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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-01-07 · Heft 1 (7.1.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 1 (7.1.1910)
Date
1910-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. I 'JU || Berlin, 7. Januar 1910 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 21 bonneinents-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Chefredakteur: Ludwig Geiger. Begründet von Rabbiner De- Ludwig Philipxson. Verlgzs-LrpeMM: Berlin. Jerusalemer Str. 46/49. 2llle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rloffe, Berlin. TTtrftftft Schulfeiern. — Neunter Zionistenkongreß. — M ax Liebermann. Autobiographische Skizze. — Die Judenfrage in Oesterreich. Von Siegfried Fleischer. — Goethes Lehrerim Hebräischen und Jüdisch-Deutschen. Von Ludwig Geiger. — Friedhof der Seelen. Novelle von Joachim Friedenthal. — Neujahr. Bon Karl Emil FranzoS. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Pieschen, Kolberg, Hamburg, Chemnitz, Frankfurt a. M., Köln, Lausanne, Jerusalem, New Bork. — Von Nah und Fern. Schulkeirrn. ie Feierlichkeiten, die in der Schule abgehalten werden, Zusammenkünfte aller oder der oberen Klassen mit dem Leiter und den Lehrern, zerfallen in drei Teile: schulmäßige, patriotische, religiöse. Erstens die schulmäßigen. Sie bestehen teils in feierlichen Versetzungen, bei denen, wenigstens in manchen Schulen, das gesamte Personal zusammenberufen wird, wohl auch in Festlichkeiten bei Eröffnung des Schuljahrs oder solchen bei Einführung oder Abschied eines Lehrers oder Leiters, endlich Trauerseierlichkeiten, die bei dem Tode eines um die Schule verdienten Mannes abgehalten werden. Das sind allgemeine Zusammenkünfte, zu denen alle Schüler berufen werden. Wenn bei ihnen auch gewiß häufig oder immer ein Gebet gesprochen, ein Ehoral aus dem Gesangbuch gesungen wird, so ist es doch niemandem eingefallen, hiervon die jüdischen Schüler auszüschließen. Zweitens die patriotischen. Solche fanden früher bei der Wiederkehr des Tages der Leipziger Schlacht, sie finden jetzt noch häufig am Sedantage statt. In ähnlicher Weise wird Kaisers Geburtstag begangen. An solchen Tagen beteiligen sich häufig die Schüler nicht nur passiv, indem sie die Ansprache eines Lehrers mit anhören, sondern auch aktiv dadurch, daß sie alle patriotische Lieder singen und daß einige, gewöhnlich die besten Schüler der einzelnen Klassen oder diejenigen, die nach der Meinung ihrer Lehrer ein gewisses deklamatorisches Talent besitzen, Prosastücke und Gedichte vaterländischen Inhalts rezitieren. Gewiß hat. noch niemals ein Direktor den jüdischen Schülern seiner Anstalt die Teilnahme an solchen Tagen verwehrt — sind sie es doch oft genug, die, weil sie durch ihre Leistungen hervorragen, ihre Klassen vertreten — und ebensowenig hat ein jüdischer Vater seine Söhne oder Töchter von der Beteiligung an solchen Festen zurückgehalten. Drittens die religiösen Föste. Zu meiner Zeit gab es solche, die allwöchentlich wiederkehrten. Im Magdalenäum zu Breslau, das ich besuchte, fand jeden Montag morgen bei Schulbeginn und jeden Sonnabend mittag bei Schulschluß eine „Andacht" in der Aula statt. Sie bestand in einem kurzen Bittgebet (am Montag), einem Dankgebet (am Sonnabend) und dem Absingen eines von dem Direktor bestimmten Liedes — mir klingt noch in dem Ohre die Stimme unseres verehrten Direktors Schönborn: „Wir singen das Lied neinhundertneinundneinzig: Wach aus, mein Herz und singe". Die Schüler aller Klassen nahmen an diesen Andachten teil, die jüdischen höchstens dann nicht, wenn in der ersten oder letzten Wochenstunde christlicher Religionsunterricht erteilt wurde. Das Anhören eines Gebetes und Liedes, ja, das Mitsingen des letzteren, selbst wenn dieses, wie es oft genug vorkam, halb oder ganz christlichen Inhalts war, schädigte niemand, vielmehr wurde gerade durch solche Vereinigungen ein Gefühl der Gemeinsamkeit erregt und wachgehalten. Alle empfanden sich als Glieder eines Ganzen. Es war ein frohes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, das beim Anfang und Schluß der Wochenarbeit in die jugendlichen Seelen gepflanzt wurde. An den eigentlich kirchlichen Festen: Charfreitag, Ostern, Pfingsten, Weihnachten konnten und können Feiern nicht stattfinden, weil alle diese Tage in die Ferien fallen; Buß- und Himmelsahrtstag (der erste fiel früher in den Mai, während er jetzt auf den November verlegt ist), waren völlig freie Tage, die den Schülern durch eine Zusammenberufung nach dem Schulgebäude nicht verkümmert werden sollten. Daher blieb zu meiner Zeit nur ein religiöses Fest, das Neformationsfeft am 31. Oktober (in Brandenburg am 1. oder 2. November). An diesem Tage wurde die Erinnerung an Luthers kühne Tat: das Anschlägen der Thesen in Wittenberg, in Brandenburg die Einführung der Reformation in dem Kurfürstentum festlich begangen. Die Feier war überaus schlicht und ist es wohl auch geblieben: eine Rede, mehr historisch als religiös. Gesänge am Anfang und Schluß. In früheren Zeiten war die Teilnahme an solchen Tagen für sämtliche Schüler obligatorisch. Das war recht und billig. Denn es war kein religiöses, sondern ein Schulfest. Solche Tage sind für alle da, nicht nur für einen bestimmten Teil eingerichtet. Das deutsche Kind jüdischer Eltern, das auf eine Staatsschule geschickt wird, die nun einmal, wie unsere Verhältnisse liegen, mit konfessionellem Charakter bekleidet ist, soll und darf nicht ausgeschlossen werden von Schulsesten, die den großen Ereignissen der deutschen Geschichte gewidmet sind. Denn der Reformationstag ist ein Fest der deutschen Geistesgeschichte, ein Tag der Verherrlichung der Freiheit, so daß die Teilnahme daran auch einem jüdischen Kinde Herzenserhebung bereitet. Jetzt wird den Kindern jüdischer Eltern die Teilnahme an diesem Tage sreigestellt; die Folge davon ist, daß sie den für sie völlig freien Tag zur Erholung benutzen. Ich halte das für eine traurige Neuerung; das Gefühl der Zusammen-

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