigung und Beleidigung des Tierarztes Nieder vor einigen Monaten zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hätte, eingelegten Berufung kein Glück gehabt. Die Strafkammer Magdeburg - wies in ihrer Sitzung vom 12. d. M. die Berufung zurück. — In der abgelaufenen Saison hat die. israelitische Kin derheilstätte in Bad Kissingen 169 Kindern, unter ihnen wieder eine größere Anzahl christlicher Konfession, fast allen unentgeltliche Aufnahme gewährt; insgesamt wurden in den sechs Jahren 750 Kinder ausgenommen. Die Ausgaben betrugen in dieser Saison 16000 Mark, wovon freilich 4000 Mark für besondere Ausgaben der vorgenommenen Erweiterung der Anstalt entfallen. — Im Reichstagswahlkreis Hersseld-Hünfeld-Rotenburg. der durch den Antisemiten Werner vertreten wird, ist, wie in einer in Bebra abgehaltenen fortschrittlichen Versammlung mitgeteilt wurde, für die nächsten-Wahlen als gemeinsamer Kandidat der Nationalliberalen und der Volkspartei der fortschrittliche Professor Dr. Arndt-Frankfurt a. M. in Aussicht genommen. — Dr. Ernst Appel, Sohn des Karlsruher Stadtrabbiners,.ist zum Rabbiner in Bingen (Rhein) gewählt worden. — Die Stelle des Bezirksrabbiners für die Rabbinatsbezirke Freiburg und Salzburg ist dem Bezirksrabbiner Dr. Max Eschelbacher in Bruchsal, Sohn des Rabbiners Dr. Joseph Eschelbacher in Berlin Überträgen worden.- — Den Synagogenratsvorstehern Isaak Lang in Altdorf, Nathan Rothschild in Mosbach, Heinrich Weil in Emmendingen, Elias Heim in Müllheim und Meier Dreyfuß in Nonnenweier ist vom Großherzog von Baden das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen verliehen worden. — Zur Erinnerung an die während des deutsch.französischen Krieges auf deutscher und französischer Seite für das Vaterland Gefallenen hat am Versöhnungsfeste in der Haüptsynagoge zu Straßburg i. Elf. eine Gedächtnisfeier stattgefunden. Ter Oberrabbiner Ury hielt eine ergreifende Trauerrede, nachdem der Oberkantor Heymann den Psalm „Was ist der Mensch, o Herr", hatte ertönen lassen. Ein erhebender Gesang des Synagogenchors unter Leitung des Herrn Stanislaus Schlesinger schloß die ergreifende Feier. — In Amsterdam verschied kürzlich im Alter von 60 Jahren Rabbiner I. D. Wijnkoop. Der Verblichene, der ein gründlicher Kenner des Talmuds sowie der gesamten hebräischen Literatur war, hatte verschiedene gelehrte Werke verfaßt, von denen einige auch in fremde Sprachen übertragen worden sind, wie z. B. „Der Manuel der hebräischen Grammatik" ins Englische. Professor te Winkel bezeichnete in.seiner „Einführung in die Geschichte-der hebräischen Sprache" . Rabbiner Wijnkoop als einen der ersten Männer Hollands, die sich dem Studium des Hebräischen gewidmet haben. — Herr Edward Dumoulin in Hüll ist zum Cheriff der Stadt für das kommende Amtsjahr ernannt worden. — In Kapstadt hat die jüdische Gemeinde die Anwesenheit des Herrn Professor Schechter und seiner Gemahlin durch ein Bankett gefeiert. Unter den Geladenen befand sich neben anderen höheren Staatsbeamten auch der neue Gouverneur,der Kolonie N. F. de Waal, der in einer äußerst judenfreundlichen Tischrede dem Wunsche Ausdruck verlieh, daß nicht nur die Juden Südafrikas, sondern alle ihre Glaubensgenossen bald die ihnen gebührende Gleichstellung , mit den christlichen Mitbürgern erlangen mögen. — Bekanntlich werden in Amerika auch die Richter selbst des obersten Gerichtshofes nicht ernannt, sondern, wie die übrigen Funktionäre der Republik, vom Volke gewählt. Eine, besondere Ehrung wurde nun dem Richter des Obersten Gerichtshofes in Newbourg bei New York, Moritz Hirfchber g, zuteil, indem beide politische Parteien, sowohl die Republikaner wie auch die Demokraten, die Kandidatur Hirschbergs als Richter am Obersten Gerichtshof beschlossen, so daß seine Wiederwahl gesichert erscheint. — Der älteste Mann in den Vereinigten Staaten zu sein, beansprucht der aus Rußland zugewanderte. Jude Luis Abraham Kallinsky in Baltimore. Er gibt sein Alter auf 116 Jahre an, und es hat den Anschein, daß er' die Zahl seiner Lebensjahre nicht überschätzt. Er ist in Kiew geboren, behauptet, zur napoleonischen Zeit in Moskau gewesen zu sein und selbst bei der Inbrandsetzung der Stadt mit einer Fackel geholfen zu hoben. Schuhmacher von Gewerbe, entschloß er sich unter dem Druck der antisemitischen Bewegung in Rußland zur Auswanderung" und hat sich nun in den Vereinigten Staaten vortrefflich eingelebt. In seiner-Familie zählt er 20 Enkel, 29 Urenkel, 5 Ururenkel und 6 Urururenkel. . . . . - - - Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow» Morastr. 58.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.