Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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§5lllS5|:||S;|^ili5li^sl zu erfreuen, den Toten bei seiner ^Bestattun'g« begkeitSn^. -uck: damit ihm Ehre zu erweisen und die Hinterbliebenen aufzurichten, Pnd endlich zwischen dem einen und dem anderem Frieden stiften. Dieser Satz kann geradezu als' das Fundament einer seelsorgerischen Tätigkeitim Geiste des Judentums/'bezeichnet^ ' werden- und der Wert, den ihm' der ' religiöseMesetzgeber beimaß, wird wohl genügend dadurch gekennzeichnet, daß' er ihn in das tägliche Gebet des Juden aufnahm, also seine Beherzigung immer von neuem nahelegte. Und werdas attjüdische Leben kennt, der weiß, daß man tatsächlich, jedes dieser Gebote befolgte, Krankenbesuch, Totenbegleitung,'Vermittlung zwischen streitenden Parteien, das. war eine „Mizwa“, eine heilige Religionspflicht, die für jeden Geltung hatte, deren Ausübung sich niemand entziehen, deren Genuß man niemand versagen sollte. Es hieße, dieses ganze kostbare, sittliche Gut-verleugnen, , wollte man behaupten, das Judentum kenne keine Seelsorge. Die eine solche Ansicht hegen, lassen sich vielleicht von zwei Momenten leiten. Einmal erregt das Wort „Seelsorge" ihr Mißtrauen. Weil es im praktischen Christentum eine bedeutende Rolle spielt, meinen sie gleicht es müßte unjüdisch sein, was natürlich ein ganz irriger Schluß ist; dann aber, wiederum von der christlichen Sitte ausgehend, wo nur der Pfarrer der Seelsorger -ist, sehen sie im Gegensatz dazu den alten Raw ausschließlich als Lehrer und Gelehrten und übersehen dabei, daß er in Wahrheit dem Volke auch der Mann des Vertrauens gewesen ist, an den man sich in mancher Herzensbedrängnis um Rat zur Vermittlung wandte, und daß er nicht selten, ohne erst angegangen zu werden, -seine gewichtige Persönlichkeit für diese edlen Zwecke in die Wagschale warf. Widmete er auch dem Talmudstudium die meiste Zeit und beste Kraft, so kannte er doch auch sehr wohl die Lehre unserer alten Weisen: „Nicht die Theorie ist die Hauptsache, sondern die Praxis" oder „Liebestätigkeit ist der Anfang und das -Ende der Thora", und wie hätte er auf jene oben angeführten Liebeswerke verzichten wollen, da er ja selber wie alle anderen an jedem Morgen, vor Beginn seines Tagewerkes, ihr Lob vor dem Angesichte seines Gottes aussprach! Die Gegenwart hat das jüdische Leben bedeutend umgestaltet, aber jene Gebote der Seelsorge haben nichts an Wichtigkeit eingebüßt.. Im Gegenteil, je schärfer man sie betrachtet, um so tiefer und weiser, erscheint ihre Sittlichkeit, um so stärker wird unser Verlcmgen, sie unserem Dasein zu erhalten, in ihrer ganzen Eigenart zu erhaltenauch da, wo sie von den christlichen Anschauungen abweichen. Daraus ergeben sich folgende Grundlinien: 1. Die Hauptgebiete der jüdischen Seelsorge bestehen darin: dem Armen in seinem Kampfe das Herz zu stärken/) dem Fremden an den Sabbaten und Festtagen Gastfreundschaft zu erweisen, dem kränken Glaubensgenossen Besuche abzustatten, dem Verstorbenen das letzte Geleite zu geben und den Hinterbliebenen Trost zu spenden, Streitigkeiten zu schlichten; ebenso an den freudigen Ereignissen dem anderen seinen herzlichen Anteil zu zeigen. 