Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 chesterretch-Unosrn. , 2. Wien, .15. Oktober. Der jüdische Kataster für chie Landtagswahlen in der Bukowina soll nun doch, wenn auch in verschleierter Form, in der Regierungsvorlage Aufnahme finden. Der Minister des Innern, Baron v. Haerdtl. hatte schon einer Deputation des Jüdischen Nationalvereins Andeutungen nach dieser Richtung gemacht, indem er in Aussicht stellte, daß in der Form von Minoritätsmandaten für eine „angemessene Vertretung der jüdischen Bevölkerung im Landtage Sorge" getragen werden würde. Der von dem Permanenzausschuß des Landtages auf Grund dieser Verhandlungen ab geänderte Entwurf beseitigt denn ' auch den Kataster nur formest,.indem er die Einführung von Majoritäts- und Minoritätsmandaten für jüdische Majoritäten und deutsche Minoritäten neben sogenannten „Einer"-Bezirken in der deutschen Kurie und die Bildung der entsprechenden Wahlbezirke in Aussicht nimmt. Neu sind auch die konsequente Hinweglassung der Bezeichnung „Jüdisch", auch' überall da, wo sie im früheren Entwürfe vorgekommen ist, und die Wahlkreiseinteilung für die Juden und Deutschen. Konsequenz scheint freilich nicht die Stärke dieser Wahlreform zu sein. Auf einer Hintertreppe findet die Anerkennung der Juden als eigene Nationalität doch . Einlaß. Am Ende des Entwurfs steht nämlich eine Bestimmung, wonach ein jüdischer Wahlbezirk für die übrigen Deutschen gebildet wird, die in beiden anderen deutschen Wahlbezirken der allgemeinen Kurie nicht zu wählen haben. Dieser Wahlkreis dehnt sich also über die. ganze.Bukowura. .aus..Er. umfaßt 46448 Juden, welche einen Abgeordneten zu wählen haben. Also doch eine Kontingentierung der jüdischen Wähler, und des Wahlrechts der Juden. Glücklicherweise sind die Aussichten dieser Wahlresorm nicht gerade sehr glänzend, da auch andere offenbare Ungerechtigkeiten, wie die Verkürzung des Wahlrechts der Handelskammern, die Sanktion des Gesetzes unwahrscheinlich machen. * Suszland. j= Petersburg, im Oktober. DieKriegsgouverneure von Turkestan und der Hauptverwalter des transkaspischen Rayons haben dem rüssischen'Ministerium des Innern folgenden Bericht über die dortigen jüdischen Gemeinden zugestellt: 1. Im Samarkander Rayon bilden die eingeborenen asiatischen Juden besondere. Gemeinden, und die europäischen Juden ebenfalls. Juden wohnen dort nur in den Städten Samarkand, Chodshent und Kotokurgansk und im Dorfe Peischambe. Die Samarkander Gemeinde hat vier Synagogen, einen Rabbiner, einen Rabbinergehilfen, einen Synagogenvorsteher, emen Kassenwart und einen „gelehrten Juden". In Kotokurgansk befindet sich nur eine Synagoge; die Gemeinde in Peischambe besitzt vier Synagogen. Die letztgenannten Gemeinden haben weder einen Rabbiner, noch einen Schulrat;' ihre Kultüsangelegenheiten werden don sogenannten „Talmidei Cchachamim" geleitet. Im ganzen befinden sich im Samarkander Rayon 7500 Juden, davon sind 5060 eingeborene, d. h. asiatische Juden. 2. Im Fergansker Rayon sind alle Gemeinden gemischt, aus europäischen und asiatischen Juden zusammen gebildet. Die Zahl der dortigen Juden beträgt 2000: davon sind 7 Familien eingeborene, 502 bucharische Juden, etwa 1500 europäische Juden. ,3. Im Sir-Darinsker Rayon sind die eingeborenen und die europäischen Juden nach besonderen Gemeinden getrennt. In Taschkent befinden sich drei Synagogen, von denen eine noch in der Zejt der. turkestanische.n Selbständigkeit errichtet wurde. In den. Städten Turkestan, Tschimkent, Perowsk und Kasalinsk und im Dorfe Tschinas befinden sich nur Cheders, die auch als Bethäuser benutzt werden. In diesem Rayon wohnen 2400 eingeborene und 400 europäische Juden. ' ' 4. Im Semiretschinsker Rayon sind gar keine eingeborenen Juden da; die Zahl der europäischen jüdischen Familien beträgt dort 72. Sie besitzen eine eigene Synagoge/ die im Jahre. 