Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 21. verlia, 21. Mai 1909. Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Allgemeine Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstcllen) bezogen vierteljährlich 3 111. Redakteur: ©uftat* Rarxeles. Begründet von Rabbiner D» Ludwig Philippson Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Ullgem. Zeitung des Judentums", Berlin LW.. Jerusalemer Straße <*6/49, 5U richten. Verlag von Rudolf Rlosse, Berlin. Der Deutlch-Ilrselitlsche Gemkllldktsg. Berlin, 18. Mai. elfte Deutsch-Israelitische Gemeindetag hat seine Arbeit beendet. In zwei Sitzungen von je acht Stunden ist der, Hauptpunkt des Programms, der Entwurf eines Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens, mit Ernst und Eifer, mit gutem Willen und aus reicher Erfahrung durchberaten worden. Aus allen Teilen des Reiches waren die Vertreter der Gemeinden gekommen, um an dieser Arbeit teilzunehmen; alle religiösen Richtungen, alle Berufe innerhalb der Gemeinde waren vertreten und kamen zum Worte. Gar oft gingen die Wogen der Debatte sehr hoch, und wiederholt schien es, als ob das Zustandekommen des großen Werkes gefährdet sei. Ja, noch im letzten Moment gelang es einer Zufallsmajorität, einen Antrag durchzujagen, der für den Entwurf hätte gefährlich werden können, der aber doch durchaus nicht entscheidend für das Schicksal desselben sein wird. Wir hegen die feste Zuversicht, daß trotz aller Opposition aus diesen Beratungen ein Organisationsentwurf zustande kommen wird, der allen religiösen Richtungen und allen berechtigten Interessen entsprechen wird. Es versteht sich von selbst, daß wir noch auf die Resultate des Gemeindetages eingehend zurückkommen werden; für heute müssen wir uns mit einem objektiven Referat über den Verlaus der Verhandlungen begnügen. Am 16. d. M. um IOV2 Uhr eröffnet der Vorsitzende des geschäfts» führenden Ausschusses Professor Philippson -Berlin den Gemeindetag. Er gibt seiner Freude Ausdruck über die starke Beteiligung, die ein erfreuliches Zeichen für das rege Interesse an dem Bestreben des Gemeindebundes sei, die aber zum Teil wohl auch auf die außerordentliche Wichtigkeit des Verhandlungsgegenstandes zurückzuführen sei. „Ich bitte Sie/' so fährt Professor Philippson fort, „die Verhandlungen im Geiste der Versöhnlichkeit und Brüderlichkeit führen zu wollen. (Beifall.) Es ' ist selbstverständlich, sogar erfreulich, daß bei dieser Angelegenheit die Verschiedenheiten der Anschauung zur Sprache kommen werden.. Wo kein Kampf ist, ist kein Leben. Diese Verschiedenheit der Anschauungen darf uns aber nicht vergessen lassen, daß wir alle die Absicht haben, dem Interesse der Sache zu dienen. Hier handelt es sich nicht um Persönlichkeiten, nicht um Standes» angelegenheiten, sondern um eine, die ganze deutsche und speziell die preußische Iudenheit betreffende Sache. Wenn wir auch getrennt marschieren, wir werden vereint schlagen. Sie wissen, daß die Augen der ganzen deutschen Iudenheit, ja auch zum großen Teile der Außenstehenden, auf uns und unsere Verhandlungen heute und morgen gerichtet sind. Führen wir diese Verhandlungen so, daß es zu Ehren der Iudenheit und zu Ehren Gottes geschieht, das ist das,' was ich Ihnen zuerst ans Herz legen möchte." (Beifall.) . Auf Vorschlag der am Sonnabend stättgehabten Vorversammlung wurden hierauf zum ersten Vorsitzenden des Gemeindetages Sanitätsrat Dr. Stern-Berlin, zum zweiten