Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1910)
- Date
- 1910-10-21
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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Aus Rußland liegen nach der „Neue Israelitischen Korrespondenz" zwei Nachrichten vor: die eine beweist die schlimmen Folgen der russisch-jüdischen Schulpolitik. Sie lautet so: Infolge der Ausdehnung der Prozentnorm auf die Handelsschulen konnten in der-Handelsschule zu Minsk für das neue Schuljahr sieben jüdische Schüler Aufnahme finden, da es an christlichen Bewerbern fehlte. Aus verschiedenen Städten des Ansiedlungsrayons werden traurige Einzelheiten über die wachsende Schulnot berichtet. Die schwersten Folgen hatte die Schließung der städtischen Volksschulen für jüdische Kinder. In Berditschew sind 2000 Kinder infolge dieser neuen. Maßregel ohne Schulunterricht. In Schitomir sah sich eine Gruppe von städtischen Abgeordneten veranlaßt, beim Bürgermeister eine schriftliche Erklärung einzureichen, in der auf die unmögliche Lage hingewiesen wird, in welche die jüdischen Kinder durch die will' kürliche Schließung der städtischen Volksschulen geraten sind. .Die Abgeordneten fordern, daß die Stadtduma Mittel zur Abhilfe dieses Uebels ausfindig mache. * Die andere wird als ein Schritt der Demokratisierung der jüdischen Gemeinde in Petersburg bezeichnet. Sie hat folgenden Wortlaut: Den Bemühungen der national und demokratisch gesinnten Kreise der Petersburger Jüdischen Gemeinde ist es endlich gelungen, eine Verfügung des Petersburger Stadlhauptmanns zu erwirken, wonach die das Stimmrecht in Gemeinde-Angelegenheiten verleihende Gemeindesteuer von 25 auf 3 Rubel jährlich herabgesetzt wird. Dieser Beschluß dürfte von prinzipieller Bedeutung für die Gestaltung der jüdischen Gemeinde-Angelegenheiten in Rußland werden. Gewiß entspricht es einem Gebot der Gerechtigkeit, daß wie bei Staats- und Gemeindewahlen auch die Minder- Hesteuerten das. Wahlrecht erlangen. Nur ist der Versuch ein zweischneidiger, denn es könnte leicht kommen, daß die Massen Ungebildeter eine stark rückläufige Bewegung inaugu.-. rierten und der Gesamtheit mehr Schaden als Nutzen brächten. ' ' * Die „Mitteilungen" des Abwehrvereins enthalten folgenden sehr beherzigenswerten Artikel: Im österreichischen Unterrichtsministerium wird gegenwärtig an dev Herausgabe einer neuen, für alle Mittelschulen, Gymnasien, Realgymnasien. Realschulen usw. einheitlichen Disziplinarordnung gearbeitet. Bemerkenswert in dieser Verordyung ist der Passus, daß konfessionelle und nationale Unduldsamkeit als schweres Vergehen zu betrachten und dementsprechend streng zu fahnden ist. Ferner heißt es in der neuen Verordnung: Die Strafe der Ausschließung aus der Anstalt erfolgt bei fortgesetzter Unduldsamkeit in religiöser oder nationaler Beziehung, wenn nach wiederholter Karzerstrafe und Androhung der Ausschließung der Schüler wieder straffällig wird. Diese neue Disziplinarordnung wird seitens der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich mit Freuden begrüßt werden, da viele israelitische Schüler in manchen Anstalten, namentlich, aber in slawischen Gegenden, wegen ihrer Konfession und deutschen Gesinnung geradezu ein Märtyrerdasein fristen. Häufig sind es sogar die Lehrer selbst, die ihren Schülern das traurige Beispiel der konfessionellen Unduldsamkeit geben. In dieser Hinsicht wäre zu wünschen, daß die neue Disziplinarordnung auch, für die Lehrer Anwendung fände. Jedenfalls' wärn mit. .der neuen Verordnung der erste Schritt zur Besserung der Lage der israeMischen Mittelschüler getan — vorausgesetzt. daß sie von den Schulleitungen auch immer und überall gehandhabt wird. Auch im Deutschen Reiche lassen zahlreiche betrübende Einzelfälle aus älterer und neuerer Zeit, bei welchen jüdische Schüler antisemitischen Quälereien ausgesetzt waren, den Erlaß einer Bestimmung analogen. Inhalts wünschenswert erscheinen. •4r Ein anderer Artikel desselben Blattes wendet sich mit Entschiedenheit gegen die auch von uns schon früher hervorgehobene Aeußerung der „Kreuzzeitung" über „den sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß." Er