Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fr'i e'd kiche. Gemeinschäft, ' die ' bct'.'l^ic'l'uu'g ’ ber Kinder nach wie vor die -größte Äuf'merksämkeit schenkt. - " ‘ ’":7^ ' Es ist angebracht, hier die Ehrlichkeit in Handel und Wandel zu betonen, die den Spaniolen von Saloniki von allen reisenden Kaufleuten, die mit ihnen zu tun haben, nachgerühmt wird, ebenso von den dort ansässigen ausländischen Kaufleüteu. In der heutigen Zeit, wo Hetzerei unwürdigster Art auf allen Seiten ist, da wird es ja leider immer wieder notwendig, das hervorzuheben. Hier ein ganz unverdächtiges Lob der zu Konstantinopel erscheinenden deutschen Zeitung „Osmanischer Lloyd", dessen Chefredakteur und Herausgeber Dr. Grunwald — ein alter Korpsbursche — ebenso wie1 die Redakteure Christen sind. Des Blattes Korrespondent in Saloniki ein christlicher Kaufmann, schreibt: „Auf alle Fälle sind die Saloniker Israeliten ein sehr tüchtiges, rühriges Händelsvolk, dessen guter Ruf heute bereits auf allen europäischen Handelsplätzen bekannt ist. Dieser gute Ruf verdient besondere Betonung, denn -gerade durch das Auftreten -und Verhalten der hiesigen Israeliten im Handel, durch ihre Rechtlichkeit gelangte der Saloniker Markt zu jener vorteilhaften Rolle, die er heute überall einnimmt. Noch jetzt ist im Geschäftsleben, hier das gegebene Wort maßgebend." . ' . (Fortsetzung folgt.) ftSlgcill Die Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. . . y. betete sie sehr viel in diesen Nächten und Tagen zu ihrem lieben, herzlieben Gott, in dem sie alle Güte der Welt, aber auch alle Strenge vereint glaubte, betete als ein Kind, das sich manches zu sagen schämt und doch alles sagt und jede Bitte dreimal wiederholt. Beim Schlafengehen zum Beispiel sprach sie erst das hebräische Nachtgebet — wie hätte sie ohne das einschlafen können! — ganz schnell, um dann zu ihren eigentlichen Gebeten zu kommen, die immer begannen: „Du weißt es, lieber Gott, wie ich ihn liebe! Du weißt es lieber Gott, wie ich 'ihn liebe! Du weißt es. Du mußt es wissen, Du weißt es!" Und cs mußte nicht anders dieses Bekenntnis zu Gott emporklingcn als der dreimalige Vekenntnisrut feines gläubigen Volkes: Schöna Jissroel. . . Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Ganz gewiß sprach sie auch manchmal dieses: „Du weißt es lieber Gott, wie ich ihn liebe! — wie jene, die ihr „Sch-ma Jissroel" in banger Sterbensnot ausstoßen. So bang war ihr"s ums Herz. Und sie glaubte doch an die kommende Himmelsseligkeit ihrer Liebe wie jene Sterbenden an den Himmel glauben.. . . s; Dann konnte sie in ihren Gebeten fortfahren, wirr durcheinander, dieses und jenes vielmals wiederholend, wie um Gott bis in den letzten Winkel seiner großen Seele hinein zu überzeugen: ' ' ' „Und wenn er mich nehmen will. Du weißt es: ich kann mich nicht wehren, ich kann nicht, lieber Gott, ich kann nicht! Ich muß ihm gehören! Ich kann ihm nichts weigern, was ich zu verschenken habe, nichts^ Selbst wicht mein Leben, wenn er das will, nein, selbst das nicht. Und ich gehöre ihm doch schön seit langem : mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen und mit' all meinen Sinnen. Und er braucht nicht um mich zü betteln und zu werben, nein, er braucht es nicht. Ich gehör" ihm