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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-10-21 · Heft 42 (21.10.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 42 (21.10.1910)
Date
1910-10-21
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Vertrauen zu rechtfertigen, und daß er, wie er selbst von patriotischer Gesinnung erfüllt und getragen sei, auch seinen ganzen Einfluß aufbieten werde, um die Heranwachsende Jugend im gleichen Sinne zu erziehen. Er versicherte, daß er bisher schon den religiösen Frieden nach besten Kräften gewahrt habe und daß er sich auch hier von ganzem Herzen dieser schönen und erhabenen Ausgabe widmen werde. Wahrend des anschließenden Festgottesdienstes in der prächtig dekorierten Synagoge verbreitete sich der neue Rabbiner in eiNdrucks- . vollen Worten über seine Pflichten gegen Staat, Stadt und Kultusgemeinde, welche letztere insbesondere im darauffolgenden Sabbatgottesdienst Gelegenheit hatte, ihn als einen Mann von scharf hervortretendem Pflichtbewußtsein und als glänzenden Redner kennen zu lernen. — Gießen, 14. Oktober. In einer der letzten Sitzungen der Stadtverordneten lag zum zweitenmal der Antrag der orthodoxen Religionsgemeinde zur Beschlußfassung vor, die Stadt möge den Mitgliedern der Religionsgemeinde die Mitbenutzung der auf dem Kommunalfriedhof am Rodberge errichteten Israelitischen Leichenhalle gestatten, ferner möge die Stadt einen Hohlweg überbrücken zur Herstellung eines Weges von der Leichenhalle nach einem von der Antragstellerin erworbenen Gelände, das als Sonderfriedhof für die Gesellschaft benützt werden soll. Die Juristische Kommission, an die der Antrag verwiesen worden war. beantragte dessen Ablehnung. Zur Begründung wurde ausgesührt: Die Israelitische Religionsgesellschaft, die sich 1898 von der großen Muttergemeinde abgezweigt hat, besitzt zwar die Reckte einer juristischen Person,-, ein weitergehender Antrag jedoch, die Verordnung vom Jahre 1841, betreffend die Bildung der Vorstände der israelitischen Religicnsgemeinden und die Verwaltung von Gemeindevermögen auf die Israelitische Religionsgesellschaft für anwendbar zu erklären, wurde vom Ministerium abgelehnt. Hiernach sei die Vereinigung keine anerkannte Religionsgemeinde, sondern einer Sekte gleich zu erachten. Wollte man durch Zustimmung zu dem Anträge einen konfessionellen Sonderfriedhof schaffen helfen, so müßte man auch jeder anderen Sekte das gleiche gewähren: Da nun die Stadt für die Bürger aller Bekenntnisse eine gemeinsame Ruhestätte geschaffen hat, müsse man durch Ablehnung des Antrages die Anlage eines Sondersriedhofes erschweren, und wenn tunlich unmöglich machen. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte, dem Vorschläge der Kommission entsprechend, die Anträge einstimmig ab. , J. W. Strastburg i. E., 14. Oktober. Die hiesige jüdische Gemeinde hat ihren neuen Friedhof in Kronenburg eingeweiht. Oberrabbiner Ury. hielt die Weihrede, in der er aus die Geschichtedes Friedhofes zu sprechen kam. Nach ihm richtete Rabbiner Dr. Marx nochmals ernste Worte an die zahlreich versammelte Zuhörerschaft, wie sie der feierlichen Stätte des Todes an- ’ gemessen sind. Die Anlagen sind sehr geräumig. Es ist Raum für 3200 Erwachsene und 300 Kinder. Der eingezäunte Teil umfaßt bloß die Hälfte des ganzen Komplexes und wird ungefähr 30 bis 40 Jahre ausreichen. Die Eingangshalle ist sehr praktisch und einfach gehalten. In den Seitenhallen befinden sich die Leichenhallen, die Leichenwaschhalle. Ebenso ist die große Halle geräumig genug, um 400 Personen aufzunehmen. Es ist eine Wohnung für den Friedhofverwalter vorhanden. Die gesamte würdige Anlage, ein Muster wahrer Friedhofskunst, macht den Erbauern, den Architekten Wolf und Falk, alle Ehre. Oesterreich-Ungarn. L. Budapest, 14. Oktober. In der letzten Ausschußsitzung des Poliklinischen Vereines in Budapest teilte Baron Alexander Deutsch de Hatvany mit, daß er 200000 Kronen zu Vereinszwecken spende mit der Bestimmung, daß an das musterhafte Krankenhaus ein neuer Pavillon zugebaut werden möge. Der Spender ersuchte, daß der neue Pavillon den Namen seines Vaters Joseph Deutsch de Hatvan.Y und den seiner Mutter, geborenen Paula Grieshaber führe. Präsident Gras Albert Apponyi stattete feinen Dank für die hochherzige Spende ab. — Die letzte Nummer des ungarischen Amtsblattes meldet, daß Herrn Desiderius Kanitz, dem Generaldirektor der- Agrarsparkasse in Eger (Ungarn) in Anerkennung seiner aus wirtschaftlichem und finanziellem Gebiete