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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-07-09 · Heft 28 (9.7.1909) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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Berliner „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hat er auch sehr interessante Vorträge über Islam und Judentum gehalten. Professor Dr. Siegmund Frankel hatte letztwillig den ausdrücklichen Wunsch geäußert, daß seine Bestattung in aller Stille ohne jede Feierlichkeit erfolgen solle, und diesem Wunsche haben die Angehörigen in vollstem Maße Rechnung getragen. Trotzdem war der größte Teil des Lehrkörpers der Universität, insbesondere alle Professoren der philosophischen, der katholisch-theologischen und der juristischen Fakultät, an ihrer Spitze Rektor Magnifikus Geheimrat Uhthoff mit dem Senat erschienen, um den verewigten. Kollegen zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Der Vorstand der Shnagogen-Gemeinde Breslau hat sich selbst geehrt mit dem von ihm gefaßten Beschlüsse, für Professor Dr. Siegmund Frankel ein Ehrengrab auf dem alten jüdischen Friedhofe an der Lohestraße zu bewilligen. Leopold Lisler. Ein Nachruf von Dr. Adolf Frankl-Grün. eich an Jahren und Kenntnissen, ist Rabbiner Leopold Eisler in Eiwanowitz nach 60 jähriger Amtstätigkeit ain 20. Juni int 85. Lebensjahre gestorben. Das charakteristische Zeichen eines wahrhaften Gelehrten, daß sein Wissen mit den Jahren sich vermehrt, zeigte sich recht deutlich an seinen Werken, welche ein umfangreiches talmudisches Wissen und auch eine Fülle philologischer und exegetischer Kenntnisse Sekunden, die er sich als Autodidakt in einem arbeitsreichen Erdendasein angeeignet hat. Selten wurde sein Name in der Oeffentlichkeit genannt, selten trat er aus den vier Wänden seiner engen Studierstübe hinaus in die Welt. Bescheiden und zurückgezogen wirkte er in seiner Gemeinde mit selbstloser Hingebung. Schlicht und einfach, gefällig und menschenfreundlich, fromm und duldsam, aufopfernd für Verwandte und wohltätig gegen die Armen, zartfühlend und würdevoll, lernend und lehrend, so verbrachte er seine ganze Lebenszeit. Er war nicht bloß der Lehrer, sondern auch der väterliche Freund und Ratgeber seiner Ge-, meinde. Diese entlegene, kleine Gemeinde muß vor alter Zeit nicht unbedeutend gewesen sein, da schon vor etwa 150 Jahren eine Landesältesten- und Rabbinerversammlung dort stattgefunden hat und sie viele talmudische Koryphäen als Rabbiner besaß. (Novellen des Gersuni S. 9). Aus den letzten anderthalb Jahrhunderten seien genannt: Benjamin Walfisch 1768, Jsaschar B. Bloch aus Hamburg; später 1780 Mendl Deutsch, 1802 Ahron Moses Hakohen Neuda, Vater des früh verstorbenen Rabbiners Abraham Neuda-Loschitz 1811, Pi'nchas Hirsch Halberstadt aus Ung.-Brod 1829, Elieser Hakohen Karpeles 1846, dessen Sohn Elias, der zu den ersten deutschen Predigern in unserem engeren Vaterlande Mähren zählte, Loschitz und Wien, 1856; der erstere Großvater und der letztere Vater des Redakteurs dieser Blätter. Diesen Vorgängern schloß sich Eisler würdig an. Als ich vor Jahren die alte Gemeinde behufs historischer Forschungen aufsuchte, genoß ich zwei Tage die Gastfreundschaft in seinem Hause. Ich gab ihm damals eine Charakteristik der bedeutenden jüdischen Gelehrten Berlins und Breslaus, besonders meines Lehrers Grätz, den er für den größten Historiker unseres Volkes hielt. Er konnte sich jedoch mit dessen Vibelkritik nicht befreunden, wobei er sich auf einen Aufsatz in Smolenskys „Haschachar" (Jahrgang 3, Heft 5 und 6) berief. Wie ein treuer Freund rollte Eisler vor mir, dem jungen Kollegen, sein Lebensgemälde auf, aus dem ich nun hier eine kurze Skizze geben will. Am 11. Februar 1825 zu Boskowitz in Mähren