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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-11-19 · Heft 47 (19.11.1909) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 47 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 der Stadt Frankfurt zur Fürsorge für unheilbare Kranke, eine halbe Million die Jdiotenanstalt in Idstein. Sehr bedeutende Gaben erhielten: der Akmosenkasten der israelitischen Gemeinde, des israelitischen Hilfsvereins, das Armenamt. der Stadt Homburg, das Note Kreuz, die Ferienkolonie, die Kinderheilstätten an den deutschen Seeküsten, der Volkskindergarten, die beiden Frankfurter Volksbibliotheken, die Augenklinik, die Zentrale für private Fürsorge und viele andere öffentliche und wohltätige Institutionen. Ferner wurden bedacht: die Hilfskaffen der Theaterangestellten, des Chores'und Orchesterpersonales, der mittleren und unteren Justizbeamten, des ärztlichen Unterstützungsvereins, die Künstlersterbekasse, das Krankenheim in Eppstein, der Journalisten- und Schriftstellerverein, der Vörsenunterstützungsverein und zahlreiche andere soziale Institute, Auch die drei Bankhäuser der Firma Speyer in Frankfurt, London und New Jork erhielten große Zuwendungen für ihren Pensionsfond. Der Gesamtbetrag der Stiftungen, der von dem Testamentsvollstrecker nicht genannt wird, dürste sich auf acht bis zehn Millionen Mark belaufen. Gesterretch-Angsm. — Wien, 12. November. Ueber einen eigenartigen Vorfall wird der „Neuen Freien Presse" aus Meran geschrieben: Arge Verwirrung und Aufregung gab es vor etlichen Tagen in dem kleinen St. Leonhard in Pafseier, der Heimat Andreas Hofers. Fanden da In der verflossenen Woche einige Bauern in der Passer, einem kleinen Bergwasser, die Leiche eines älteren Mannes, der auf unerklärliche Weise vom Wege abgeirrt und hier ertrunken war. Die Identität des Toten ließ sich nicht feststellen, da die Kleider der Leiche keinerlei Papiere enthielten, und so ordnete die Gendarmerie nach Erledigung der verschiedenen Aufnahmen und Erhebungen die Bestattung an. Das geschah auch, und der unbekannte Tote wurde aus dem kleinen Friedhof von St. Leonhard zur Ruhe gebettet. Sang- und klanglos, da ihn niemand kannte und niemand um seine Herkunft wußte. Aber da die Umstände auf einen bedauerlichen Unfall schließen ließen, versagte der Geistliche dem Toten doch nicht die kirchliche Einsegnung, die freilich ninf im stillen vorgenommen wurde. Einen Tag nach dem Begräbnis stellte sich nun heraus, daß der Tote ein Frankfurter Kaufmann, namens Salomon Weismann, war, der sich in MAan zur Kur aufhielt und bei einem Ausflug, den er allein ins Passeiertal unternommen hatte, ums Leben gekommen war. Die Agnoszierung des Toten verursachte in St. Leonhard große Aufregung, da die Leiche eines Andersgläubigen nach katholischem Ritus eingesegnet und auf einem katholischen Friedhose begraben worden war. Im Pfarrhaus und in der Gemeindestube fanden endlose Beratungen statt, was man beginnen solle, um den getanen Fehler gut zu machen, und schon flüsterte man von einer Disziplinarunterfuchung, die gegen den Geistlichen eingeleitet sei. Die katholische Einsegnung, die man in Unkenntnis der Verhältnisse an einem Andersgläubigen vorgenommen hatte, konnte freilich nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber das eine mußte man wenigstens noch veranlassendaß die Leiche dieses Andersglänbigen nicht länger auf einem katholischen Friedhofe begraben liegt. Aber wohin mit dem Toten? Und wer kommt für die Kosten der Exhumierung auf? Schon wollte man bei der Vorgesetzten Kirchenbehörde Rat einholen, da traf von den Angehörigen Weismanns die telegraphische Verfügung ein, die Leiche exhumieren und nach Frankfurt überführen zu lassen. Nach der Exhumierung weihte man — für alle Fälle — den Friedhof von St. Leonhard in Passeier unter großem kirchlichen Aufwands .yoch einmal ein. Frankreich« Z. Paris, 12. November. Von einem schweren Verluste ist die französische Gelehrtenwelt betroffen worden. Der Nestor der klassischen Philologie, Professor Henri Weil, ist im Alter von 91 Jahren am 8. November verschieden. Doch nicht nur Frankreich betrauert bü§. Hinscheiden dieses Mannes, sondern auch Deutschland hat in ihnr einen seiner bedeutendsten Söhne verloren. Am 26. August 1818 in Frankfurt als Sohn eines jüdischen Philologen geboren, studierte er in Heidelberg, Bonn, Berlin, Leipzig klassische Philologie und Literatur. Wegen der geringen Besörderungsaussichten für einen jüdischen Dozenten der