Vorsitzenden Justizrat Bla u-Frankfurt am Main, zum dritten Vorsitzenden Kommerzienrat Hirsch - Halberstadt, zu Schriftführern Dr. Mendel und Dr. Salomon, zu Beisitzern Landgerichtsrat Löwe und Justizrat Lilienthal gewählt. Der erste Vorsitzende Dr. Stern übernimmt das Amt mit Worten des Dankes für das ihm zuteil gewordene Vertrauen und führt aus: Mit tiefer Trauer nehme ich diesen Platz ein, von welchem aus der in der Blüte seiner Jahre in voller Manneskraft uns entrissene frühere Vorsitzende, mein unvergeßlicher Kollege, Justizrat Dr. Edmund La ch ma nn, den vorletzten Gemeindetag in Berlin mit der ihm eigenen vornehmen Ruhe, Sicherheit und Sachkenntnis geleitet-hat. Was der Dahingeschiedene für die Allgemeinheit unserer Glaubensgenossen geleistet, gewirkt, ge. arbeitet und geschafft hat, das ist anläßlich der von den Gemeindebehörden veranstalteten, ebenso ergreifenden wie würdigen Trauerfeier von beredtem und berufenem Munde zum Ausdruck gebracht. Die hervorragenden, besonderen Verdienste, die sich Edmund Lachmann um die Verwaltung der größten diesem Bunde angeschlossenen Gemeinde erworben hat, sind mit goldenen, unauslöschlichen Buchstaben in der Geschichte der Berliner Gemeinde verzeichnet. Sie werden auch unseren kommenden Geschlechtern zu Nutz und Segen gereichen, und das leuchtende Beispiel Lachmanns wird hoffentlich einen Ansporn zur Nacheiferung seiner selbstlosen Tätigkeit bilden. Aber auch beim Zustandekommen des vorliegenden Entwurfes hat er sich erfolgreich betätigt. Der Schatz seiner Lebenserfahrungen, sein weitausschauender Blick, seine gediegenen juristischen Kenntnisse und sein treffliches Urteil haben zur Klärung nicht unwesentlich beigetragen. Somit hat Lachman sich um den deutsch-jüdischen Gemeindetag ein dauerndes ehrenhaftes Andenken gesichert, und ich bitte Sie. zum Andenken dieses tapferen Vorkämpfers, dieses selbstlosen und unerschrockenen Streiters für jüdische Interessen, den ein tragisches Geschick so jäh und unerwartet aus unserer Mitte gerissen hat, sich von ihren Plätzen zu 'erheben. — Sie haben das bereits getan, ich danke Ihnen!" Der Vorsitzende des D.J.G.Bgeht dann auf die Bedeutung des vorliegenden Organisationsentwurfes ein: „Seit im Jahre 1847 das Judengesetz in allen preußischen Provinzen in Kraft getreten, ist weder für eine Verbesserung, noch Verallgemeinerung auf allen staatlichen Provinzen etwas Nennenswertes geschehen. Bei der gewattigen fundamentalen Umwälzung, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auf allen Gebieten vollzogen hat, kann es nicht wundernehmen, daß bei den Gemeinden und deren Vertretern das Bedürfnis nach einer einheitlichen, zeitgemäßen, dem modernen Kulturstande Rechnung tragenden Organisation der Iudenheit immer dringlicher, der Wunsch immer lebhafter und lauter wurde, durch eine erneute Zusämmenschließung einerseits, Stärkung ihrer Kraft anderseits, Erhöhung ihres Ansehens anderen Religionsgemeinschaften gegenüber zu erreichen. Diese Hoffnung soll nunmehr durch den Entwurf ihrer Erfüllung um einen guten Schritt nähergebracht werden. Ich möchte angesichts des umfangreichen Materials die ebenso herzliche wie dringende'Bitte an Sie richten, sich in der Diskussion nicht allzusehr in Einzelheiten zu verlieren, sondern unter Hintansetzung aller anderen Interessen Ihren Blick unverändert auf das Ganze, Große zu richten. In diesem Sinne heiße ich Sw herzlichst willkommen als Mitarbeiter."