entfalteten Tätigkeit der ungarische Adel mit dem Prädikate „von Nagy-Ecser" verliehen wurde. Im Komitate Heves wird diese Auszeichnung sehr sympathisch ausgenommen. Der Initiative des Generaldirektors Kanitz und seiner viHe Jahre hindurch entwickelten zielbewußten Arbeit ist es zuzüschrei^en, daß die finanziellen Interessen Egers und Umgebung die segensreiche Blüte eines geordneten Wirtschaftssystems unleugbar manifestieren. Desiderius Kanitz begann seine Laufbahn im Geschäfte seines Paters, des Egerer Großkaufmanns Leopold Kanitz. Als man dort die Heveser Komitats- Kreditbank begründete, wurde er zur Leitung. derselben berufen. Unter seiner Führung entwickelte sich die Bank auf das vorteilhafteste und wurde später in die Agrar-Sparkasse Aktien-Gesellschaft verwandelt, welche heute zu den ersten Instituten Oberungarns zählt. Desiderius v. Kanitz ist seit langen Jahren Mitglied der Miskoczer Handelskammer, des Munizipalausschusses der Stadt Eger und des Komitates Heves, sowie von mehreren Fachkomitees derselben. Er ist Präsident der Egerer israelitischen Gemeinde, die dank seiner Fürsorge und Obhut einen nennenswerten Aufschwung zu verzeichnen hat. Desiderius Kanitz ist aber nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete mit Erfolg tätig, er hat auch große Verdienste in philanthropischer und allgemein kultureller Hinsicht. ' Er hat zwei Kinder, die nun gleichfalls in den erblichen Adelsstand erhoben worden sind. England. 2. London, 14. Oktober. Die Oeffentlichkeit hat nicht viel Notiz davon genommen, daß die mächtigste Finanz-Dynastie der Welt, die Familie Notschild, wie von Ihnen kurz berichtet, in diesen Tagen ihr ältestes Mitglied, ihr Oberhaupt den Jahren nach, verloren hat. So still, so geräuschlos, wie sie in den letzten Jahrzehnten lebte, ist die Baronin Louise v. Rothschild, geborene Montifiore. aus diesem Dasein geschieden. Und doch verdient diese Frau ein freundlicheres Gedenken. Nicht, nur wegen der ungeheuer bevorzugten sozialen Stellung, die sie einnahm, sondern vor allem, weil sie von ihrem großen Reichtum den edelsten Gebrauch machte. In England hieß sie „Lady Rothschild". Ihr Gatte FreiherrAntony v. Rothschild, österreichisch-ungarischer Generalkonsul in London, hatte am 12. Januar 1847. von. der Königin Viktoria den Titel eines britischen Baronets erhalten und nannte sich seitdem, da er britischer Untertan geworden war, Sir Antony Rothschild. Am 28. Mai 1821 geboren, ist Lady Rothschild fast 90 Jahre alt geworden, und davon hat sie 34 Jahre im Witwenstand verbracht. Sie lebte in Aston-Clinton, einem schönen Landhause mitten in jenem Teile Englands, der im. Volksmunde das „Land Rothschild" genannt wird, weil Port fast aller Grund und Boden den Nachkommen des Frankfurter Bankiers Anselm Rothschild gehört. Im Winter wohnte sie aber stets einige Monate in London und nahm sich der Hungernden und Leidenden in hochherzigster Weise, an. Besonders ihren bedürftigen Glaubensgenossen.galt ihr Mitleid und ihre Fürsorge und sie ließ es nicht, nach der Art anderer vornehmer Damen, dabei bewenden, bedeutende Summen für allgemein nützliche Zwecke zu spenden, sie suchte die Armut und das Elend an Ort und Stelle auf. Wo die Not am dringendsten war, griff sie schnell und entschlossen ein. Sehr bezeichnend ist in dieser Hinsicht ein Erlebnis, das ihr einst begegnete, als sie ein junges, aus Rußland nach London ausgewandertes Ehepaar, das man ihrem Interesse empfohlen hatte, im größten Elend antraf. Ein Zimmer nur diente den Unglücklichen als Unterkunft, und in diesem Zimmer befand sich kaum ein Möbelstück, von Nahrungsmitteln ganz zu schweigen. Ohne sich lange zu besinnen, fuhr Lady Rothschild nach dem nächsten Leihhause, nahm einen kostbaren Diamantring vom Finger und wollte.ihn verpfänden. Der Leihhausbesitzer war von der Schönheit des Steines indessen derart überrascht, daß in ihm der Verdacht aufstieg, eine Diebin vor sich zu haben, und er sich weigerte, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Lady Rothschild sah sich genötigt, einen in der Nähe wohnenden Rabbiner herbeiholen zu lassen, der sie erkannte und dem eigenartigen Geschäft nun durch sein Zeugnis zu schnellem Abschlüsse ver^ half, so daß Lady Rothschild imstande war, zu ihren Schützlingen Mit vollen Händen zurückzueilen. Sie hat keinen Sohn hinterlassen- Zwei Töchter trauern an ihrer-Bahre. Die ältere, Konstanze, ist seit 1907 die Witwe von Lord Battersea, der zwölf Jahre lang im

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