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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-09 · Heft 28 (9.7.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 israelitischen Frauenvereins zu Ostr o w o wurde Frau Rabbiner Dr. Neuhaus in den Vorstand neugewählt. — Neulich ist in hochbetagtem Alter in Raschkow der Rabbiner Landau gestorben. An seiner Bahre sowie in der Synagoge hielt Herr Rabbiner Dr. Neuhaus Trauerreden, worin er die tiese Gelehrsamkeit des Verstorbenen schilderte. Ganz unerwartet ist am 26. v. M. in Posen Herr Justizrat Dr. Alfons Marcuse verstorben, und fand am 28. v. M. die Beerdigung unter recht großer Beteiligung statt. Der Dahingeschiedene, ausgezeichnet durch unermüdliche Tätigkeit und treueste Pflichterfüllung, dnrcb Lauterkeit der Gesinnung, umfassende Rechtskenntnisse, glänzende Beredsamkeit und herzliche Liebenswürdigkeit im Verkehr, hat nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Herzen aller, die mit ihm in Verbindung traten, gewonnen. Hannover, 5. Juli. Die landwirtschaftliche Ausbildungs-Anstalt auf dem Lehrgnt Steinhorst bei Celle wird gegen Ende des Sommers eröffnet werden. Es können noch einige jüdische junge Leute vom 15. Lebensjahre ab Ausnahme finden. Die Ausbildung ruht in bewährten Händen, und bis.zur Eröffnung der Anstalt werden auch die nötigen rituellen Einrichtungen fertiggestellt sein. Tie Einstellung einer Anzahl junger, bereits ausgebildeter jüdischer Landwirte, insbesondere zur Bedienung der Gespanne, hat sich durchaus bewährt. Es sind dies meist frühere Zöglinge der Jewish Colonisation Association. Jüdische Eltern, die ihre Söhne gern der Landwirtschaft zusühren wollen oder junge Leute, die sich ihr aus freien Stücken gern widmen wollen, werden ersucht, sich an die Alexander und Fanny Simonsche Stiftung, Hannover, Hänsahaus, zu wenden. Ausgenommen werden aber nur körperlich, geistig und moralisch durchaus Taugliche. Das Entgelt für Verköstigung und Ausbildung wird nach näherer Vereinbarung bemessen: M. Hamburg, 1. Juli. Der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose, Dessen Zweck es in erster Linie ist, für die Auswanderer und die hier Durchreisenden zu sorgen, hielt seine Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt Alexander ab. Dem vom Vorsitzenden erstattenen Jahresbericht ist zu entnehmen, daß auch im verflossenen Jahre der Rückgang in der Auswanderung über Hamburg anhielt, dadurch aber dem Verein nur unwesentlich geringere Ausgaben entstanden. Die Kosten für die Ausrechterhaltung der Petitionen, für die Gehälter usw. sind unabhängig von der Zahl der Auswanderer. Neben der Fürsorge für die Auswanderer war der'Verein in erster Linie bemüht, ein eigenes Heim in der Stadt zu schaffen, in dem die obdachlosen wandernden Israeliten beherbergt und für alle Bedürfnisse während des Aufenthalts in Hamburg gesorgt werden soll. Durch die Opferwilligkeit verschiedener Oppositionen und Freunde des Vereins ist es gelungen, in der Westerstraße ein Haus schuldenfrei zu erwerben, das durch einen umfangreichen Umbau für die Zwecke des Vereins hergerichtet wird. Dort werden dann sämtliche Arten der Vereinssürsorge vereinigt sein und die Obdachlosen einfach und allen sanitären Anforderungen entsprechend versorgt werden. Das Haus wird voraussichtlich schon Anfang nächsten Monats in Benutzung genommen werden können. Zum Andenken an den Gründer des Vereins hat der Vorstand einstimmig beschlossen, dem Haus den Namen „Daniel- Wormser-Haus" zu geben. Im übrigen zeigte die Vereinstätigkeit im einzelnen das folgende Bild. Es wurden in den Auswandererhallen der Amerikalinie an 12 177 jüdische Emigranten insgesamt 43 005 Portionen Mittagessen aus der ritualen Küche verabreicht; außerdem erhielten die jüdischen Emigranten nach Nord- und Südamerika unterwegs rituelle Verpflegung (Fleischkost). In der Stadt wurden 1640 Anweisungen für Nachtquartier und 4164 Portionen Kaffee, sowie 2637 Portionen Mittagessen gratis verteilt. Des weiteren erhielten 1486 Personen Reiseunterstützung aus der Vereinskasse, 3500 Männern und Frauen konnte Bekleidung verabfolgt werden, die ihnen sehr oft wieder Arbeitsmöglichkeit verschaffte. Aus dem Baronin Clara Hirsch-Krankenfonds konnten für eine Anzahl kranker Emigranten insgesamt 933 Verpflegungstage im Hospital bestritten werden. — Trier, 4. Juli. Ein Hexenprozeß wurde vor der Strafkammer in zweiter Instanz