Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- : 4 entsprechender Gesetzentwurf war Vorgelegen. Die -darauffolgende lebhafte Debatte ergab Zustimmung^ zu den Ausführungen der.Referenten. Hervorzuheben ist die energische Stellungnahme gegen die Anstellung ungeprüfter, nicht ordnungsmäßig vorgebildeter Personen im Religionsschuldienste. Zum Schlüsse wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „In Übereinstimmung mit den Ausführungen und Forderungen der beiden Referenten Oppenheimer und Dingfelder hält die Generalversammlung im Interesse der israelitischen Kultusgemeinden und ihrer Beamten eine-Revision des Judenedikts vom Jahre 1813 mit Trennungsmöglichkeit und Errichtung einer Zentralkasse für notwendig und unaufschiebbar. Tie Generalversammlung wählt eine Kommission mit dem Rechte der Zuwahl, beauftragt dieselbe, Material zu einem Gesetzentwurf auf Grundlage der erstatteten Referate vorznbereiten und den maßgebenden Faktoren; insbesondere der k. Staatsregierung und den beiden hohen Häuserndes Landtages in Vorlage zu bringen." Die nächste Generalversammlung soll am 18. Juli 1910 in Würzburg stattfinden. Gesterretch-Angam. — Wien, 6. Oktober. Bei der Trauerfeier für das vorige Woche verstorbene Wiener Gemeinderatsmitglied, Baurat von Goldrschmidt, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemein.de, hielt auch der Wiener Oberbürgermeister Dr. Lueger eine Ansprache folgendem Wortlauts: „Sehr geehrte Herren! Theodor Ritter v. Goldschmidt-, dessen sterbliche Hülle wir heute in die Erde senken, war ein Veteran des Wiener Gemeinderates, ein wohlverdienter Veteran. Werch Veteranen sterben, fragt man nicht, ob sie der einen oder der anderen Partei angehört haben, man kommt und salutiert! So bin auch ich erschienen, um dem verstorbenen Gemeinderat Goldschmidt hieran danken für seine Wirksamkeit, die er im Gemeinderate der Stadt Wien entfaltet hat. Er hat der Opposition angehört; er betrieb aber die Opposition stets nur sachlich, und man kann wohl sagen, daß er bei allen großen Schöpfungen der Gemeinde Wien redlich mitgewirkt hat. Wir alle danken ihm dafür und sagen: Theodor Ritter v. Goldschmidt, uns trennt nichts mehr! Wir sind und bleibest dir dankbar für alles, was du geleistet hast, und dein Andenken wihh gesegnet bleiben! Ich schließe mit dem Wunsche: Ruhe in Frieden!" Es ist nicht das erstemal, daß der grimme Antisemit Herr Dr. Lueger vor einem toten Juden „salutiert". Wahrscheinlich glaubt er daraus die Berechtigung herleiten zu dürfen, die lebenden Juden in der Gemeinde Wien um so schärfer zu drangsalieren. *• Türkei. Saloniki, 10. Oktober. Die israelitischen Handwerker in der Türkei, unterstützt von einigen Fabrikanten in Saloniki, haben, wie der „Osmanische Lloyd" meldet, auf Anregung der Vereinigung der früheren Schüler der Alliance Israelite Universelle und mit deren Beihilfe eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse veranstaltet, die die allgemeine Anfmerksamkeit auf sich lenkt. Wie immer, so ist auch hier der Anfang sehr schwer gewesen. Die Arbeiter und Handwerker begriffen den Zweck des Unternehmens nicht, schienen mißtrauisch zu sein, so daß es unmöglich war, der Ausstellung den geplanten Umfang zu geben. Man wird jedenfalls bald den Nutzen dieses Unternehmens einsehen, und hoffentlich gelingt es, eine zweite Ausstellung ins Leben zu rufen, die dem Publikum alle Erzeugnisse vor Augen führt, die die heimische Arbeitskraft und die Industrie schafft. Das wäre eine dankenswerte Aufgabe, denn nicht nur unter den Israeliten, sondern aucki unter den Angehörigen aller anderen Nationalitäten finden sich sehr tüchtige Leute, deren Arbeiten um so höher zu veranschlagen sind, als sie nicht die Anleitung und mcht die Hilfsmittel besitzen, wie dies in den europäischen StaatenHer Fall ist. Wenn aber heute schon ohne besondere Vorbildung und Schulung, ohne entsprechende Modelle so Gediegenes geleistet wirh; : so muß dies anerkennend vermerkt werden, und die israelitischen Arbeiter von Saloniki, die ihre Produkte ausstellten, sich der öffentliHen Kritik unterwarfen, verdienen alles Lob. Die Ausstellung fand . in oen Räumen derMädchenschule der Alliance IsraeliteUniverselle ftatt nd umfaßt