ja.schon,'weil.ich muß. Und .ich will es ganz frei müssen, ganz frei und ganz stolz. Ich'will nicht vorher fragen, ob er's mir vor der Welt erst bestätigen will, daß ich ihm gehören darf, obgleich —' (ganz tief im Innersten und schnell gedacht) — Du es weißt, wie sehr ich es wünschet Oh, ich ' würde mich ja so schämen für das. Köstlichste, was ich zu geben habe, erst den Preis zu bedingen und, zu erhalten!' Müßt" ich mich nicht in der Tiefe darum schämern. lieber Gott, auch wenn man lacht über diese Scham und die andere kaum etwas davon wissen?. — das hat mich nicht mein Vater gelehrt und auch Mama nicht und auch nicht unsere Religion. Aber es ist doch so. Und nicht weil ich etwas Aehüliches früher einmal gelesen habe, empfinde ich so. Du lieber Gott, der Du in jede Falte meines Herzens siehst, weißt, daß ich mich sehr schämen würde darum. Nein, ganz frei und ohne>Frage will ich.ihm gehören. Und er soll mich nicht aus meinem Rausche heraus zu seinem Eigen machen. Ich will wissen,' will es niit vollem Herzen wissen und wollen, daß er wie ein König an mir tun darf. Hörst Du, Gott, nicht anders laß es zu! Daß ich mich nicht zu schämen brauche vor-Dir. Aber ihre 'heimliche Scham war doch recht groß, diese Scham aus Tradition und Hetkommen und allgemeiner Sitte, die alle einen hohen Wall um sie türmten. Ost genug fragte sie daher ihren Gott, ob sie nun wirklich zu ihm hingehen müsse. Aber es war doch nur eine Frage, deren Antwort sie schon vorher wußte. Denn siehst Du. lieber Gott," erklärte sie, „ichhab"sihm doch versprochen. Und wenn ich nicht gehe und er an meine Liebe nicht glaubt, so will ich eher sterben. Mein Gott, ich kann doch nicht anders, ich kann doch nicht, ich kann nicht! Mag mir geschehen, was will. Und ich will nicht daran denken, was mir später geschieht. Und in der letzten Nacht, die mit den tiefen tränenleuchteuden Augen in ihr Zimmer trat, hing sie sich noch einmal mit ringender Inbrunst so heiß .an ihrem Gott, bis er sie einschlafen und von ihrem Geliebten träumen ließ. Und am frühen Nachmittag des Tages, der mit. Don Diegos Augen winkte, hob sie ihr semitisches Marienantlitz, als läge ein milderheiliger Schein über ihrem schimmernd schwarzen Scheitel und leuchtete noch um das wunderweiche Oval dieses entzückenden Gesichtchens herum. Und ging. Es war aber große Reinheit und tiefer Glaube in ihr. Nur als sie die Tür des Schloßparkes öffnete, überkam sie noch einmal jene bange Sterbensnot, und sie sagte wie jene Sterbenden in bebender Todesangst ihr „Sch’ma Jissroel? Du weißt, lieber Gott, wie ich ihn liebe! Du weißt, lieber Gott, wie ich ihn liebe! Als sie aber in dem hochgewölbten Zimmer Don Diegos Jauchzerruf hörte und sein glückliches Lachen, wußtesie von der Erfüllung aller süßesten Himmelsseligkeit. „Wie schön doch dieser Park ist! Wunder — wunderschön. Und ich fühl" mich wie im Paradies, wie im Garten Eden." „Also bist Du glücklich, mein kleines-Lieb!" „Frag* nicht, Diego. Man darf nicht daran rühren Aber weißt Du, manchmal, wie vorhin auch, muß ich richtig weinen — vor Glück. Ich kann nicht anders. Die Tränen kommen mir ins Auge. O Du!" * Und sie schlang wieder beide Arme um ihn, ihre zierliche und fast kleine Mävchengestalt zu seiner Größe emporreckend