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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-02-11 · Heft 6 (11.2.1910) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 6 (11.2.1910)
Date
1910-02-11
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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alle diese Aufgaben erfülle, dann habe er eine Kulturtat für den Orient geleistet, die nicht nur für die dort angesessene Jndenheit und damit für das ottomanische Reich, sondern auch für die Gesamtheit der Juden und für die Menschheit von Segen sein wird. Nach diesen Ausführungen betrat der Landtagsabgeordnete Herr Geheimer Iustizrat O. Cassel die Rednertribüne, um in warmen Worten auf die Bedeutung des Hilfsvereins der Deutschen Juden nicht nur für die bedrückten Glaubensgenossen des Ostens, sondern auch für die deutsche Judenheit hinzuweisen. Neben den anderen speziell für die deutschen Juden begründeten Vereinen wirke der Hilfsverein segensreich auch für die deutschen Juden. Die Ereignisse der letzten Jahre haben bewiesen, daß, wenn der Hilfsverein der Deutschen Juden noch nicht bestände, er begründet werden müßte. Gewiß gebe es Not und Elend auch unter den Glaubensgenossen in Deutschland zu lindern, aber die heilige Pflicht jedes deutschen Juden sei es, auch außerhalb der Grenze seines deutschen Vaterlandes, an dem die Juden mit ganzem Herzen und mit hingebender-Treue hängen, denjenigen Glaubensgenossen helfend die Hand zu reichen, die ihres Glaubens und ihrer Abstammung wegen in anderen Ländern verfolgt werden. Herr Geheimrat Cassel schloß seine in hohem Grade eindrucksvolle Rede mit einem zündenden Appell zur Unterstützung des Hilfsvereins. — Der Vorsitzende schloß, nachdem er noch auf die Not der rumänischen und galizischen Glaubensgenossen aufmerksam gemacht hatte, mit einem Dank an die Anwesenden gegen IOV2 Uhr die Versammlung, die als eine imposante Kundgebung für die Bestrebungen des Hilssvereins der Deutschen Juden ihre Wirkung nicht verfehlen dürste. *** Berlin, 7. Februar. Wir werden um Veröffentlichung folgender Erklärung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation" gebeten: „In den letzten Nummern einiger zionistischer Organe wurden über die von der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" in Konstantinopel geführten Unterhandlungen unzutreffende Nachrichten veröffentlicht, welche hierdurch richtiggestellt werden sollen. Auf Grund von Interviews türkischer Regierungsbeamter glaubten' die genannten Organe, die durch die Berichte der europäischen Tagespresse bekanntgewordenen Ergebnisse der Unterhandlungen der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" mit der türkischen Regierung in Abrede stellen zu können. Demgegenüber erklären wir: Dem Präsidium der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" sind von den Mitgliedern des von ihr in Konstantinopel geschaffenen Komitees zur Förderung der jüdischen Kolonisation in der Türkei mehrere Schriftstücke zugekommen, welche in positiver Weise bestätigen, daß die in der Tagespresse erschienenen Berichte über die Ergebnisse der Unterhandlungen von Dr. Alfred Nossig mit der türkischen Regierung den Tatsachen vollständig entsprechen. Die betreffenden Dokumente tragen die Unterschriften eines hohen Beamten des Großwesierats, eines hervorragenden Abgeordneten und eines bekannten jungtürkischen Freiheitshelden. Der Wortlaut dieser Erklärungen schließt jeden Zweifel an der Authentizität der in den Berichten angeführten Tatsachen aus. Völlig unzutreffend ist auch die Behauptung, daß der Vertreter der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" die zionistische Organisation in Konstantinopel angegriffen oder verleumdet hätte. Herr Dr. Alfred Nossig hat nur, int Einvernehmen mit der Leitung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation und den Tatsachen entsprechend, auf die an ihn gerichtete Frage, ob die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" zionistische Tendenzen verfolge, festgestellt, daß unsere Organisation einen ausschließlich humanitär-wirtschaftlichen Charakter trage. Wir können zum Schluffe nicht umhin, über den polemischen Ton, den zionistische Orgatte einer neutralen, der Orientkolonisation gewidmeten Vereinigung gegenüber anschlagen zu sollen glaubten, unser. Erstaunen und Bedauern auszusprechen. Die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" wird trotz aller vorübergehenden Mißverständnisse ihrem Programm, der Einigung aller für die jüdische Orientkolonisation tätigen Faktoren, treu bleiben. e. Berlin, 6. Februar. Am 3l. Januar hielt Professor George Foot Moore von der Harvärd-University, Cambridge, Mäss. zum Besten