Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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daß von der Behörde wohl eine Anfrage bezüglich einer eventuellen Erneuerung des Erlasses vom Jahre 1895 an die Rabbinervereine ergangen sei, daß aber der Ausschuß derselben in seiner Antwort sich dahin geäußert habe, daß kein Grund zu einer Abänderung vorliege und daß die Behörde ersucht werde, an dem in. dem damaligen Erlasse eingenommenen Standpunkte der grundsätzlichen Betonung der religionsgesetzlichen Unzulässigkeit der Verbrennung auch fernerhin festzuhalten. . Nun wurde die Stellungnahme der Rabbiner zum neuen Kirchengesetzentwurfe besprochen, wobei man der Freude über verschiedene Fortschritte auf administrativem Gebiete, wie im innerkirchlichen Leben beredten Ausdruck gab./ Sie fakultative Zulassung der Mikwah wurde als ein wesentlicher Fortschritt gegen früher begrüßt; eine erhebliche Anzahl der Rabbiner^war sogar für obligatorische Einführung Die von den Rabbinern bezüglich des Entwurfes gewünschten Abänderungen werden der Behörde vorgelegt werden, lieber die zweite Lesung der neuen Gottesdienstordnung referierte Rabbiner Kahn-Heilbronn. Nach nochmaliger genauer Durchsicht und mit einigen Abänderungen wurde beschlossen, die Gottesdienstordnung nunmehr der Behörde als Grundlage einer neu zu schaffenden zu überreichen. Am Abend des ersten Tages fand ein wissenschaftlicher Vortrag des Rabbiners Dr. Stößel über „Responsenliteratur in Württemberg" statt. Am zweiten Tage referierten Rabbiner Straßburger-Ulm und Dr. Treitel-Laupheim über „Die beim Religionsunterricht an höheren Lehranstalten gesammelten Erfahrungen". Gesterretch-Nngsm. □ Wien, 31. Mai. Zwei gedeihlich wirkende Vereine, die „Israelitische Allianz" und der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hielten in der vergangenen Woche ihre Generalversammlungen ab. Beide verdienten um ihrer Tendenz und Wirk- —-famkeit willen die reichste Unterstützung — beide finden sie aber in Wien und im Reiche leider nicht. Es würde zu weit gehen, den Ursachen dieses Jndifferentismus nachzuforschen, aber es erscheint uns sicher, daß einer der Hauptpunkte desselben die unselige Vereinsgründerei ist, die nach deutschem Muster auch hier üppig in die Halme schießt. Man weiß wirklich nicht mehr, welchem Verein man angehören soll, und deshalb schließt man sich lieber gar keinem an. — Dr. Moritz Friedeberger, wurde zum Direktor des hiesigen israelitischen Taubstummeninstituts gewählt. Friedeberger, der seit 26 Jahren in England lebt, wo er teils in Edinburgh, teils in London eigene Institute für Taubstumme, auch für Taubstummenlehrer unterhielt, ist einer der ersten Kapazitäten aus diesem Gebiete. — Der außerordentliche Professor Dr. Leon Kellner ist zum ordentlichen Professor der romanischen Philologie' an der Universität in Czernowitz und der Archivkonzipist Dr. Arthur Goldmann zum Haus-, Hof-und Staatsarchivar ernannt worden. — In verschiedenen Städten Ungarns wird ein ökonomischer Boykott geKn die Juden organisiert, der zu ernstlicher Besorgnis für die Zukunft Veranlassung gibt. Der „Verband ungarischer Kaufleute" bemüht sich, die Juden aus den Handelsbetrieben nach Möglichkeit zu verdrängen. Die Konsumgenossenschaften, die sich besonderer Privilegien und steuerfreier Konzessiönierung seitens der Regierung erfreuen, nehmen keine Juden auf, so daß diese mit ihnen nur sehr schwer konkurrieren können. Der Boykott der jüdischen Geschäfte wird von Agitatoren systematisch und mit Erfolg propagiert. Jüdische Hausierer werden tagtäglich wegen Uebertretung des Hausierverbotes vor die Gerichte gezerrt und von diesen zu Gefängnisstrafen verurteilt. Erwähnt sei auch, daß in einigen Blättern, wie dem „Alkotmany", die Befürchtung ausgesprochen wird, bei Einführung des allgemeinen Wahlrechts würde der Einfluß der Juden im Parlament und politischen Leben gesteigert werden. Trotz der politischen Krisis haben die Judenfeinde scheinbar keine anderen Sorgen! — Die Juden in Bosnien sollen nun doch zwei Mandate für. den Landtag erhalten, und zwar eine Virilstimme, die der Oberrabbiner von Serajewo und ein Mandat welches die jüdische Kurie durch Wahl zu vergeben hat. Von Sah und sfern. Der Oberstabsarzt I. Klasse a. D, Sanitätsrat Dr. Joseph Herz selb zu Wilmersdorf hat den Kronenorden II. Klasse