Möbeltischlerei, Bauklempnerei, Tapezierärbeiten, Parfümerien, Seifen, Bürstenbinderei, Schuhwaren,. Herren- und Damenkonfektion. Hüte, Drucksachen, Stickereien, Garnspinnerei, Wattefabrikation, Pumpen und Armaturen- Färberei u. a. m. Die Eröffnung fand am 3. Oktober in Anwesenheit eines gewählten Publikums statt- - Von Sah und Fern. — Der Privatdozent an der Universität und Dozent am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin Dr. Eugen Mittwoch ist zum Professor ernannt worden., — Kommerzienrat Max Steinth a l, Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank, ist zum Geheimen Kommerzienrat ernannt worden. — Die Verleihung des Roten Adler- Ordens IV. Klasse wurde dem bisherigen Prokuristen der Tabäkfabriken I. G o ld f arb in Pr.- St ar g ard, Herrn S.W eiß, ebenda, zuteil. Diese Ehrung erregt bei all denen, die den Beamten kennen, lebhafte Befriedigung. — Anläßlich der diesjährigen Kaisermanöver kam auch Prinz Ludwig als Vertreter des Prinzregent nach Würz bürg. Distriktsrabbiner Bamberger war zum Empfang am 'Bahnhof befohlen, sowie zur Hostafel in der Residenz geladen. Beim Cercle nach Aufhebung der Tafel unterhielt sich Prinz Ludwig in längerem Gespräche mit dem Herrn Rabbiner. — Der kaiserliche Statthalter stattete gelegentlich seines Aufenthaltes in Forbach (Lothringen) auch der Synagoge einen Besuch ab, aus welchem Anlaß ein besonderer Festgottesdienst veranstaltet wurde. — In der Großgemeinde Turja- Remete (Ungarn) ist dieser Tage Herr Jakob Reich abermals zum Gemeinderichter gewählt worden. Herr Reich bekleidet dieses Ehrenamt ununterbrochen schon seit dem Jahre 1884. —, Aus Paris wird uns geschrieben: Oberst Heymann, bisher Kommandant des 160. Infanterieregiments ist zum Brigadegeneral ernannt worden. Er ist gegenwärtig der dritte aktive jüdische General in Frankreich. Die beiden anderen sind die Generäle Valabregue und Dennery. Im ganzen sind mit.diesen drei genannten Offizieren 10. Juden seit dem deutsch-französischen Kriege zu Generälen befördert worden. — Aus London wird der „N. I. K." geschrieben: Wie aus einer durch die Stadtverwaltung veröffentlichten Statistik hervorgeht, haben im Jahre 1906 1599 jüdische Eheschließungen in London stattgefunden, das sind 39,6 auf 1000 allgemeine Eheschließungen. Im Jahre 1907 sank die Zahl der jüdischen Eheschließungen auf 1474, 36,3 auf 1000. Die Zahl der wahlberechtigten Juden betrug in London 13,7 per 1000; im East End jedoch erreichte die Zahl kaum die Hälfte davom — In einem im „Journal de Salonique“ veröffentlichten Gespräch, das der Redakteur des Blattes mit dem bulgarischen Botschafter in Nom hatte, sagte dieser: „Wenn die bulgarischen Juden die Regierung um eine Subventionierung der jüdischen Schulen, die von der Negierung beaufsichtigt werden, ersuchen würden, so wäre die bulgarische Negierung sicherlich bereit, einem solchen Wunsche nachzukommen." — Der Kaiser von Rußland hat den kürzlich von uns mitgeteilten Beschluß des Ministerrats sanktioniert, wonach bei der Aufnahme von Juden in die staatlichen Mittelschulen ein erhöhter Prozentsatz zuzulassen ist. In den Residenzen sollen fünf, in den übrigen Neichsteilen zehn und in den Ansässigkeitsgebieten der Juden fünfzehn Prozent der Gesamtzahl der Schüler Israeliten sein dürfen. — Der Verband Russischer Leutein Odessa verbreitet eine Proklamation, die eine Bedrohung der Juden enthält, von denen die Entsagung des Wahlrechtes gefordert wird. Die Veröffentlichung hat lebhafte Unruhe hervorgerufen. — Aus Petersb urg kommt die Nachricht, daß dort demnächst eine jüdische Reform-Gemeinde ins Leben gerufen werden soll. Ein Herr Peperkowitsch fordert in russischen Blättern zum Beitritt auf und teilt mit, daß die Konstituierung der Gemeinde stattfinden werde, sobald sich 100 Mitglieder gemeldet haben werden. — Der Kaufmann S. I. Libermann in Kiew hat 80000 Rubel für die Errichtung einer Talmud Thora-Schule in Kiew gespendet und zum Unterhalt derselben je 3000 Rubel^jährlich für 10 Jahre zugesichert. — Die Differenzen zwischen der^jüdischen Gemeinde in Alexandrien und der „Alliance Israelite Universelle“ werden demnächst beigelegt sein. Die „Alliance"-Schulen in Alexandrien werden Ende dieses Monats wieder geöffnet. Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastr. 58. . ' -