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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-10 · Heft 50 (10.12.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 50 (10.12.1909)
Date
1909-12-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr, Berlin, 10. Dezember 1909. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese ZeUung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. LhsfreLakteur: Ludwig Geiger. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philipxson. VeilgM-LMMoo: Lerlw. lemsslemsr Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums". Berlin BW., Jerusalemer Straße 4S/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. 7fttftS*lf Chanuka. - Die Woche. — Henri Weil (1818 biS 1909). iJIUJuU* _ Die Wege Gottes. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. — Ein Tag in der badischen Republik. Von Josef Bruchsal er. — Das Wunder am Chanuka. Von I. L. Perez. Deutsch von F. Hurwitz. Literarische Rundschau. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „AllgemeinenZeitung des Judentums"): Berlin. Memel, Osterode i. Ostpr., Wreschen, Kattowitz, Leipzig, Hamburg, Wien. — Von Nah und Fern. Chanuka. Berlin, 7. Dezember. man kann nicht darüber klagen, daß Chanuka im Vergleich zu anderen Festen vernachlässigt würde und wünscht ihm doch eine andere Stellung im religiösen Leben unserer Gemeinschaft. Wohl hat es durch die zeitliche Berührung mit dem 25. Dezember gewonnen, zumal in den Kreisen, die in der Heranziehung der Jugend und der Ausprägung des Bescherungscharakters ein Allheilmittel zu finden glauben. Aber ist nicht gerade diese Flucht vor der fremden Festfeier auch eine Nachahmung geblieben? Der krause Gedanke vom „jüdischen Weihnachten" wird weniger ausgesprochen als erwogen, und der Wunsch, den Kindern nur nichts entgehen zu lassen, hinderte das Aufkeimen eines originellen Gedankens. Es soll hier nicht etwa gegen das Prinzip der Armenfürsorge zur Winterszeit Front gemacht werden, aber es ist doch etwas daran, wenn wir in dieser Erscheinung ein Uebermaß der Apologetik sehen, die sich ins Gegenteil verkehrt hat. Nicht immer liegt die Waffe in der Verteidigung, und wie die Siedehitze unserer Publizisten nervöse Schwäche verriet, als vor wenigen Jahren Harnack und Delitzsch im wiffenschastlichen Kochtopf einige Blasen brodeln ließen, so scheint auch das heutige Chanuka ein Kind unserer Not zu sein. Aber es darf nicht gefeiert werden, nur weil man sich vor anderen Gefahren fürchtet und den Sinn abzulenken bestrebt ist. Gewiß ist solch Bemühen löblich, aber schließlich erfolglos. Denn wer nicht fühlt, daß gerade das „Mitfeiern" des fremden Festes — ganz gleich in welcher Form — Selbstdegradierung bedeutet, der empfindet weder Trost noch Ersatz in dieser wenig originellen Verkleidung. Wenn das Fest uns sonst nichts zu sagen weiß, nichts Eigenes in sich trüge, oder aber im spezifisch jüdischen Sinne wandlungssähig ist, dann ist es tot und würden auch die intensivsten Belebungsversuche angestellt. Wandlungsfähig nicht verwändlungssähig! Das war von jeher Grundsatz im Judentum; Gedanken und Ziele sollten umgeformt, aber nicht umgestoßen werden, darum darf auch Mr der Kern des Festes nicht verloren gehen. So ergeben sich zwei Fragen: Was liegt im Ehcmükafest und was kann daraus gemacht werden? Prüfen wir nicht, ob es vielleicht eine Wintersonnenwende war, persischen oder wer weiß welchen Ursprungs ist, lassen wir die geschichtlichen Tatsachen p rechen, die deutlich zu uns reden. % Wer die Parallelen zieht zwischen der damaligen rastlosen Ässimilationssucht des jüdischen Adels und der heutigen Aristokratenfiucht, der hört ein Memento, das beachtet, uns vor ähnlicher Verrottung schützen könnte. Nicht als ob wir tadeln wollten, daß der geistige Kontakt mit dem Deutschtum immer fester hergestellt wird; nein, gegen eine Vermählung unseres Geistes mit anderen Kulturen ist nichts zu sagen, auch nichts zu tun. Daß unsere Kinder arische Namen tragen, ist jo wenig straffällig wie etwa, daß Hohepriester Jason oder Menelaus hießen. Daß aber diese Männer mit dem Namen — auch Griechen geworden sind, raubt ihnen den Anspruch auf Zugehörigkeitzum Judentum und heute denen, die ebenfalls das ererbte und jetzt heiligere Gut als zur Makkabäerzeit preisgeben wollen. Wer in seiner Religion nur Schatten sieht, wer im Judentum allein den „Küchenglauben" vermutet, der sollte sich nicht zum Reformator berufen wähnen. Er schöpfe, wenn er gutwillig ist und lernen will, die notwendigen Geschichtskenntnisse, aber nicht nur aus eleganten Vorträgen, die ihm imputieren, nach welcher Richtung er „ererbte Gehirnfunktionen" mit Erfolg kultivieren könne. Er nütze die Schätze, die das wahre geistige Kapital des Judentums bilden. Sollen ein Geiger und Zunz umsonst gelebt haben! Dann erst durchweht ihn ein Anhauch jener Begeisterung, die schon vor mehr als zweitausend Jahren unsere Märtyrer beseelte, die die Hasmonäer zum Kampf rief, zum .Siege führte, die in der ganz alten Zeit Propheten erweckte und prophetische Gedanken, die unser Fleisch und Blut bilden nnd bleiben sollen, die der ganzen Welt gehören müssen, weil sie das wahre Heil sind. Wohl ist jeder Mensch das Produkt der gesamten Vergangenheit, aber weil er es ist, hat er, zumal wenn er Jude heißt, die Pflicht, ihr dankbar zu sein, einen religiösen Fonds, geschichtliches Wissen zu schaffen und zu vertiefen. Wir Juden der Gegenwart müssen inne werden, daß wir uns mit der Religion auseinanderzusetzen haben, wenn wir uns selbst einen Gefallen tun wollen. Geschieht das, so ist uns um den Erfolg dieser Selbstprüfung nicht bange. Wer 'das Judentum kennt, verläßt es so wenig wie der Bauer den erntereifen Äcker, weil ihm die Arbeit des Einheimsens etwa 'zu beschwerlich wäre. Er wird sich als Sachwalter der Vergangenheit fühlen, den Hügel der Unebenheiten nicht sehen ob der überragenden Größe des gewaltigen Gipfels. Er wird freudigen Herzens zu verzichten lernen, 'wo Ueberzeugung und Gewinn kollidieren, er wird, weil die Zahl der Streiter gering ist, nicht gewillt sein, sie noch mehr zu verringern. Er weiß

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