Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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veranlaßt wird, soll durch Zuschläge zu den direkten Steuern Deckung finden^ die von den Angehörigen der Religionsgemeinschaften erhoben werden. Der Satz der Staatszuschläge wird für die Angehörigen jeder anerkannten Religonsgemeinschaft gesondert nach Maßgabe ihres Bedarfs jährlich durch das Etatgesetz bestimmt. Das Gesetz soll am 1. April 1910 in Kraft treten. Gesterretch-Mnssrn. □ Wien, 17. Mai. An das alte Volkslied Chad Gadja wird man lebhaft erinnert, wenn man in den Zeitungen liest, daß der Ziviladlatus von Bosnien jetzt die Unzufriedenheit der Christlichsozialen erregt hat und deshalb gehen muß. Derselbe Mann hat den Christlich-sozialen znliebe trotz seines ausdrücklichen Versprechens den Juden Bosniens eine eigene Wahlkurie nicht konzedieren wollen. Jetzt werden sie sie vielleicht erhalten. — Haarsträubende Geschichten erzählt die hiesige „Neue Nationalzeitung" aus Galizien von; einem jüdischen Regimentsarzt, der einem jüdischen schwererkrankten Zugführer, Nathan Nasch, zugerufen haben soll: „Wir kennen schon unsere jüdischen Simulanten!" — wegen dieses im Militärhospital verstorbenen Nasch ist eine Interpellation im Parlament eingebracht worden — ferner von einem jüdischen Richter, der jüdische Klienten in unerhörter Weise peinigt und dergleichen. Auch wegen dieses braven Mannes ist von sozialdemokratischer Seite im Reichsrat eine Interpellation eingebracht worden. Nicht weniger traurig sind die fortdauernden Kloster-Entführungen jüdischer Mädchen in diesem lieblichen Lande. Im Vorjahre ist aus ihrem Elternhause in Rustweczko die minderjährige Metzger verschwunden, welche dann im Kloster der Felizianerinnen in Krakau zur Taufe vorbereitet wurde. Die Eltern konnten bisher eine rechtskräftige Entscheidung über die Entlassung des Mädchens aus dem Kloster nicht erhalten, obwohl vom Vormundschaftsgerichte seinerzeit ein Auftrag an sämtliche Gerichte und Sicherheitsbehörden erlassen wurde, den Eltern bei der Zurückbringung ihres Kindes, behilflich zu sein. Bis heute ist die Angelegenheit nicht entschieden. In dem gleichen Kloster befindet sich jetzt die vor drei Monaten entführte fünfzehnjährige Tochter des Samuel Stern aus Dedzin (Russisch-Polen). Der unglückliche Vater verließ damals seine Geschäfte und begab sich auf die Suche nach seiner Tochter. Er erfuhr auch, daß sie in einem Kloster in Czenstochau interniert worden sei und fuhr zunächst dorthin. Man erhielt dort aber Kenntnis von seinem bevorstehenden Eintreffen und schickte seine Tochter nach Krakau. Dort hat man ihn bisher nicht zu seiner Tochter gelassen. — Der Begründer des modernen Weltbades Pistyan ist daselbst am 19. vorigen Monats im 73. Lebensjahre gestorben. Er war ein Jude, Alexander Winter. Der Verblichene, der durch rastloses Streben, zielbewußte Energie und große materielle Aufwände Pistyan in den letzten 20 Jahren aus bescheidenen Anfängen zur heutigen Blüte emporgebracht, stand im ganzen Komitat in hohem Ansehen. Die Jpolysager jüdische Schule, deren Begründer er war, wählte ihn zum Ehrenpräsidenten. Auch andere gemeinnützige, namentlich aber humanitäre Institutionen fanden in ihm einen opferfreudigen Förderer. Mn Sah und jfern. Zur Vorsitzenden des „Verbandes der Deutschen Juden" ist, wie wir hören» Justizrat Dr. Maximilian Horwitz gewählt worden. — Nach den aus den Akten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin getroffenen Feststellungen des Bureaus für Statistik der Juden sind in Berlin und seinen Vororten aus dem Judentum ausgetreten: im Jahre 1907 106 Männer. 43 Frauen, zusammen 149.; im Jahre 1908 108 Männer, 68 Frauen, zusammen 186. Die Zahl der Austritte war also im Jahre 1908 erheblich höher als im Jahre 1907 und iy, den Vorjahren. — .Sanitätsrat Dr. ©im o.n Flat au hatden Röten Adlerorden 4. Kläffe erhalten. — Den Charakter als Sanitätsrat haben erhalten: Dr. Siegfried Boehm, Dr. Arnold Freudenthal, Dr. Hugo Freund, Dr. Artur Glaser, Dr. Hermann Grünseld, Dr. Heinrich Hirschberg, Dr. Heinrich Joachim, Dr. Arthur Leibholz, Dr. Benno Lewh, Dr. Josef Margoniner, Dr. Bernhard Meyer, Dr. Edmund Gotthold Saalfeld, Dr. Theodor Wertheim. — Herr Carl Leopold Netter, Mitglied des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde und der Jewish Colonisation Association, ist von dem Zentralkomitee des Hilfsvereins der Deutschen Juden in dessen geschäftsführenden Ausschuß gewählt worden. Herr Netter hat dem Hilfsverein der Deutschen Juden bereits als Zentralkomitee- und Bezirkskomiteemitglied nahegestanden. — In Thorn ist am 11. d. M. der Kaufmann und Stadtrat Max Glückmann im 57. Lebensjahre gestorben. — In Kattowitz ist am 10. d. M. der Bahnmeister a. D. Carl Graetzer gestorben, der mehrere Jahre hindurch Mitglied der Repräsentanten und des Vorstandes der dortigen Gemeinde gewesen ist. — Der Kaufmann H. Hirschmann in Groß-Krotzenburg hat bei seinem Ausscheiden aus dem Amte als Synagogenältester das Allgemeine Ehrenzeichen erhalten. — Am 15. d. M. ist in Halle a. S. nach schweren Leiden der Rabbiner Dr. S. Feßler im 62. Lebensjahre gestorben. Er war 1882 Rabbiner in Mann-, heim, dann 1886 bis 1889 in Landberg a. W. und seither in Halle, wo er sich allgemeinen Ansehens zu erfreuen hatte. Ehre seinem Andenken! — Der Kaiser von Oesterreich hat die Zukunft der Tochter des kürzlich verstorbenen Hofschauspielers Sonnenthal, Fräulein Hermine v. Sonnenthal in Wien, durch Verleihung einer lebenslänglichen Enadenpension sichergestellt. — Die Gemeindevertretung von Czernowitz hat den Abgeordneten Dr. B. Straucker zu ihrem Ehrenbürger ernannt. — Der Assistent der geologischen Lehrkanzel der Budapester Universität Dr. Julius Prinz unternimmt eine wissenschaftliche Expedition in das Innere Asiens, um die geologischen und geographischen Verhältnisse des Tien-Shan Gebirges und seiner Umgebung zu erforschen. In seiner Expedition wird er zum Teile die Route Sven Hedins verfolgen. Die Expedition wird durch eine 4000 Kronen betragende Unterstützung der Akademie der Wissenschaften ermöglicht. — Die Pariser Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften hat M. Ass er, Staats - minister im Haag und gewesener Professor für Handels- und internationales Recht an der Amsterdamer Universität, zu ihrem korrespondierenden Mitglieds erwählt. — Obwohl der russische Senat die Frage über den Verlust des Wohnrechtes der Juden, die einen gelehrten Grad besitzen, aber sich mit dem'Handel befassen, definitiv nicht entschieden hat, regen die Steuerinspektoren täglich im Bezirksgericht in Kiew die Angelegenheit an. Die Angeklagten, sind hauptsächlich Zahnärzte, Apotheker und Hebammen, die, als Unterstützungsangelegenheit, mit einem' verschiedenartigen Handel sich befassen. Das Bezirksgericht verurteilt die Herangezogenen zur Ausweisung, wobei die Waren konfisziert werden. Solche Gerichtsentscheidungen rufen eine schreckliche Unruhe unter der jüdischen Bevölkerung hervor. — Der Kriegsminister hat der Petersburger jüdischen Gemeinde den Antrag gestellt, das Andenken der im russisch-japanischen Kriege gefallenen jüdischen Soldaten durch ein Denkmal zu ehren. — Die auf Anordnung des Polizeidepartements vorgenommene Prüfung der Rechte der Juden in der heiligen Stadt Kiew, führt zu allnächtlichen Massenüberfällen in den Hotels, und in Privathäusern. Alle, die das Wohnrecht nicht besitzen, werden verhaftet. Bis jetzt bekamen diejenigen, die das Wohnrecht nicht besaßen, bei Vorzeigung des Paffes Durchgangszeugnisse, und verpflichteten sich. Kiew im Laufe von drei Tagen zu verlassen. Jetzt wurden auch solche- Personen arretiert, und werden per . Etappe nach dem Orte der Ausgabe des Paffes fortgeschickt. Die Ueberfälle und die Fortschickung brachte eine Panik unter der jüdischen Bevölkerung hervor, die eilig die Stadt verlassen. — Der Ausschuß des „Verbandes jüdischer Farmer Amerikas" hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, während der ersten Oktoberwoche des Jahres in New Jork eine Ausstellung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen seiner Mitglieder zu veranstalten. — Der in New Jork verstorbene Bankier- Heinsheimer hatte in seinem Testament eine Bestimmung hinterlasien, nach welcher eine Million Dollars den israelitischen Wohltätigkeitsanstalten New Jorks für wohltätige Zwecke zufallen sollten, wenn sie unter sich eine Einigung erzielen könnten und sich zu einem einzigen Verein zusammentäten. Drei Jahre waren die Leiter der verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten vergeblich bemüht, eine Einigung herbeizuführen, sind aber nunmehr