Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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aber* seine endgültige Zustimmung davonabhängig machen, daß 1. in dem Gesetze jede Einmischung. der Provinzial- und Landesgemeinde in die religiösen Angelegenheiten der Einzelgemeinden vermieden wird; 2. daß alle Bestimmungen aus dem Entwurf ausgemerzt werden, welche das Wahlrecht der Gemeindemitglieder zu verschlechtern geeignet sind; 3. daß innerhalb der Einzel - gemeinden durch gesetzliche Festlegung des Proportionalwahlsystems für die Wahrung der Rechte religiöser Minderheiten gesorgt wird, und daß in allen Gemeinden, in welchen sich Anhänger verschiedener religiöser Richtungen befinden, auf Antrag der Anhänger einer Richtung, die Einrichtung von Kultuskommissionen zu erfolgen hat, wie solche nach § 126 des Entwurfs für die Gemeinde Frankfurt ä. M. vorgesehen sind." Oesterreich-Nnssrn. □ Wien, 10. Mai. Der Bundestag der jüdischen Gemeinden Oesterreichs hat am 4. und 5. dieses Monats stattgefunden und, wie ich gleich hinzufügen will, einen' guten Verlauf genommen, obwohl die Galizier starke Opposition zu machen versuchten. In ihrem Aufträge erhob der Abgeordnete Dr. Gabel gegen die Zusammensetzung des Bundestages von vornherein Einspruch, der aber nicht berücksichtigt wurde. .Nachdem der Präsident Dr. Alfred Stern, der die Versammlung vorzüglich leitete, ein Huldigungstelegramm an den Kaiser vorgeschlagen hatte, begann die Generaldebatte über den vorgelegten .Entwurf zur Schaffung einer autoritativen Gesamtorganisation der Juden Oesterreichs", in der zu-, nächst der Führer der hiesigen Orthodoxen Herr B. Hofbauer den ablehnenden Standpunkt scharf präzisierte. Zur Charakteristik desselben genüge der Schlußsatz: „Wenn nicht alle Beschlüsse dem Schulchan Aruch entsprechen, so ist unsere Mitwirkung ausgeschlossen." Aus der nun folgenden Debatte ist vor allem der Antrag des Abgeordneten Dr. Straucher auf Vermehrung der Mandate und auf Feststellung der Mittel, die den Geist der Zugehörigkeit im jüdischen Volke, das jüdische Wissen und die Wohlfahrt der Gesamtheit heben sollen. Darauf sprach Dr. Güdemann, bis auf einige Ausfälle gegen die Reforni, die sehr unnötig waren, in vorzüglicher und energischer Weise zur Einigkeit mahnend. Im Namen der Orthodoxen protestierte sodann Rabbiner F ürst gegen eine Gesamtorganisation. In ber Nachmittagssitzung sprach Dr. Fialla zunächst über den üblen Eindruck den die Reden in derVormittagssitzunggemacht hatten, und derPräsident machte die Mitteilung, daß er soeben eine Unterredung mit einem Herrn Schreiber aus Galizien gehabt, der einen Protest von 207 Kultusgemeinden vorgelegt und erklärt, daß er den Auftrag habe, diesen Protest dem Ministerium zu überreichen. Er habe jedoch in loyaler Weise vorerst dem Bundestag hiervon Mitteilung machen wollen. In der Spezialdebatte wurde beantragt, Galizien von der 'Gesamtorganisation auszuschließen. Der Antrag wurde aber nicht angenommen. Ebenso die Anträge des böhmischen Rabbinerverbandes. Am 2. Verbandstag wurde die Spezialdebatte weitergeführt, und zwar ohne erhebliche Aend'erungen im Entwürfe. Die meisten Schwierigkeiten machte die Rabbinerfrage; indes wurde diese doch zur.Zufriedenheit erledigt. Der Eindruck der ganzen Verhandlungen war trotz aller Differenzen ein guter. Es wäre dringend zu wünschen, daß sie auch zu einem gedeihlichen .Resultate führen möchten. — Der Major Josef Neumann in Pilsen wurde zum Oberstleutnant befördert. Derselbe ist ein glanbenstreuer Jude. Ferner wurde der Oberstabsarzt Dr. Salomon Kirchenberger zum Generalstabsarzt ernannt. ■ r-ÄM Vvn Kah und jfem. — Der Direktor am Krankenhaus Friedrichshain, der Leiter der chirurgischen Abteilung dieses städtischen Instituts, Dr. Alfred Neumann ist zum Professor ernannt worden. — Das unterm 2. Dezember 1908 ausgeschriebene Stipendium der Natalie Hirsch geb. Wolff-Stiftung im Betrage von 300 Mark hat der Senat (Sektion für Musik) der Gesangschülerin der akademischen Hochschule für Musik Fräulein Lucie Pinower aus Stettin verliehen. — Begünstigt durch die antisemitische Verhetzung,? die sich auf verschiedenen Universitäten und Hochschulen breit macht, werden jetzt auch unter den akademisch gebildeten' Technikern, die das Amt eines Regierungsbausührers bekleiden, antisemitische Tendenzen bemerkbar. So nimmt der