verhandelt. Zwei alte Jungfrauen aus Serrig waren von der Wahnidee befangen, daß ihre beiden Kühe keine Milch mehr geben wollten und behext sein müßten. Jemand, den sie nicht nennen wollten, hatte ihnen gesagt, der jüdische Händler Meyer müsse die Tiere behext haben. Um den Teufel aus den armen Tieren zu treiben, lockten sie den nichts ahnenden Handelsmann unter der Angabe, mit ihm einen Handel abschließen zu wolleu, in den Stall, fielen dort mit Mistgabeln über ihn her. und verletzten ihn so schwer, daß er mehrere Wochen lang das Bett hüten mußte. Das Schöffengericht in Saarburg verurteilte die beiden Mädchen wegen Mißhandlung und tätlicher Beleidigung zu je vierzehn Tagen Gefängnis und zehn Mark Geldstrafe. Der Amtsanwalt hatte gegen dieses Urteil Berufung eingelegt, weil ihm das Strafmaß nicht hoch genug erschien. Die Strafkammer bestätigte jedoch das Urteil, indem es als strafmildernd (!!) annahm, daß die beiden Mädchen nun einmal von der Wahnidee befangen seien, der Handelsmann habe ihre Kühe behext. München, 8. Juli. In einer Darstellung der Entwicklung der bayerischen Volksschulen während der Jahre 1870/71 bis 1905/06 enthielt die statistische Beilage der bayerischen Lehrer-Zeitung auch einige Angaben über die jüdischen Volksschulen, die. an sich recht betrüblich, recht traurige Perspektiven in die Zukunft eröffnen. Währendem Jahre 1870/71 die Zahl der jüdischen Volksschulen 133 — 1,9 Prozent betrug, sank diese Ziffer bis 1905/06 auf 87 —1,2 Prozent herab. Ebenso verhält es sich bezüglich der Schülerzahl, die statt 6258 — 0,90 Prozent im Jahrgang 1870/71 gegenwärtig nur noch 4509 — 0,47 Prozent beträgt. Die jüdischen Lehrkräfte reduzierten sich ebenfalls nicht unbedeutend. Nur das weibliche Personal weist einen kleinen Zuwachs, von 9 — 0,04 aus 14 0,05 Prozent, . auf, sonst ist überall ein bedauerlicher Rückgang zu verzeichnen, der fast ausschließlich auf das Verlustkonto der Landgemeinden kommt und von Jahr zu Jahr größer wird. Da schon jetzt in vielen jüdischen. Volksschulen die Zahl der Schüler eine erschreckend kleine und auf einen Zuwachs von Mitgliedern in den betreffenden Gemeinden kaum zu rechnen ist, so dürfte die Zeit nicht mehr fern sein, wo die jüdische Volksschule in Bayern auf den Aussterbeetat gesetzt werden mutz. Ob die Agitation zur Neugründnng jüdischer Volksschulen in den Städten künftig auf bessere Erfolge, als bisher, zu rechnen hat, ist billig zu bezweifeln. Umsomehr tritt die Notwendigkeit an die maßgebenden Kreise heran, die Lage der jüdischen Neligionslehrer gründlich zu bessern. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Mühlhausen, 2.Juli. Der Jahresbericht der Israelitischen Gewerbeschule des Ober-Elsaß ist erschienen. Danach betrug im Jahre 1908 die Schülerzahl 34, die sich in folgender Weise auf die verschiedenen Handwerke verteilt: ein Konditor, fünf Elektrotechniker, ein Friseur, ein Hemdenmacher, drei Holzbildhauer, zwei Klempner, ein Kürschner, ein Lithograph, zwei Mechaniker, ein Photograph, ein Schlosser, sechs Schneider, ein Schriftsetzer, ein Schuhmacher. ein Steindrucker, zwei Tapezierer, zwei Zeichner, zehn junge Handwerker, von denen sieben bereits mit gutem Erfolg die Gesellenprüfung bestanden haben, verlieben nach beendigter Lehrzeit das Institut im Laufe des Jahres. An ihrer Stelle traten neun neue Zöglinge ein. Vier Schüler beteiligten sich an der elsaß-lothringischen Lehrlingsausstellung in Hagenau und erhielteneinen ersten Preis, zwei zweite Preise und einen dritten Preis. Bei der Ausstellung von Zeichnungen, welche am Schluffe des Schuljahres alljährlich die hiesige Industrielle Gesellschaft veranstaltet, hat das Komitee den Schülern der Gewerbeschule vier öffentliche Belobigungen erteilt. Diese besuchen regelmäüig die Lehrlingskurse der hiesigen technischen Schule, die Fortbildungsschule, sowie die Zeichenkurse der Industriellen Gesellschaft. Gesterrelch-Nnsarn. LH Wien, 5. Juli. Unser tapferster und bester Verteidiger im Parlament ist und bleibt der Abgeordnete Dr. Strauch er. Auch in der Budgetdebatte führte er wieder Beschwerde darüber, daß die österreichische Judenschast im Staatsvoranschlage eine arge Zurücksetzung erfahre. Die Forderungen der Judenschaft bestehen in folgendem: Volle Rechtsgleichheit und uneingeschränkte Durchführung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung, Aner-

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