2. Die jüdische Religion legt diese seelsorgerischen Pflichten nicht bloß dem geistlichen Führer, sondern jedem einzelnen - aus. Nun liegt heute die Vertretung der Gesamtheit bei den Verwaltungsbehörden der Gemeinde einerseits und beim Rabbiner anderseits. Es sind also beide Stellen für die Erl) Hierzu gehört auch die Fürsorge für die gefallenen- Mädchen und alle die, denen die Versuchung nahe ist: (Vgl. meinen Artikel „Aus dem Tagebuch einer Verlorenen" in dieser Zeitschrift 14. Oktober 1906.) , f-rp'Fi süllungMuchMeser Ausgabe verantwortlich und) häbew sie nach besten Kräften in die Wege zu leiten.' Sie sollen ^trberMaran eine möglichst große Zahl von Gemeindemitgliedern im^Ehrenamte' Mitwirken lassen, weil .eben dje Befolgung.jedeM einzelnen obliegt, ihnen aber - eventuell^bie nötigen-Mitteb und -Anweisungen geben/ überhaupt" den ganzen Strom: sä lenken, daß er seine segensreiche Wirkung immer voll und an rechter Stelle auszuüben vermag. Die Kerntruppe wird bei Krankheit und Tod am besten der Kranken- und Beerdigungsverein liefern, der von altersher in jeder jüdischen Gemeinde besteht und gewöhnlich den bezeichnenden Namen- Ghewra kadischa, heilige Genossenschaft, führt. Das aber entbindet den Rabbiner nicht ' von persönlicher Tätigkeit, ja er betrachte dieselbe als eine Häuptpflicht seines Amtes. 3. Das Judentum beschränkt die Seelsorge nicht auf die Armen und Verlassenen unter den Unglücklichen,- sondern dehnt sie auf jeden Leidgetroffenen aus, wes Standes .er immer sein mag, und denkt hierbei nicht. bloß an jene, unter denen Schmerz oder Unfriede herrscht, sondern verlangt auch, daß der Glaubensbruder bei einer persönlichen oder Familienfreude mitfühlend sich einfinde, zumal wenn diese-religiöser Natur ist, z. B. die Beschneidungs-, Lar-mirwa (Konfivmations-) oder Hochzeitsfeier. Es sollte also in allen diesen Fällen, auch die Gemeindevertretung einen offiziellen Abgeordneten senden. Der gewiesenste wäre der Rabbiner, jedoch nur in einer kleinen oder Mittelgemeinde wird er imstande sein, diese seelsorgerischen Aufgaben zu bewältigenin einer Großgemeinde übersteigt es entschieden seine Kraft und Zeit/mit jedem der GlücklichenOöer Unglücklichen in persönliche, auch nur schriftliche Verbindung zu treten. Darum aber darf diese Liebespflicht nicht verabsäumt werden; ist der Rabbiner behindert, so. werde sie. von änderen dazu geeigneten Männern oder Frauen erfüllt, die aber im Aufträge der Religionsgemeinde zuerscheinenhaben, pm die Teilnahme derselben. zum Ausdruck, zu bringen. Man . setze ferner einen Friedensgerichtshos ein, welcher Streitigkeiten, da wo ihr Charakter das zuläßt, durch gütliche Vergleichung aus der Welt, zu schaffen strebt. . . , Solch eine Wirksamkeit fließt aus dem Geiste und Leben der israelitischen Religion. Sie bedeutet aber nicht bloß eine herrliche Betätigung des Thorägebotes: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", sondern sie wird auch noch eine ändere überaus wohltätige Wirkung nach sich zieheG indem sie die Lauen und Gleichgültigen wieder ihrem Mater glauben gewinnt. Wie groß ist heute die Zähl derselben und wieviele wertvolle Kräfte befinden sich unter ihnen! Ihre Teilnahmslosigkeit bedeutet für das Judentum einen schweren Verlust, ihre Mitwirkung einen bedeutenden Gewinn. - Diese -letztere aber zu erreichen, dazu gibt es keinen besseren Weg als eben unsere Seelsorge. Wenn jene Fernstehenden sehen, wie bei der Geburt ihres Kindes oder dem Hinscheiden eines ihrer. Nächsten, bei einer Hochzeit oder deinem Jubiläum die Hand ihrer Religion sich ihnen sichtbärlich und herzlich entgegenstreckt/ dann kann diese Kundgebung nicht ohne Eindruck aus sie bleiben, das Entgegenkommen der^einen Seite weckt dasjenige aüs ihrer)verändern Seite, der Blickest auf sie gelenkt, der sie jene Liebesspende verdanken, warum sollte die Freude daran sie nicht mehr und mehr in den Kreis der Spenderin hineinführen?'- Das Judentum muß heute auf eine äußere Mission verzichten, möge. es dafür die innere Mission um so eifriger und durchgreifender.betreiben. Welche reichen Früchte diese zu zeitigen vermag, das hat mir die eigene Praxis deutlichgezeigt. Aus ihr fließt die Ueberzeugung: Die Seelsorge gehört heute zum Kern unsererreligiösen Tätigkeit, für sie darf keine Mühe zu groß, kein Preis A 8