1884 erbaut wurde. .; 5. Im transkaspischen Rayon sind die jüdischen Gemeinden in asiatische und europäische eingeteilt. In Aschabad befindet sich eine Synagoge, in 'Merw 2, in Jolotan wird jetzt eine Synagoge errichtet. MDMDWKAMWWMWWMWWWWUW In diesem Rayon leben 182 europäische und 1273 asiatische Juden; letztere sind meist persische Untertanen. Die Juden in Turkestan sind überwiegend Kausleute und Handwerker." £ Amerika. Z. New Aork, 15. September. Aus dem soeben erschienenen Jahresbericht der Columbia Universität ist zu ersehen, daß 8,9 Prozent der Studierenden im vergangenen Jahre dem jüdischen Glauben angehörten. Auf die einzelnen Lehrfächer verteilt, gehörten der juristischen Fakultät unter 946 Studenten 35 Juden an, der medizinischen 39 Juden unter 300 Andersgläubigen. Den praktischen Wissenschaften wandten sich 64 mosaische Studenten unter 671 Nichtjuden zu. Kunst und Literatur studierten unter 147 Christen 12 Israeliten, Arzneimittellehre 9 unter 283, Pädagogik 51 unter 926; von diesen 51 jüdischen Studenten waren 31 weiblichen und 20 männlichen Geschlechts. Mit Philosophie und Staats- Wissenschaft beschäftigen sich 42 Juden unter 915 Nichtjuden. Am Bernard College arbeiteten 58 Juden unter 467 Nichtjuden. Die Uebersicht dieser Zahlen ergibt also, daß auf insgesamt 4461 Studenten 399 Juden kamen, das jind 8,9 Prozent. Daß der Bildungsdrang bei den amerikanischen Juden nicht minder ausgeprägt ist als bei den europäischen, ist auch aus der vielleicht etwas zu hoch angenommenen Schätzung der Frequenz des New Yorker City Colleges ersichtlich; das' von 90 Prozent Juden und 10 Prozent Andersgläubigen besucht sein soll. Bei diesem verhältnismäßig großen Kontingent der Juden unter den amerikanischen Akademikern ist es um so erfreulicher, wiederum von der Auszeichnung eines noch jungen, aber tüchtigen Glaubensgenossen berichten zu können. Dr. Mortimer Herzberger aus Philadelphia ist nämlich als Professor der Pathologie und Bakteriologie und Leiter des Staatslaboratoriums der Universität nach Süd-Dakota berufen worden. Der erst 30 Jahre alte Gelehrte beendete 1902 seine Studien und war bis jetzt Assistent am städtischen Institut in Philadelphia und als Pathologe am jüdischen Krankenhause desselben Ortes tätig. — Am 14. September fand in Philadelphia die feierliche Einweihung der neuen Synagoge der Mikweh-Jsraelgemeinde statt. Die Gründung dieser Synagoge verdankt Philadelphia der edelmütigen Stiftung des verstorbenen Herrn Samuel Elkin und seines Neffen Henry G. Freemann. Die Synagoge ist in einer sehr glücklichen Kombination des korinthischen mit dem romanischen Stile ausgesührt und gereicht der ganzen Stadt zum Schmuck. — Auf eine 25jährige segensreiche Tätigkeit konnte das israelitische technische Institut in New York im September zurückblicken. Es wird gegenwärtig von 280 Tagesschülern und 70 Abendschülern besucht und besitzt ein aus 14 Mitgliedern bestehendes Lehrerkollegium. ' Von MH und Fern. — Aus der Simon, Hermann Vmd Ella-Böhm-Stiftung wurden im Jahre 1908 insgesamt 75 Unterstützungen gezahlt.und zwar an 52 christliche Bewerberinnen 5310 Mark, an 23 jüdische .2855 Mark. Diese Unterstützungen (in Höhe von 100 bis 400 Mark) werden an solche alleinstehende, ganz oder teilweise erwerbsunfähige weibliche Personen gewährt, die noch nicht der öffentlichen Armen-, pflege anheimgefallen sind. — Am 13. d. M. verschied nach langem, schwerem Leiden der Verlagsbuchhändler Herr Siegmund Gerstmann, im Alter von 80 Jahren. — Der Oberkantor Herr D. Stabinski in Berlin feiert am 19. d. M. das Fest der silbernen Hochzeit. Der Jubilar ist seit zwölf Jahren als Kantor der jüdischen Gemeinde mit gutem Erfolg tätig und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. — Infolge seiner Pensionierung ist dem Postsekretär Carl Borchardt mit einem huldvollen Schreiben für treugeleistete Dienste der Kronenorden IV. Klasse verliehen worden. — Zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde hielt am 14. d. M« Fräulein Margarete Cohn, Tochter des Hoflieferanten Hugo Cohn in Breslau, neben Vorlegung ihrer Jnaugural-Dissertation „Franz Krüger, Leben und Werke", über „Die Wandlungen in der Beurteilung Böcklins" im 'Senatssaale