desStipendienfondsderLehranstält für dieWisfenschaft des Judentums eine Vorlesung über „Die Eigenart israelitischer Geschichtsschreibung im biblischen Zeitalter". Von einer eigentlichen Geschichtsschreibung, führte der Redner aus, könne man nur von zwei alten Völkern, den Griechen und den Israeliten, sprechen. Und da stehe die der letzteren bedeutend höher. Geschichte zu schreiben begann man zuerst zur Zeit Davids, nachdem das Land nach Besiegung. aller Feinde einen großen Aufschwung genommen- und das Volk sich seiner Nationalität bewußt geworden war. Und da schrieb man zuvörderst die Jugendgeschichte Sauls und Davids. Aber hierbei stieß man auf die Geschichte der Vergangenheit. Man verfolgte diese und schrieb sie auf. Weiterhin forschte man nach den im Volke — mündlich oder schriftlich sei dahingestellt — überlieferten Geschichten und Sagen der Vorzeit und schrieb diese nieder in einer keineswegs holperigen, sondern durch reichen Wortschatz ausgebildeten Prosa. Klar und deutlich ist auch die Tarstellungsweise, anschaulich und zielbewußt und blöder Wnnderberichte frei. Sie suche nicht, Effekt hervorzurufen, sondern will, daß der Leser nach den objektiven Schilderungen sich selbst sein Urteil bildet, ja noch möhr, er soll alles, was er liest, miterleben, nachfühleu. Trotzdein ist die Erzählungsweise keineswegs ermüdet:^ sondern äußerst lebendig. Handelnd und sprechend werden uns die Personen vorgesührt. Manche Teile der Bibel übertreffen in ihrer Formvollendung sogar noch Herodot, wie die israelitischen Geschichtsschreiber ihm auch in der Erfassung der Zusammenhänge und der Personencharaktere überlegen sind, eine Sache, für die man ihnen auch noch die Priorität zuschteiben muß, wiewohl bemerkt werden muß, daß auch Herodot selbständig, ohne die Bibel zu kennen, als erster Grieche richtig Geschichte geschrieben hat. Leider reiche diese vortreffliche Geschichtsschreibung nur bis in die ersten Negierungsjahre Salomos. Von da an haben wir nur noch kurze, wenn auch zuverlässige Annalen. Bald aber wird die Historie pragmatisch (die Prophetenbücher!), d. h. alles wird darauf zugestutzt, daß es nämlich eine Strafe für den Abfall vom Glauben ist, wenn es Israel schlecht geht. Doch kurz darauf tritt wieder eine andere Art der Geschichtsschreibung in Erscheinung, die philosophische. Jetzt bekommt sie ein Ziel: Das Eottesreich. Alles wird Mittel zum Zweck. Und während die Assyrier glauben, daß sie aus politischer Klugheit gegen Israel ziehen, so sind sie im Irrtum; sie sind nur die Rute in der Hand Gottes, der sein Volk züchtigen will, damit es umkehre und sich dem Endziel der Welt nähere, der Zeit des Messias. Hier ist der Anfang zu einer Weltgeschichte gemacht. Es wird'uns das Ringen der Weltreiche vorgeführt, nicht einzelne Details vorgesetzt, was überhaupt nie in der Bibel vorkommt. So ist die Bibel ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung. Nur einmal noch in Maceabäa I, nach dem erneuten nationalen Aufschwung konnte sich Israel zu einer so großen Geschichtsschreibung begeistern. Reicht dieses Buch auch nicht an die Samuelisbücher, die bestgeschriebenen, heran, so ist auch hier das Jüdisch-Selbständige gewahrt, und nichts Griechisches ist hinübergenommen. — Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten, durch viele Beispiele illustrierten Ausführungen. Berlin, 2. Februar. Von Herrn Rabbiner Perlmutter in Warschau geht nur der nachfolgende Tatbestand zur Veröffentlichung in den jüdischen Blättern zu: Ein Mann namens Mordochai Sochetschowski hat durch betrügerische Angaben von den Rabbinern Warschaus eine Trauungserlaubnis seiner Tochter mit einem Manne Namens Andrei Arthur aus Dresden erschwindelt. Der letztere ist, wie sich nachträglich herausstellt, aus dem Judentum ausgeschieden, so daß jenes Rabbinatszeugnis seine Giltigkeit verloren hat. Da es jedoch nicht möglich ist, es auf gütlichem Wege zurückzuerhalten, sehen sich die Warschauer Rabbiner zu der öffentlichen Warnung veranlaßt, dem Zeugnis Glauben zu schenken. Dr. Meier Hildesheimer. *** Berlin, 4. Februar. Ter Verein für Arbeitsnachweis (begründet von den Berliner Logen U. O. B. B., Monbijouplatz 10, Fernsprecher Amt III, 2589) versendet folgenden Bericht:'Die Lage des Arbeitsmarktes im vergangenen Jahre war eine den Umständen nach normale zu nennen. Das Wiederaufleben ganzer Industriezweige hat sich deutlich bemerkbar gentacht. . Die Stellenbesetzung erreichte die Zahl vott 2422 festen Stellungett und 350 vorübergehenden Stellungen. Die Vermittlung ist bekanntlich für die Herren Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer kostenlos. Die Zweigabteilungen, Schreib-

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