Bauführerverein, der den Regierungsbauführern die weiteren Examina erleichtern will, keine jüdischen Kollegen auf. Infolgedessen hat sich ein Verein jüdischer Bauführer gebildet. — Der Monatsbericht . des Vereins für Arbeitsnachweis (E. V.) begr. von den Berliner B'nai Briß-Logen U. O. B. B. erklärt, daß die Nachfrage nach Personal nicht sehr bedeutend ist, was auf eine immer noch unbefriedigende Geschäftslage schließen läßt. Um eine möglichst große Zahl Stellungsuchender berücksichtigen zu können, hat der Verein auch im vorigen Monat eine mühevolle Tätigkeit entfaltet. Es sind 210 Personen in feste Stellung gebracht worden; außerdem ist der Verein 68 Bewerbern zur Erlangung vorübergehender Stellungen behilflich gewesen. — In gemeinschaftlicher Sitzung des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung wurde Rabbiner Dr. Dünner in Rogasen zum Rabbiner der Gemeinde Wongrowitz gewählt. — In Krotoschin starb am 1. d. M. plötzlich am Herzschlage der Ziegeleibesitzer Gustav Auerbach im Alter von 50 Jahren. Die Gemeinde betrauert in dem Dahingeschiedenen einen Mann,, der als Vorstandsmitglied seine. Kenntnisse und seine reichen Erfahrungen in den Dienst derselben gestellt hat und stets bestrebt war, die Interessen derselben zu fördern. — Herr Eugen.Doctor in Friedland (Bez. Oppeln), der seit einer Reihe von Jahren den Plan einer jüdischen Kolonisation der Cyrenaika verfechtet und auf dessen Anregung hin sie eine kleine Expedition dahin sandte, unternimmt soeben eine Reise nach diesem Lande via Alexandria und wird uns hierüber berichten. — In Brandenburg a. H. ist Frau Amtsgerichtsrat Jenny Kempner gestorben. Dieselbe war jahrelang Ehrendame des israelitischen Waisenhauses in Rhbnik und Vorsitzende des israelitischen Frauenvereins in Königshütte i. O. — In Hirschberg i. Schl, ist am 6. d. M. der Kaufmann Josef Bender gestorben. Derselbe gehörte viele Jahre dem Kollegium der Repräsentanten und des Vorstandes seiner Gemeinde an. — In Breslau ist Justizrat Heilberg zum Mitgliede der Kommission für die erste juristische Prüfung ernannt worden. — Der westfälisch e Gemeindetag wird am 18. d. M. in Verbindung mit der feierlichen Einweihung des von dem Verbände ins Leben gerufenen Israelitischen Kinderheims für Westfalen und angrenzende Bezirke (E. V.) in Bad- Sassen darf abgehalten werden. — Wie die „N. I. K." erfährt, wird der IX. Zionistenkongreß, der in diesem Jahre abgehalten werden soll, im Dezember stattfinden. Ort und genaue Zeitbestimmung werden erst später bekanntgegeben werden. — In Fürth hat die israelitische Waisenanstalt für über 200000 Mark von der Stadtgemeinde den Platz des Gaswerkareals erworben und wird dort ein neues Waisenhaus errichten. — Bezirksrabbiner Dr. Jaraczewsky in Mühringen feierte am 29. v. M. seinen 80. Geburtstag. Er erfreut sich außerordentlicher Rüstigkeit und geistiger Frische und Regsamkeit. Mitte August werden Ls 25 Jahre, daß Dr. Jaraczewsky auf seinen jetzigen Posten berufen worden ist. — Der mit dem Titel und Rang eines außerordentlichen Professors bekleidete Privatdozent an der Universität München Dr. Karl Neumeyer wurde zum außerordentlichen Professor in derjuristischen Fakultät der Universität München ernairnt und ihm internationales Privat-, Straf- und Verwaltungsrecht, Vergleichung der modernen Rechte, Allgemeine Rechtslehre und Deutsches Kolonialrecht mit Eingeborenenrecht als Lehraufgabe übertragen. Dr. Neumeyer ist Jude. — Gegen das Urteil des Kriegsgerichts der 29. Division in Mülhausen, durch das der Rittmeister Graf v. Gersdorf wegen Beleidigung des Einjährigen Bloch zu zwei Tagen Stubenarrest verurteilt wurde, hat sowohl der Anklagevertreter wie der Verurteilte.Berufung eingelegt, so daß in einigen Wochen eine erneute Verhandlung vor dem Oberkriegsgericht zu erwarten ist. — Dem bisherigen Sekretär der israelitischen Kultusgemeinde Straßburg, Herrn L. Heller, wurde der Kronenorden IV. Klasse verliehen. — Vor einigen Wochen ist der erste Jude, Herr Siegmund Wolf aus Gailingen in Baden, als Stadtbürger in Schafs- Hausen ausgenommen worden. — In London ist am 2. d. M. der greise Rev. Prof. Dr. W. Marks im 98. Lebensjahre, gestorben. Er war der Prediger der dortigen Reformgemeinde (West London Synagogue of the British Jews) seit 1840 und hat eine wahrhaft segensreiche Tätigkeit entfaltet. Alle Richtungen und Parteien beklagen