tut dar> daß die nicht jüdischen Intellektuellen in gleicher Weise ja zersetzender wirken als die Juden und kommt zu nachstehenden Schlußfolgerungen, die so klar und verständig sind, daß man meinen müßte, sie würden von'aller Welt gebilligt. Die Klagen rühren nur meist von solchen her, die entweder die Bedeutung der angeblich jüdischen Praktiken nicht verstehen oder sie nur zu gern auch üben würden, wenn sie es vermöchten. Man hat gar vieles im Laufe der Zeit für zersetzend gehalten, für undeutsch, was nach wenigen Jahren schon allgemein in Deutschland, und nicht zum Schaden des Landes, geübt wurde. Wie hat man früher über Annoncen, und Reklame die Nase gerümpft, über verschiedene Surrogate die Achseln gezuckt, Aktien. Wechsel, Börse verdammt, ja die Ausdehnung der Industrie, die Verbindung von Industrie und Landwirtschaft als nicht vornehm usw. beklagt! Wenn hier die Juden meist vorangegangen sind, so hat das mit dem Judentum als solchem nicht im geringsten zu tun. Die Juden haben nur schneller das Praktische und Richtige begriffen, sind frischen Mutes in der Benutzung vorgegangen und haben mit den dadurch hervorgerufenen Veränderungen die Geistesträgen aufgeschreckt. Denn jeder Wechsel schreckt nicht uur den Glücklichen, sondern auch den Trägen und diejenigen, die, weil beati possidentes, aus eine Aenderung gar zu gern verzichten. Darum hat aber doch der jüdische Kattunfabrikant, der die Engländer vom Kontinent verdrängt hat, sich um das deutsche Vaterland verdient gemacht. Darum verschmähen es heute Mitglieder selbst deA Hochadels nicht mehr, auch durch industrielle Anlagen Geld zu verdienen, annoncieren und machen Reklame die ältesten und vornehmsten germanischen Firmen und bekehrt sich, gern oder ungern, das deutsche Volk auch zu Shoddy, Margarine usw. Was man „zersetzenden jüdischen Einfluß" nennt, das ist fast durchweg nur der zersetzende Einfluß der fortschreitenden Zeit, des modernen .Geistes. Zufällig sind einige Juden Führer in der sozialen Bewegung.. ^Aber darum hätte es auch ohne diese jüdischen Führer unzweifelhaft eine soziale Bewegung gegeben, und was man auch über die Endziele dieser Bewegung denken mag, daß sie manches, Güte gebracht hat, wird allgemein anerkannt. Man sollte endlich aushören, über „jüdischen zersetzenden Einfluß" zü klagen, der an sich nicht wirklich jüdisch ist und, noch wirksamer nach dem Urteil sogar der „Kreuz-Ztg." als von Juden, von rassereinen Germanen geübt wird. Und die „Kreuz-Ztg." spricht, indem sie so urteilt, von Presse und Literatur, einem Gebiete also, das man als die besondere Domäne des „zersetzenden jüdischen Einflusses" zu betrachten liebt. Die Zeit steht nirgends und niemals still, und vieles zersetzt sich ganz von selbst ohne besonderes Hinzutun von dieser oder jener Seite. Sind etwa die Juden schuld an der auf den Volksgeist zersetzend wirkenden Landflucht? Hat der zersetzende jüdische Einfluß etwa verschuldet, daß in allen deutschen Gauen die Nationaltrachten mehr und mehr verschwinden? Selbst wenn der zersetzende Einfluß, der, wie gesagt, nicht jüdisch oder nur jüdisch ist, durchweg vom Uebel wäre, was er ganz bestimmt nicht ist, würde man sich gegen ihn nicht einmal durch die Errichtung einer chinesischen Mauer, schützen können, denn auch diese wird, wie man gerade jetzt sehen kann, selbst zersetzt und von denen abgetragen, die sie einst errichtet haben. Und man mag sich damit trösten, daß, was an einem Volke wahrhaft gut ist, auch nicht leicht selbst durch mächtigeren Einfluß, als es der jüdische ist und sein kann, zersetzt wird. Man kann sehr gut deutsch sein, auch wenn man den deutschen Schlendrian abgelegt hat, wie er tatsächlich abgelegt worden ist in den Städten und selbst auf dem Lande, und man kann ein guter Deutscher sein, ist ein guter Deutscher dann gerade, wenn man von anderen Völkern'das Gute, das sie haben, lernt. Durch die Zeitungen macht die Rundeein Aussatz von Fr. Hirth „Heinrich Heines Geburtsjahr und Konfession". Der Verfasser will gegen die bis jetzt allgemein übliche Annahme, Heine sei 1797 geboren, den Beweis führen, daß das richtige-