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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Verbandsleitung ausgetauscht. Die meisten Vereine stellen ihren ■ Mitgliedern auch Zeitungen zur Verfügung; zwei Vereine besitzen eine Lesehalle. An Vorträgen wurden 51 veranstaltet, wovon 42 von ^Rednern aus Oberschlesien selbst gehalten wurden, und zwar 19 von Rednern in den eigenen Vereinen und 23 in den übrigen Verbandsvereinen. Von den übrigen neun Rednern waren auch noch zwei aus Schlesien, wodurch die durch weither berufene Redner bedeutenden Kosten sehr herabgemindert wurden. Vielfach schlossen sich an die Vortragsveranstaltungen zur Hebung des Vereiyslebens mit gutem Erfolge gesellige Zusammenkünfte an. Die Verbandskasse schließt mit einem Bestand von 390 Mark ab. — In der sich anschließenden regen Debatte wurde besonders über die Vorträge und ihren Inhalt gesprochen und namentlich betont, daß die Veranstaltung zusammenhängender Vorträge und Zyklen wünschenswert sei. Dementsprechend wird die Verbandsleitung für diese Saison zunächst einen zusammenhängenden Zyklus über die „Geschichte der Juden in Deutschland" den Vereinen zur Verfügung stellen. Außerdem soll den Vereinen empfohlen werden, nach Möglichkeit hebräische Sprachkurse zu veranstalten. — Eingehend wurde auch über besondere Veranstaltungen der Literaturvereine für die schulentwachsene Jugend debattiert, die Notwendigkeit solcher allgemein betont, und die Erfahrungen wurden ausgetauscht, die in den Vereinen gemacht wurden, die sich bisher schon diesem Ziele gewidmet hatten. — Nach erstattetem Revisionsbericht wurde der Verbandsleitung Decharge erteilt und die beiden Vorsitzenden, Dr. Braunschweiger und Dr. Glogauer, Kattowitz, wiedergewählt. Für die nächste Delegiertendersammlung lag eine Einladung nach Neisse vor, der nach Möglichkeit Folge geleistet werden soll. N. N. Leipzig, 5. Dezember. Einer Einladuug des Leipziger Ortsausschusses des seit achteinhalb Jahren bestehenden „Hilfsvereins der Deutschen Juden" Folge leistend, hatten siäi am 27. v. M. im Hotel Palmbaum Freunde, Gönner und Mitglieder in überaus stattlicher Anzahl zu einer Versammlung eingefunden, um sich von berufener Seite Bericht' über die rege und segensreiche Tätigkeit des Vereins erstatten zu lassen. Nach der Begrüßung des Herrn Magnus nahm zunächst der Vorsitzende des „Hilssvereins", Herr James Simon-Berlin, das Wort, um in kurzen Zügen an der Hand seines umfangreichen Zahlenmaterials den Beweis zu führen, daß der von Jahr zu Jahr wachsende Verein, der es sich in den ersten Jahren zur Aufgabe gemacht habe, den rumänischen und russischen Glaubensgenossen, die infolge ungerechtfertigter Uebergriffe zur Auswanderung gezwungen wurden, unterstützend zur Seite zu stehen, segensreich für die gesamte Judenheit wirke. In den letzten zehn Jahren sind, wie der Redner aussührte, 932 000 Juden nach Amerika ausgewandert. Der Verein hat für erkrankte Auswanderer eigene Krankenstationen errichtet und ist jederzeit bemüht gewesen, sich der Auswanderer anzunehmen. Gegenwärtig gehören dem Verein 20 000 Mitglieder an, die einen Jahresbeitrag, von 150 000 Mark zahlen. Reiche Stiftungen wurden dem Verein besonders aus Amerika und Rußland zuteil. Im Anschluß an die Ausführungen des Redners sprach Herr Landtagsabgeordneter Geheimrat Cassel- Berlin in einem längeren Vortrag über die vom „Hilssverein" auf dem Balkan und in Palästina zum Zwecke der Pflege eines guten Volksschulunterrichts errichteten Schulen und Kindergärten. In den nächsten Jahren wird in Haifa (Palästina) ein jüdisches Technikum errichtet werden, nachdem ein Russe 100 000 Rubel und ein Amerikaner 100 000 Dollars in hochherziger Weise gestiftet haben. Das. Lehrerseminar in Jerusalem wird ebenfalls von dem Verein unterhalten. Herr Professor Mittwoch-Berlin ergänzte die Mitteilungen des Herrn Geheimrats Cassel durch verschiedene Details über die Erteilung des Unterrichts in der Türkei und in Palästina. Als weiterer Redner sprach der Geschäftsführer im Ehrenamt des „Hilfsvereins", Herr Dr. Nathan-Berlin. Aus dem Referate war zu entnehmen, daß der „Hilfsverein" seit seiner Gründung nicht weniger als 4 612 000 Mark aus eigenen Mitteln für Glaubensgenossen im Auslande verausgabt hat. Herr Rabbiner Dr. Porges-Leipzig forderte hierauf die anwesenden Gäste zum Eintritt in den „Hilfsverein" auf. Nach einigen Dankesworten an alle Redner schloß der Vorsitzende, Herr Magnus, gegen 11 Uhr die Versammlung mit einem Hoch auf den „Hilssverein der Deutschen Juden." Hamburg, 1. Dezember. Auf unser in Nr. 21 Ihres geschätzten Blattes veröffentlichtes Preisausschreiben, ein „Festspiel, das sich zur Aufführung bei jüdischen Kinderfesten.eignet", betreffend, gingen bei uns 32 dramatische Werke von 28 Verfassern ein. Das Preisgericht hat beschlossen: Der erste Preis gelangt nicht zur Verteilung, da keines der zur Preisbewerbung eingesandten Stücke allen Bedingungen entspricht, die von der Loge gestellt wurden. Der Betrag des ersten Preises bleibt für den nächsten literarischen Wettbewerb der Loge reserviert. Der zweite Preis im Betrage von 300 Mark wurde einstimmig dem unter dem Kennwert „Frieden" eingereichten „Festspiel": „Alexander der Große vor Jerusalem" zuerkannt. Als Verfasser ergab sich Herr Martin Emmerich, Zabrze. Der erste konnte diesem sonst vorzüglichen Werke nicht zuerkannt werden, weil es wohl dem Verständnis der reiferen nicht aber der früheren Jugend entspricht. Der dritte Preis von 200 Mark wurde in zwei Hälften geteilt: die eine Hälfte wurde der „Plauderei in einem Akt", betitelt „Chanuka", die unter dem Kennwort „Im Schweiße Deines Ängesichtes" eingegangen war, zuerkannt. Verfasserin ist Frau Anna Goldschmidt, Kattowitz. Die zweite Hälfte des dritten Preises wurde dem unter dem „bescheidenen" Titel „Kaviar' fürs Volk" eingereichten „Allegorischen Festspiel": „Jaakauws Traum" zuerkannt, als dessen Verfasser sich Herr M. Golde. K öln, bekannte. Mit dem Erfolge des Preisausschreibens sind wir zufrieden; es hat uns gezeigt: Ki lau Almon Jissroel, und wenn wir auch nicht alle Hoffnungen erfüllen konnten, so haben wir doch aus mancher hübschen Arbeit ersehen, daß manches junge Talent nur der Ausreifung bedarf, um uns dereinst erquickende Früchte auf diesem Gebiete zu bieten. Ueber das fernere Schicksal der preisgekrönten Stücke hat die Loge noch keinen endgültigen Entschluß gefaßt. - Henry Jonas-Loge U. O. B. B. Oefterretch-Angsrn. 36h. Wien, 5. Dezember. Die österreichischen Sozialdemokraten sind sonderbare Schwärmer. Predigen Toleranz und Freiheit, versuchen gleichzeitig aber die Preßfreiheit'zu unterbinden. Zweimal läßt sich ein österreichischer Zensor zu solchem Beginnen nicht auffordern; einmal genügts ihm. Die Wiener jüdischen Zeitungen bringen allwöchentlich die Liste der aus dem Judentum Ausgetretenen. Vor Jahren hat ein Blatt damit begonnen, und jetzt bequemen sich auch die anderen, diese traurige Zeiterscheinung zu registrieren. Möglich, daß froher Optimismus die Wirkung gedruckter und somit verbreiteter Renegatenlisten überschätzt. Möglich. Gewiß aber hieße es auf jedes Abwehrmittel verzichten, wollte man den. Praktisch-Konfessionellen entgegenkommen und die Veröffentlichung ihrer schätzbaren Namen unterlassen. An dieser Stelle war kürzlich erst der Brief eines Wiener Lehrers publiziert; eines alten Vaters, der in den Tod ging, weil er von dem Austritt seines Sohnes erfuhr. Natürlich paßt der Lärm gewissen Elementen nicht in den tendenziösen Kram. Das hat die Wiener jüdische Presse nicht abgeschreckt. Nun schreit man nach der Staatsgewalt. Die sozialdemokratische Partei brachte in einer der letzten Sitzungen des österreichischen Parlaments eine Interpellation ein, in der dagegen protestiert wird, daß die Wiener jüdischen Zeitungen in jeder Nummer eine Liste „der aus der jüdischen Religionsgemeinschaft Austretenden bringen". Es heißt da noch weiter: „Das Religionsbekenntnis unterliegt freier Wahl." Das Staatsgrundgesetz wird zitiert, der Minister ausgefordert, mit strenger Bestrafung gegen die Redakteure vorzugehen und Zwangsmittel in Anwendung zu bringen. Die Wiener Kultusgemeinde wird des Mißbrauches der Amtsgewalt bezichtigt und drei Ressortminister werden angerufen, um energisch einzuschreiten. Natürlich entbehrt die Interpellation jeder rechtlichen Begründung. Aber in der Renegatenliste finden sich so viel Sozialdemokraten jüdischen Glaubens, daß man die Entrüstung wohl begreift. Die Kultusgemeinde kann Einsicht in die Matrikeln nicht verwehren; es sind öffentliche und für die Oeffentlichkeit geführte Dokumente Diese Interpellation beweist nur, daß die Herren Täuflinge oder Halbtüuflinge sich peinlich berührt fühlen. Aber das kann, nur eine Richtschnur für die Wiener jüdische Presse bilden, die Liste unerschrocken fortzusühren. Man darf gespannt sein, was der Minister erzählen wird, dem diese Interpellation nicht wenig Verlegenheiten bereitet.

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