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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-03-11 · Heft 10 (11.3.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 10 (11.3.1910)
Date
1910-03-11
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Li ngens und Mehlhaus gratulierten für eine Reihe anderer Wotzltätigkeitsvereiüe, darunter des Vincenzvereins, denen Herr Lippmann seit Jahren große Zuwendungen gemacht hat. Auch die Aachener ' Liedertafel hatte eine Deputation mit Herrn Professor Dr, Lehmann an der Spitze zur Gratulationscour entsandt, die trotz der anstrengenden Dauer von Herrn Lippmanu mit in seinem Alter seltener Frische abgenommen wurde. Alle Glückwünsche, die dem verehrten Wvhtäter ausgesprochen wurden, gipfelten in dem Wunsche, daß er uns'noch lange Jahre erhalten bleiben möge. j. ft-ratlffutt <*«6. März. Die sechste Synagoge in unserer Stadt, die im Frankfurter. „Tiergartenviertel", in der Königsteinerstraße im Westend errichtet wird, geht jetzt ihrer Vollendung entgegen. Dieses neue Gotteshaus, das neben den Synagogen ip der Börnestraße, am Sandweg, .der Löwen-, Schützenstraße und derjenigen an der Unterlindau, auch in architektonischer Hinsicht eine Zierde der Stadt zu werden verspricht, wird 1200 Plätze enthalten und eine Sängerempore für 40 Personen. In einem Nebengebäude werden die Verwaltungsräume, die Wochentagssynagoge. Rabbinerwohnungen und vier Schulsäle für Religionsunterricht eingerichtet. Das Nebengebäude soll bereits am 1. April in Benutzung genommen werden. — Frei bürg t. ©♦, 3. März. Am 24. v. M. ist unser verehrter und allgemein beliebter Rabbiner, Herr Dr. Adolf Lewin, der seit mehreren Jahren von einem schweren Herzleiden heimgesucht war, plötzlich.verschieden.. Der Entschlafene war Rabbiner der Ne, . zirke Freiburg und Sulzburg und zugleich Mitglied des Oberrats der Israeliten in Baden. Als Anhänger der liberalen Richtung im Judentum hat er in der Gebetbuchfrage seitens der Orthodoxie viele Anfeindungen erfahren, die ihn aber in seiner Ueberzeugung von der Notwendigkeit und Gediegenheit des neuen Gebetbuches nicht wankend machten. Dr. Lewin betätigte sich vielfach auch auf literarischem Gebiet, und erst vor einigen Monaten brachte er sein umfassendes Werk „Geschichte der badischen Juden seit der Negierung Karl Friedrichs" zum Abichluß, das gebührende Beachtung und ungeteilte Anerkennung fand. Die am Sonntag, den 27. Februar stattgefundene Beisetzung erfolgte unter außerordentlicher Beteiligung der hiesigen Bürgerschaft, der Stadt- und Staatsbehörden, der Geistlichkeit beider Konfessionen, der Vertreter des Oberrats und vieler Kollegen des Verblichenen, dessen segensreiches Wirken in unserer Gemeinde in dauernder Erinnerung bleiben wird. Ehre seinem Andenken. Gesterretch-Ansarn. II. W. Budapest, 4. März. Ungarn ist das Land des Liberalismus, heißt es allgemein. Trotzdem hatten wir noch keinen Ministerpräsidenten, der ganz offen seinen Sympathien für das Judentum Ausdruck verliehen und es gegen die üblichen verlogenen Beschuldigungen entschieden in Schutz genommen hätte. Daß Ungarn heute ein solches Regierungsoberhaupt hat, beweisen die Aeußerungen, die Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary dem Redakteur eines ungarischen Tageblattes gegenüber getan hat. Das Interview begann mit der Frage: „Es wäre uns interessant, zu wissen, wie Sie, Herr Minister, über die konfessionelle Frage und speziell über die Juden denken." Graf Khuen-Hedervary war über die Frage anscheinend überrascht und verweigerte aus sie die Antwort. „Es gibt," sagte er, „Antisemiten und antijüdische Strömungen; zu einem Mann von meiner Position dürfen sich diefe aber nicht heranwagen. Schon die Frage ist unstatthaft, denn sie involviert die Möglichkeit, daß man am Staatsruder sein und sich von konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen könne. Diese Möglichkeit, die den Staatsgrundgesetzen widerspricht, muß selbst in dieser Form ausgeschlossen sein." Der Minister betonte des weiteren, daß cr sich in seinem ganzen Systeme und auch in Behandlung dieser Frage nur von höheren humanen Gesichtspunkten leiten lasse. Wo er Gelegenheit gehabt habe, mit Juden in persönliche Berührung zu kommen, habe er die besten Erfahrungen gemacht. Für die ideele Auffassung des jüdischen Familienlebens, für die innige Liebe und Aufopferungsfähigkeit der Juden überhaupt, wie auch für das prinzipientreue Festhalten an altjüdischer Tradition habe er volles Verständnis. „Wie ich hingegen