Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 45. Berlin; 5. November 1909. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*> Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Ol. Chefredakteur: Ludwig Geiger. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer 5ixa%e 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkofse, Berlin. Schiller. 93on Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Die Woche. — Mg Partei der Mitte. Von Rabbiner Dr. Samuel-Essen. — Die Juden und das Geld. Von Dr. Adolph Kohut. Eine Denkschrift Abraham Geigers über die Stellung der Juden in Nassau (1836). - Neueste Fortschritte zur Aufklärung der Juden in Deutschland und zur Verbesserung ihrer Lage. (Aus der „Allgemeinen Zeitung" von April 1806.)' Mitgeteilt von Selma Wolss-Jaffü. — Brief aus Oesterreich. — Feuilleton: Die Kompagnons. Roman von Ernst Heilmann. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur Allgemeinen Zeitung des Judentums): Berlin, Kattowitz, Zabrze, Steinhorst, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. Schiller. - Zum 9. November 1909. s regt sich in Deutschland, aber etwas schüchtern und leise zu einer neuen Schillerfeier. Am 9. November vor 150 Jahren ist Friedrich Schiller geboren. Man sollte denken, daß ein solches Jubiläum die allgemeine Begeisterung und Feierlust mächtiger erregen sollte, als der 100. Todestag — das vollendete erste Jahrhundert seiner Unsterblichkeit. — Und doch! Da der letztere Tag trotz anfänglichen Widerspruchs allgemein gefeiert worden ist, so hat sich vielleicht die Empfänglichkeit erschöpft:, dem Geburtstag jubelt man nicht mit solcher Inbrunst zu, wie man es bei dem Todestag getan. Oder sollte jene scheinbar so machtvolle Glut nur ein Strohfeuer gewesen sein? Ich hoffe nicht. Wohl mag es sein, daß Literaten, Festredner und Gelehrte sich erschöpft haben. Jene beiden ersten vermögen nicht den dithyrambischen Ton zu wiederholen, den sie bei der ersten Feier angeschlagen; diese haben im Hervorsuchen von Ungedrucktem und Unbekanntem, in tiefsinnigen, geschmackvollen und gelehrten Würdigungen des Dichters und seiner einzelnen Werke alles getan, was sie konnten. Wohl darf man auch sagen, daß viele Jüngere, die leider schillerfeindlich oder mindestens schillersremd sind, die in jenen Tagen hochgehender Begeisterung nicht zu Worte kommen konnten, ihre Abneigung wiedergefunden haben. Hauptsächlich jedoch ist wohl der Grund der geringeren Freudigkeit, der größeren Lauheit in der Unlust gerade der Ernsteren und Tieferblickenden zu suchen, zweimal schnell hintereinander denselben Mann zu verherrlichen. Denn es wäre schlimm, wenn jene Huldigungsflamme, kaum angefacht, bereits ausgebrannt wäre, wenn die Freude der Nation an ihrem Liebling der Gleichgültigkeit oder gar der Abneigung Platz gemacht hätte. Es ist immer Zeit, Schiller zu ehren. Man mag seine Liebeslyrik verwerfen, seine historischen und ästhetischen Werke den Fachgelehrten zuweisen — der ganzen Nation gehören auf ewig an seine Gedankenlyrik, seine Balladen, seine Dramen/ Diese alle, von den Räubern bis zum Demetrius. Sie sind deutsch, wenn sie auch nur zum geringen Teil eigentlich deutsche Verhältnisse behandeln, sie wirkten mächtig auf seine Epoche, obgleich sie scheinbar in vergangene Zeiten zurückführten, sie haben einen außerordentlichen Einfluß auf die Zukunft geübt, als Aeußerungen eines echten Dichters, der das Zeug eines Propheten in sich hatte. . Schiller ist der Dichter der Freiheit. . Wie er selbst ungebeugt seinen Nacken trug, seinem ersten Landesfürsten, dem fragwürdigen Wohltäter seiner Jugend ohne Scheu die Wahrheit sagte, so lernte er als Hofrat nichts Höfisches, und nahm als Geadelter kein Schranzentum an. Kein Lobredner der französischen Revolution, wie manche Dichter und Denker jener Zeit, wollte er doch, angewidert von den Greueltaten der Umsturzmänner, ein Manifest für Ludwig XVI. erlassen,' und doch war er würdig des französischen Bürgerdiplomsdas die Nationalversammlung ihm dekretierte. Die Freiheit des Individuums selbst gegen Herkommen und Gesetz, die Freiheit des Bürgers gegen Sultanlaunen eines Herrschers, die Freiheit des Volkes gegen innere und äußere Bedränger, hat er mit wuchtigem Worte verteidigt. „Vor dem freien Menschen erzittere nicht." Dies tröstliche Wort rief er den Aengstlichen zu. Ein Mahner zur Einheit. Deutschlands Größe ahnte er in den Zeiten der schwersten Not und des stärksten Verfalls. Sein Weckruf: „Seid einig, einig!" trug goldene Früchte in den Zeiten der Erhebung. Der Schwabe im Gegensätze zu seinen Landsleuten kannte keine Sondergelüste. Der Thüringer,, der seine neue Heimat, an die ihn die stärksten Bande fesselten, innig liebte, wollte nichts wissen von dem Wesen der Kleinstaaterei; es zeugt von einer seltenen politischen Reife, daß er eine Berufung nach Preußen als dem mächtigsten deutschen Staate begehrte und betrieb. Ein Verkünder des Optimismus und der Lebensfreude. Nicht wundersam ist es, wenn ein Kraftstrotzender die Gegenwart feiert und das Leben preist, dessen er täglich froh wird; weniger begreiflich und um so löblicher, wenn ein Siecher, der von schlimmen Anfällen gepeinigt und gequält, kaum auf das Heute vertrauen und nie des Morgen sicher, den Genuß verherrlicht und die Freude des Daseins lobsingt. „Darum laßt uns heute leben." Dieser herrliche Ausruf des Lebenshungers erklingt in einem tragischen Liede, in dem die Vergänglichkeit irdischer Herrlichkeit, die Zertrümmerung der stärksten Mächte unvergleichlich gelehrt wird, und stärker wird ein solcher Ruf, wonnetrunken betritt der Dichter das Heiligtum der Freude, wenn er in guten Stunden denen sich weihen kann, die ihn lieben und bewundern. Ein vorbildlicher Mensch. Wenige besaßen wie er die Kunst, Freunden ein Freund zu sein. Durch seine Schuld zerriß kein Band, das er einmal geknüpft hatte, er kannte