Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228910--66164-3278286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
74. Jahrgang. Nr. 2 Berlin, 14. Januar 1910 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebrstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Chefredakteur: Ludwig Geiger. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Phtlixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin. SW., Jerusalemer Straße -46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Rechte und Pflichten des liberalen Judentums. Von Rabbiner IJlUjull.» Dr. A. Tä n z e r - Göppingen. — Die Woche. — Aiax Nordau über „Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert". Von Dr. Paul Rieger. — Professor Dr. Wilhelm Bacher. Von Dr. M. Eisler. — S. Maybaum. — Maybaums Predigtwerk. Eine Würdigung von Rabbiner Dr. Hochfeld. —. Jüdische Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preußens. — Feuilleton: Friedhof der Seelen. Novelle von Joachim Friedenthal. — Literarische Mitteilungen. — Düchereinlanf. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg, Kolberg, Kiel. — Von Nah und Fern. Rechte und Osiichten des llderslen Judentums. Vortrag gehalten im „Verein für die Interessen des liberalen Judentums" in Augsburg. Von Rabbiner Dr. A. Tänzer-Göppingen. I. knüpfe meine Betrachtung an jene ruhmwürdigen Tage an, in denen im Jahre 1871 die Augsburger Judenschaft die zweite israelitische Synode im goldenen Saale dieser Stadt tagen gesehen hat. Die zweite, aber leider auch die vorerst letzte Synode. Denn nicht alle, ja nur sehr wenige der Hoffnungen, die sich damals an jene Tagung knüpften, sind seither einigermaßen realisiert worden. Die Begeisterung, von welcher damals jene unter dem Vorsitze des unvergeßlichen Lazarus hier tagenden Männer erfüllt waren, blieb auf sie selbst beschränkt und vermochte weitere Kreise nicht zu ergreifen. Die Synoden wurden nicht, wie ihre Teilnehmer erwarteten, zu einer ständigen Institution und zum Ausgangspunkte einer großzügigen zeitgemäßen Erneuerung des Judentums, ihnen folgte vielmehr eine lange, Jahrzehnte andauernde Periode des Stillstandes und somit des Rückganges für das liberale Judentum. Woher aber dieser Mißerfolg? Die Zeit war eben vor 40 Jahren für weitere Kreise noch nicht reif für die liberalen Prinzipien, ich meine für jene Prinzipien, die dem religiösen Liberalismus huldigen, nicht trotz, sondern eben um des Judentumes willen. Zwischen damals und heute besteht auch für die weitesten Kreise ein tiefgehender, grundlegender Unterschied. Damals sprach man noch von einer Sucht nach Neuerungen, heute nur von einem Recht aus solche; damals war die liberale Umgestaltung des Judentums für weite Kreise nur Sache der Neigung, heute ist sie eine solche der Ueberzeugung; damals galt es als wesentliche Aufgabe des Liberalismus, die .äußeren Lebensverhältnisse in Übereinstimmung mit den jüdischen Religionsgesetzen oder mit dem, was man dafür ansah, zu bringen, heute hat er unfern innern Menschen, unser gesamtes modernes Denken und Empfinden, harmonisch zum Judentum zu gestalten; damals waren es für weite Kreise nur äußere Gründe, heute sind es innere, in und nur hi. uns selbst ruhende Gründe, die dem Liberalismus zur Basis dienen; damals erblickten weite Kreise in den Forderungen des Liberalismus den Untergang des Judentums, heute dagegen — und das bestätigt sein rasches Wachstum in allen deutschen Gauen — erfaßt man ihn als Rettung des Judentums, damals meinte man: es soll sein, heute fordert man: es muß sein. Damals war im liberalen Judentum der Liberalismus Hauptsache, heute ist es das Judentum. Damals und heute! Eine tiefgehende Umwälzung der Geister, eine großartige Ausgestaltung aller Lebensverhältnisse, gewaltige,' nie geahnte Fortschritte aus allen Gebieten der Erkenntnis haben die jüngsten Jahrzehnte gebracht. Die Erkenntnisschätze der Naturwissenschaft, ins Unübersehbare vermehrt, haben ihren Weg von der Gelehrtenstube ins Volk zurückgelegt und sind, wenigstens in ihren Grundzügen, allmählich Dolksbesitz und Gemeingut geworden; das alte Babylon ist seinem tausendjährigen Grabe entstiegen und hat die alte Kulturwelt in einer, besonders für uns Juden unschätzbaren Weise erhellt und dargelegt; die Errungenschaften der Technik haben Leben, Kraft und Blick der Menschheit in unvergleichlicher Weise erweitert. Eine neue Menschheit ist ins 20. Jahrhundert getreten, neu, denn, sie war in ihrem gesamten Denken und Empfinden, in allen Zweigen von Leben und Wissenschaft durchdrungen von dem einen allumfassenden Begriffe der Entwicklung. Entwicklung ward die Brücke zur Vergangenheit, Entwicklung ward Aufgabe für die Gegenwart, Entwicklung ward Richtschnur für die Zukunft. Und Entwicklung ist auch die Seele des liberalen Judentums. Dieser Begriff umfaßt das ganze Programm des liberalen Judentums, er gibt uns ein klares Bild von seinen Rechten sowohl wie von feinen Pflichten. Diese Rechte und Pflichten aber sind es, die uns heute beschäftigen sollen. Ich will versuchen, diese in ihren Hauptzügen darzulegen in ihrem Verhältnisse zuerst zur Vergangenheit, mit der wir uns auseinandersetzen, sodann zur Gegenwart, in der wir leben, und endlich zur Zukunft, der wir Vorarbeiten müssen. Zunächst also die Rechte des liberalen Judentums, und zwar jenes gegenüber der Vergangenheit. Gehen wir von dem, wie schon erwähnt, die Seele des liberalen Judentums bildenden Begriffe der Entwicklung aus. Jede Art von Entwicklung, von Fortbildung zu immer höheren und . edleren Zielen, wird immer nur da möglich sein, wo der eigenen Einsicht und Erkenntnis volle uneingeschränkte Selbständigkeit zuerkannt wird; nur die Generation wird imstande