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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 5 (sequence 17)
Language
German
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wohl duch, als in dieser Woche der Statthalter Herrn Tr. Lueger in sein Amt einführte und von dessen Verdienste um die Stadt Wien so begeistert sprach, Rehen diese Szene mutz die gestellt werden, in der derselbe Statthalter demselben Dr. Lueger die Nichtbestätigung als Bürgermeister im Namen des Kaisers zweimal verkündete. Ja, die Zeiten ändern sich -- und heute sind die Christlich-Sozialen obenauf in Oesterreich, obwohl ihnen von falschen Propheten so oft schon ihr Ende verkündet wurde. — Hier ist der bekannte Advokat Dr. Elb ogen gestorben. Mit ihm ist einer der bekanntesten Wiener Rechtsanwälte dahingegangen, der sich auch als Dramatiker einen Namen gemacht hatte. Aus feiner rechtsanwaltlichen Praxis ist seine Einsetzung für Leopold Hülsner besonders hervorzuheben. — Am letzten Sonntag fand in Lemberg eine Sitzung des Gründungskomitees der jüdischen Volksbank („Kredit-Union" genannt) statt. Dr. Braude und Reichsratsabgeordneter Br. Gabel referierten über den Stand der Vorbereitungsarbeiten und konstatierten, daß die Subskriptionssummen den für ein derartiges Institut beträchtlichen Betrag von 140 000 Kronen erreicht hätten. Mehrere Wiener und Prager Bankgeschäfte haben sich bereit erklärt, der »Kredit-Union" einen hohen Kredit zu gewähren, so daß von ihr eine erfolgreiche Tätigkeit zu erwarten ist. Die „-Kredit- Union" ist zwar auf rein banktechnischer, geschäftlicher Grundlage errichte^ sie wird jedoch hauptsächlich dem Wohle und der ökonomischen Förderung 'der galizischen Judenheit dienen. Die neue Bank wird am 1. Juli 1909 ihre Tätigkeit beginnen. Palästina. — Jerusalem, im April. Das Lehrerseminär des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem entließ jetzt zum drittenmal seit seinem Bestehen Absolventen— neun an der Zahl. Sämtliche'neun Examinanden haben die Lehrerprüfung bestanden. Bis auf einen jungen Mann, der direkt aus Rußland kam, sind sie in Palästina heimisch, fünf in Städten, drei in den Kolonien.' Fünf sind Zöglinge der Lämelschule in Jerusalem, die übrigen haben eine Kolonieschule oder eine Jeschiwah durchgemacht und alsdann zu der erforderlichen Vorbereitung für das Seminar die Präparandenklasse desselben besucht. Von den Thematen für die schriftliche Prüfung seien genannt: Hebräischer Aufsatz: Inwiefern trägt die persönliche Anschauung von Land und Leuten in Palästina zum tieferen Verständnis der.Bibel und der jüdischen Geschichte bei. Jüdische Geschichte: Maimonides und sein Zeitalter. Exegese: Psalmen Kap. 42 und 43. Pädagogik: Das Interesse als Mittel und Zweck des Unterrichts. Deutscher Aufsatz: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen. Weltgeschichte: Ludwig XIV. und sein Zeitalter. Geographie: Das Nilgebiet, ein Landschafts- und Kulturbild. Mathematische Geographie: Inwiefern ist die Richtung der Passatwinde ein Beweis für die Rotation der Erde um ihre eigene Achse von Westen nach Osten. Physik: Es soll eine kurze Darlegung der mechanischen Wärmetheorie mit einer Erklärung des Wesens des Lichtes und der Wärme gegeben werden. Chemie: Die Flamme. Naturkunde: Das Nervensystem. Der Stamm und seine Ernährung. Die Abiturientenprüfung fand am 15. März durch das mündliche Examen ihren Abschluß. Die Absolventen finden unter anderem an der Lämelschule, an Kolonieschulen, , die der Hilfsverein subventioniert, und an Schulen des Hilssvereins Anstellung. ' . . Mn Mh und jfrm. — Jakob H. Schiff, der bekannte amerikanische Philanthrop, ist auf einer Europareise in Berlin eingetroffen und beabsichtigt, mit hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten in Deutschland, Frankreich und England, mit denen er zu gleichem Wirken schon seit Jahren in Verbindung steht, zu konferieren. — Bei dem Wettbewerb um das Stipendium der ersten Michael Beerschen Stiftung im Betrage von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien haben die berufenen Preisrichter den Preis dem Bildhauer Hans Arnheim (geboren 1881 zu Berlin), Studierenden/der akademischen Hochschule für die -bildenden Künste, zuerkannt. — Der Verbandstag der deutschen Judender das letzte Mal vor zwei Jahren in Frankfurt a. M. getagt hat, wird-in diesem, Jahre am 