erhalten. — Der Kammersänger Alexander Heinemann erhielt anläßlich des Musikfestes in Schwerin i. M. die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft am Bande. — Der Charakter als Sanitätsrat würde verliehen den praktischen Aerzten Dr. H. Salomon ü* Reinickendorf, Dr. A. Berliner und Dr. E. Glaser in Kattowitz, Dr. L. .Wolffberg und Dr. M. Heilborn in Breslau, Dr. B. Schindler in Görlitz. Dr. L. Caro in Posen. — Dem Magistratsbaurat Natanso n und dem ReedereidirektorA. Rischofski in Breslau wurden der Rote'Adlerorden IV. Klasse verliehen. — Am 30. v. M. hat der frühere Seminardirektor in Münster, Dr. Steinberg, der jetzt in Berlin lebt, seinen 90. Geburtstag gefeiert. Er .dürfte wohl der älteste aller jüdischen Schulmänner in Deutschland sein. — In Gotha wurde der Agrarier Kammerherr v. Wangenheim, von dem Schöffengericht wegen Beleidigung des. Güteragenten Friedrich Lehmann in Magdeburg zu einer Geldstrafe'von 300 Mark und Kostentragung verurteilt. Der Angeklagte hatte zwar erklärt, daß er in dem inkriminierten Artikel der „Thüringer Landeszeitung" nur das Treiben der Juden im allgemeinen habe bezeichnen wollen und mit Lehmann nur einen unbestimmten, „unpersönlichen Levi" treffen wollte, darauf ging das Gericht aber nicht ein. — Der Großkausmann L. Hirsch in Mannheim wurde zum Kommerzienrat ernannt. — Frau Arnold Gabriel hat anläßlich ihres 70. Geburtstages 10 000 Pfund Sterling (zirka 200 000 Mark) zu gleichen Teilen für das jüdische Hospital und Waisenhaus in London gegespendet. — Am. 30. v. M. feierte der tllnek Rabbi von England, Dr. Hermann Adler, in voller Frische und Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag und zugleich auch sein 50 jähriges Amtsjubiläum. Aus allen Teilen des Reiches kamen Deputationen nach London, und weite Kreise beteiligten sich an den Festlichkeiten zu Ehren des allgemein geachteten und beliebten Seelsorgers. Ein ausführlicher Bericht folgt. —- Die reaktionären Mitglieder der Stadtduma zu Odessa wollen in der Stadtverordnetenversammlung einen Antrag einbringen, die Regierung zu ersuchen, die Stadt Odessa aus dem jüdischen Ansiedlungsrayon auszuscheiden und sämtliche Juden aus Odessa auszuweisen. — In Jelez hat der „Verband der Echten Russen" an das Departement für allgemeine Angelegenheiten" ein .von 600 Personen unterzeichnetes Gesuch gerichtet, sämtliche Juden aus dieser Stadt auszuweisen. i — Infolge einer Verordnung des Ministeriums des Innern, nur solchÄi Juden den Aufenthalt in Sommerwohnungen zw gestatten, die das Wohnrecht in ganz Rußland besitzen, weist die Administration die Juden aus den Kurorten in der Umgegend., von Kiew massenhaft aus. Die Bauern sind mit dieser Maßregel sehr unzufrieden, da sie dadurch große materielle Verluste erleiden. Sie haben sich an die Regierung mit Gesuchen gewendet, diese sie schädigende Bestimmung rückgängig zu machen. Die Entscheidung steht noch aus. — Wie die türkis che Zeitung „Serwet" mitteilt, hat der Sultan Mahomet dem Justiz- und Kultusministerium den Auftrag erteilt, dem Großrabbiner seinen Dank an alle jüdischen Gemeinden der Türkei für die von ihnen aus Anlaß seiner Thronbesteigung veranstalteten Kundgebungen und Dankgottesdienste abzustatten. Der offizielle Erlaß wird dem Chachambaschi erst zugehen, wenn der neue Justiz. und Kultusminister seinen Posten angetreten haben wird. — Wie uns aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle mitgeteilt wird, hat sich in Aleppo ein Unterstützungskomitee gebildet für die Israeliten aus Anatolien,namentlich aus Adana, Antiochia, Marasch, Aintab, Van, die infolge der' bekannten Ereignisse in großer Not sind. Die AUianae Israelite Universelle hat dem Unterftützungskomitee telegraphisch 5000 Franken überwiesen. — In' den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Juden in Indien von 12 000 auf 18000 gewachsen. Dieser Zuwachs kann nicht aus Einwanderung zurückgeführt werden, da Indien für den fremden Juden nur wenig Anziehungskraft besitzt. In Aden wohnen 3059 Juden, in Bombay 5357 bei einer Gesamtbevölkerung von 750 000. In Kalkutta sind 1889 Juden ansässig, in ganz Zentralindien nur insgesamt 24. Die Zahl der Juden in Cochin beträgt 1137. In Ernakulam wohnen 412, in Mettancheri 474 weiße und „schwarze" Juden. Im Staate Mysor wohnen 34 Juden, im Bezirk Bombay 60.9, im Staate Sind 428.