über die bodenlosen Verdächtigungen, daß sie Wucherer und Parasiten seien, wie über Anklagen, die die Fehler des gestempelten Individuums der Allgemeinheit aufbürden wollen, zu denken habe, darüber hat mir die Erfahrung in meinem Patronatsort die Richtlinie gegeben. JnHedervar wohnt ein jüdischer Krämer, der seit fünfzig ^Jahren seinen Kreislerladen gewissenhaft bedient. Sein kleiner Besitz hat den Neid der Andersgläubigen erregt. Sie haben in einem katholischen Geschäft und in einer Kousumbude dem alten Mann dett Kampf auf Tod und Brot gekündet. Und der Mann lebt doch — und sein Vermögen wächst noch immer. Wie könnte das anders als nur durch die unentwegte^ fleißige und ehrliche Arbeit dieses braven Mannes möglich sein. Die rastlose Arbeit eines halben Jahrhunderts muß ihren Lohn im Erfolg finden. Dieses kann nur von rohen Menschen als Wucher gebrandmarkt werden. Sie wissen, daß ich zwei Söhne habe. Zu meinem jüngeren habe ich mir einen jüdischen Universitälshörer empfehlen lassen. Und glauben Sie, daß mir die Glaubenstreue dieses jungen Studenten nicht Bewunderung abgerungen hat? Er wies das ihm bei Tisch Vorgesetzte Gedeck mit dem Hinweis auf sein jüdisches Bekenntnis zurück Es blieb mir, dem designierten Ministerpräsidenten, dem Ritter vom goldenen Vließ, nichts anderes übrig, als mit dem jüdischen Metzger über Koscherverpflegung des jungen Magisters ein Abkommen zu treffen. Als ich dann weiter erfahren habe, daß mein Hauslehrer, der Sohn eines armen Rabbiners, mit für die Versorgung seiner dreizehn Geschwister arbeiten muß und sehr leicht durch die stolze Weigerung nicht nur sich, sondern auch seiner armen Familie das Brot entzogen hätte, hat mir der Mann um so mehr, imponiert." * Vim Ksh und Fern. — Der „Verband der Sabbatfreunde" veranstaltet am 27. .und 28. d. M. in Berlin seinen IV. Delegiertentag. Auf der Tagesordnung stehen u. a. folgende Punkte: Handwerkerzentrale, Sonntagsruhe, Abwanderung aus der Kleinstädten und Brockensammlungen. — Wie in medizinischen Kreisen verlautet, wird zu Ende des Sommerhalbjahrs Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Senator, ordentlicher Honorarprofessor und Direktor des Poliklinischen Instituts für innere Medizin an der Universität, vom Lehramte zurücktreten. — Aus dem achten Rechenschaftsbericht der „Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee" entnehmen wir, daß die Frequenz im letzten Jahre mit 727 eine nie erreichte Höhe erlangt hat. Die Gesamtziffer der seit Eröffnung der Anstalt Ausgenommenen hat 4000 erreicht. Bei der großen Mehrzahl ist die Umwandlung von Wanderbettlern in fleißige Arbeiter gelungen. Dem sozial segensreich wirkenden Verein, dessen laufende Ausgaben die jährlichen festen Einnahmen um 5000 bis 6000 Mark übertreffen, ist die Gewinnung neuer persönlicher Mitglieder zu wünschen. — Dein Generaldirektor der Aktien-Brauerei-Gesellschaft „Friedrichshöhe, Dr. jur. Walter Sobernheim in Berlin, ist der Charakter als Kommerzienrat verliehen worden. — Aus Posen -wird uns geschrieben: Auch in diesen! Jahre sind viele jüdische Abiturienten an den hiesigen höheren Schulen mit Auszeichnung, zum Teil mit Befreiung vom mündlichen Examen entlassen worden. Bei der Entlassung der Abiturienten hat in einem Gymnasium ein jüdischer Oberprimaner die Abschiedsrede gehalten. Mehrere andere Juden haben als Prämien Bücher erhalten. In allen hiesigen Gymnasien haben die jüdischen Abiturienten verhältnismäßig einen sehr hohen Prozentsatz unter den Schülern ansgemacht. — Herr Dr. Ml. Sali Levi, Schüler des jüdischtheologischen Seminars in B re s l au, wurde von derdortigenSynagogengemeinde zum zweitenRabbiner anderNeuen Synagoge sowie zum stellvertretenden Leiter der Religionsunterrichtsanstalt II. einstimmig gewählt. — Der vor kurzem in Amsterdam verstorbene Generalkonsul v. Rosenthal, ein geborener fHannoverianer, hat zur Erhöhung der bereits früher von ihm errichteten Stiftung die Summe von 40 000 Mark testiert, deren Zinsen teils den Schülern der jüdischen Lehrerbildungsanstalt-,"Vils den Armen der Synagogengemeinde in Hannover zugute kommen sollen. — Auf Veranlassung des „Zentralver'eins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" fand in Neustadt (Pfalz) eine aus der ganzen Pfalz besuchte Versammlung statt, welche die Gründung einer Vereinigung der in der Pfalz lebenden Juden auf der Grundlage des Zentralvereins beschloß. — In einigen öffentlichen Lokalen in Ungarisch-Brod wurden Plakate

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