geboren besuchte er die dortige Jeschiwah des Rabbiners Abraham Placzek seligen Angedenkens und genoß zusammen mit seinem Jugendfreunde Emanuel Baumgarten aus Kremsier den Unterricht des kenntnisreichen Hebräisten Jsak Samuel Weisse, Großvaters des Herrn Rabbiners Dr. S. Weisse in Berlin, in der Logik des Maimonides. Folgendes Ereignis aus der Zeit der Kindheit hatte er lebhaft in seinem Gedächtnisse bewahrt, und es mit solcher jugendlichen Frische geschildert, als hätte es sich eben erst zugetragen. An einem schönen Sommertage traf der durch seine großen Reformen auf religiösem Gebiete weithin bekannte Araber Rabbiner Aron Chorin in Boskowitz ein, um daselbst das Grab seiner Mutter zu besuchen. In dessen Gesellschaft befanden sich auch die Herren Leopold Löw, damals Oberlehrer in Proßnitz und Abraham Neuda, Rabbiner in Loschitz. Da zeigte sich der religiöse Fanatismus der Boskowitzer in seiner häßlichsten Gestalt, indem sie den schon damals hochbetagten Rabbi auf seinem Gange nach dem israelitischen Friedhofe in der gröblichsten Weise insultierten und mit nicht wiederzugebenden Epithetis reichlich bedachten. Wären nicht die genannten Herren, denen sich auch Samuel Löwbeer anschloß, in gerechter sittlicher Entrüstung für ihn eingetreten und hätten sie nicht die Angriffe mit den Worten abgewehrt: „Wie kann man denn einen gelehrten Mann in seiner Vaterstadt so beleidigen? . . so hätte man sich unzweifelhaft an Chorin tätlich vergriffen. Eisler konstatierte mit Genügtuung, daß solche turbulente, das sittliche Gefühl empörende Ausschreitungen, wie sie damals in den mährischen Gemeinden sogar im Tempel vorkamen, jetzt zu den absoluten Unmöglichkeiten gehörten. Er erinnerte sich dabei einer Szene, die sich ebenfalls in der Gemeinde Boskowitz bei einer Disputation des Rabbiners B. Bloch mit den dortigen Talmudgelehrten über ein halachisches Thema abspielte, woraufhin der Rabbiner an heiliger Stätte seinen Entschluß bekanntgab, die Gemeinde für immer zu verlassen. Selbst die Bitten der vornehmsten Gemeindemitglieder konnte ihn nicht zum Bleiben bewegen. — Sein Nachfolger im Amte, R. Mose Hakohen Präger (Mose Karpeles, der Urgroßvater des Redakteurs dieses Blattes) hatte als Rabbiner in Kremsier einen ähnlichen Zusammenstoß mit dem Gemeindevorsteher, weil er an einem Versöhnungstage, der auf einen Sabbat fiel, den Priestersegen sprach. Infolgedessen kündigte er sofort den Posten und ging nach Eibenschütz. Kehren wir nun zu unserem Heimgegangenen zurück. Mit Bibel und Talmudkenntuis gut ausgerüstet, verließ Eisler 1846 seine Vaterstadt und ging zum Zwecke weiterer Ausbildung nach Prag, wo er sich viel mit sprachlichen Studien beschäftigte, die Vorlesungen über orientalische Sprachen an der dortigen Hochschule fleißig besuchte und die kritischen Vorträge Rappaports über Jesaia hörte. Im Jahre 1857 ging Eisler nach Szegedin, wo er unterder Einwirkung seines Vetters, des berühmten Rabbiners Leopold Löw, in das Studium der Wissenschaft des Judentums sich vertiefte und der altklassischen philologischen Literatur sich zuwandte. Vom Jahre 1853 wirkte er an der dortigen israelitischen Hauptschule als'Lehrer der hebräischen Sprache und Grammatik. 1856 wurde er von der Gemeinde Eiwanowitz zu ihrem Rabbiner gewählt. Seit 1892 fungierte er auch in der Stadt Wischau in gleicher Eigenschaft. 1899 erhielt er vom Kaiser die Ehren- Medaille für mehr als 40 jährige treue seelsorgerische Arbeit. Eisler stand in regem brieflichen Verkehr mit M. Letteris, M. E. Stern, Em. Baumgarten, Leopold Löw, Josef Weisse, Senior Sachs und Jakob Reifmann, dessen kritischen Forschungen und in meisterhaftem Hebräisch geschriebenen Briefen er manche Anregung verdankt.; .

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