Philologie, sah er sich gezwungen, feinen Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen, wo er 1845 in Paris promovierte.. -— 5 u Bis 1876 hatte er den Lehrstuhl für klassische Literatur in Besan^on inne. Dann folgte er einer Berufung an die Ecole pratique des hautes Etudes nach Paris, deren Dozentenkollegium er vis zu seiner Pensionierung im Jahre 1891 zur Zierde gereichte Als ordentliches Mitglied des Instituts „Äcademie des Inscriptions et Beiles Lettres", al§ Dritter der Ehrenlegion und als auswärtiges Mitglied der Akademie der Wiffenschaften in Berlin genoß er die seinen Verdiensten um die griechische Literatur entsprechende Anerkennung. Seine bedeutendsten Werke sind seine Schriften über Demosthenes und die griechischen Tragödien. Nur ein Buch von ihm ist in deutscher Sprache erschienen: „Das klassische Altertum für Deutschlands Jugend", eine Darbietung von ausgewählten Klassikerteilen der griechischen und römischen Literatur. Von Ksh und Fern. Professor Werner Sombart eröffnete am 15. d. M. in der Singakademie eine Vortragsreihe über „Judaismus und Kapitalismus" mit dem einleitenden Vortrage „Die Bedeutung der Juden für das moderne Wnschaftsleben".— Ter Charakter als Sanitätsrat ist verliehen worden: den praktischen Aerzten Dr. Bernhard Ascher, Dr. Adolf Baruch, Dr.Wilhe lmFeil chenselb, Dr. AlexanderFriedeberg, Dr. Martin Friedländer, Dr. Hermann Jsaac, Dr. Theodor Landau, Dr. Heinrich Löwenthal, Dr. Paul Marcuse. — Während des IX.Zionistenkongressesin Hamburg, derbekanntlich vom 26. bis 30. Dezember d. J. stattfindet, wird eine tägliche Kongreßausgabe des Zionistischen Zentralorgans „Die Welt" erscheinen, die die einzig authentischen und umfassenden Berichte über die Kongreßverhandlungen veröffentlichen wird. — Für die Universitätsbibliothek in Gießen hat Kommerzienrat S. Heichelheim, der schon 1904 bei Einweihung des neuen Bibliothekgebäudes 10 000 Mark für die Erweiterung der im Lesesaal aufgestellten Nachschlagebibliothek gestiftet hatte, neuerdings 4000 Mark zu dem gleichen Zwecke zur Verfügung gestellt. Tie Zinsen der neuen Stiftung sollen dazu dienen, die mit der früheren Stiftung im Lesesaal geschaffenen Einrichtungen auf dem laufenden zu halten. — Im Jahre 1907 sind in Wien 613 Juden aus dem Judentum ausgetreten, von denen etwa zwei Prozent konfessionslos wurden, während die übrigen, 313 Männer und 290 Frauen, zum Christentum übertraten. — Ein Haus für jüdische Studenten ist vor einigen Tagen in Lemberg eröffnet worden. Das Haus, dessen Fassade in maurischem Stil gehalten ist, enthält im Untergeschoß einen Turnsaal und einen Speisesaal,- im ersten Stock befinden sich ein großer Saal für Versammlungen,' ein Lesezimmer und Wohnzimmer. Das Haus hat elektrische Beleuchtung und Zentralheizung. Im Konvikt können hundert Studenten wohnen. — Die Gemeinde Monasterzyska in Galizien wurde von einer furchtbaren Brandkatastrophe heimgesucht, bei welcher sämtliche jüdische Häuser, darunter auch alle Bethäuser, sowie die über 600 Jahre alte berühmte Synagoge in Asche verwandelt würden. — Wie ^Rjetsch" berichtet, wird in den nächsten Tagen beim Gro d noer Bezirksgerichte ein recht interessanter Prozeß zur Verhandlung gelangen. Angeklagt erscheinen 300 jüdische Lehrer deshalb^ weil sie ihren Schülern nicht nur hebräischen und Geschichtsunterricht, sondern auch Unterricht in russischer Sprache erteilen. Das Recht, russischen Sprachunterricht zu erteilen, hat aber in Rußland nur ein Russe. (!) ~ Am letzten Sonntag fand in Tunis ein großes jüdisches Meeting statt, dem mehr als dreitausend Personen beiwohnten. Zweck des Meetings war ein lauter Protest gegen die Zuweisung der Juden an die Eingeborenengerichte und die Forderung aus Unterstellung der Juden unter die französische Gerichtsbarkeit. Der Erfolg des Meetings waren ein unbestrittener; die gesamte Presse anerkennt, daß noch nie in Tunis eine so gewaltige Versammlung ihre Forderungen in so würdiger und maßvoller Weise zur Geltung gebracht habe. — In New Jork sollen in nächster Zeit die Neuwahlen zur Besetzung sämtlicher kommunaler Stellen stattfinden, und der Wahlkampf ist bereits im besten Gange. Die republikanische Partei hat schon ihre Kandidaten für sämtliche Posten nominiert. Es fällt nun allgemein auf, daß, wohl zum erstenmal, die republikanische Partei auf die zahlreichen Posten keinen einzigen Juden kandidiert hat. Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastr. 58.

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