17. Oktober in Breslau abgehalten werden. — Der Verfasser des Schauspiels: »Der Brief des Uria". der sein in der Neuen Freien Volksbühne zur Erstaufführung gelangtes Werk mit dem Pseudonym E. Bernhard deckt, ist der Rabbiner Dr. Emil Cohn in Kiel. — Der verstorbene Fürst Karl Günther von Schwarzburg-Sondershausen hat sich durch seine tolerante und vorurteilsfreie Gesinnung den Anspruch auf die Dankbarkeit der Juden seines Landes erworben. In einer Zeit des wildesten Rassenhasses hat er von den Grenzen seines Fürstentums den Antisemitismus abgehalten. Während in dem Preußen Friedrichs des Großen die Juden von öffentlichen Lehrämtern ferngehalten wurden, hat der Fürst in seinem Lande dem Rabbiner Heidenheim in seiner Residenz die Stelle eines Oberlehrers am Gymnasium in Sondershausen verliehen und ihn zum Professor ernannt. — In Frankfurt a. M. ist der Bankier Hermann Kahn gestorben; er war von frühester Jugend an ein eifriger Verfechter demokratischer Grundsätze. Mit ihm ist ein alter „Achtundvierziger" aus dem Leben geschieden, der an der Freiheitsbewegung des Revolutionsjahres in Baden tätigen Anteil genommen hat. Auch auf dem Gebiet des Wohltätigkeitswesens hat er sich stets als guter Bürger bewährt. — Frau Lina Wallerstein in Dresden feierte am 1. April im Kreise ihrer Zöglinge das 25 jährige Bestehen des von ihr im Jahre 1884 gegründeten Töchterpensionats nebst Lehranstalt. Zahlreiche frühere und jetzige Zöglinge nahmen an der Feier teil und haben als. Ehrung für die Jnstitutsvorsteherin eine Stiftung gemacht, aus deren Spenden alljährlich die Ausbildung eines bedürftigen Mädchens bestritten werden soll. — In.-Groß-Gerau haben ein 16 jähriger Tagelöhner und dessen Bruder auf dem israelitischen Friedhof etwa 40 Grabdenkmäler umgeworfen und zum Teil beschädigt. Die Täter sind zur Anzeige gebracht. — In Triest wurde dem Rabbiner Dr. U. Brett Holz vom Minister für Kultus und Unterricht der Titel Professor verliehen. — Nach einer Mitteilung des Deutschen Bureaus der Alliance Isravlite Universelle hat die in Paris wohnhafte Witwe des Militärarztes Felix, die vor wenigen Wochen heimgegangen ist, der Leole Normale Orientale, das ist der Alliance Isra61ite Universelle, Viermalhunderttausend Franken vermacht. — In Turin ließ sich eine angesehene jüdische Familie die Peßach-Hagada durch den Phonographen hersagen. — In der jüngsten Generalversammlung der Jassyer Handelskammer konstatierte deren Präsident, daß die Kammer nicht in der Lage ist, ihre Aufgabe zu lösen, weil Juden nicht Mitglieder der Kammer sein dürfen und fordert die Schaffung eines Gesetzes, durch welches die „Fremden" wenigstens als außerordentliche oder korrespondierende Mitglieder ausgenommen werden können. — Die jüdische Gemeinde in Minsk hat nach dem großen Erdbebenunglück in Süditalien einen Unterstühungsbeitrag von 1000 Lire bewilligt und die Summe an die Königin von Italien abgeschickt. Dieser Tage erhielt nun die Minsker jüdische Gemeinde vom italienischen Ministerpräsidenten ein Schreiben, in welchem in sehr schmeichelhaften Worten der Dank der Königin von Italien für die Spende bekanntgegeben wird. — In Mohilew find 26 Bauern, die wegen Beteiligung an einem Pogrom verurteilt waren, vom Zaren begnadigt worden. — Der offizielle Beschluß des Rates der Jto lautet: „Daß nach der Meinung des Rates gegenwärtig keine weitere Aktion mit Bezug auf die Chrenaica unternommen werden soll, da die Aussichten für Kolonisation in diesem Lande gemäß den Grundsätzen und dem Zwecke der Jto nicht hinreichend günstig erscheinen, um die in dem Berichte angeregten kostspieligen Experimente zu rechtfertigen. — Da die Frage angeregt wurde, auf welche Art und Weise der Uebergang der Juden zur mohammedanischen Religion zu vollziehen sei, erklärte das Ministerium des Innern, daß. in betreff des Glaubenswechsels, das jetzt wirkende Gesetz gilt, kraft welchem in jedem einzelnen Falle die Entscheidung des betreffenden Gouverneurs einzuholen sei. — Aus dem Flecken Neu-Prag (Chersöner Gouvernement) wies die Administration 40 jüdische Familien aus; viele davon lebten dort viele "Jahrzehnte; alle Bitten und Ver- , Wendungen der Ausgewiesenen beim Gouverneur und dem Minister wurden nicht befriedigt. Man-ließ bloß zwei Familien zurück, die dort unbewegliches Gut besitzen.

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