Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Reservefonds, der für Angehörige, früherer aktiverMitglieder zu wirken' ^bestimmt ist, konnte des öfteren zur Linderung in Notlagen beitragend Die Summe der diesmaligen Jahresunterstützungen beträgt M. 2^5/ 'in 146^4 Teilen zu M. 188. Mit Hinzurechnung der aus beider? , Reservefonds bewilligten /außergewöhnlichen Unterstützungen im, Betrage von M. 1648.75 ergibt sich für das Jahr 1908 eine Gesamtausgabe von M. 29143.75 gegen M. 26810 im Vorjahre.- Das Vereinsvermögen beträgt nach Abzug der zur Verteilung gelangenden Summe M. 310754.88 gegen M. 305 021:54 im verflossenen Jahre. Seit Ende 1907 sind 10 aktive Mitglieder gestorben. Gesterrejch-Mnüarn. □ Wien, 11. April. Der Beschluß des antisemitischen und christlichsozialen Stadtrates, daß Vizebürgermeister Hierhammer am .Grabe 'des einstigen Juden Sonnenthal im Namen der Stadt Wien spreche, erregte hier großes Aufsehen, das sich noch steigerte, /als Hierhammer in seiner Rede Sonnenthal als deutschen Künstler feierte. In' der Tat bespricht das führende Organ der Christlichsozialen, die „Reichspost", die Begebenheit mit großer Genugtuung, ..dagegen will das „Deutsche Voltsblatt" Sonnenthal als deutschen Künstler. nicht gelten lassen, wenn eS auch feineschauspielerische Größe anerkennt. Der Artikel des „Volksblatt" ist ein schlecht, verhüllter Protest gegen die. Rede des Vizebürgermeisters. Diese Vorgänge sind kennzeichnend für die Beurteilung der innerpolitischen. Lage. Die Christlich-Sozialen, im Aufstieg zur Macht befindlich, brechen mit dem starren antisemitischen Prinzip in der einstigen - Hochburg der antisemitischen Bewegung, dem Wiener Gemeinderate. Noch anläßlich des siebzigsten Geburtstages Sonnenthals hat der Wiener Gem?iuderat. den. von liberaler Seite gestellten, Antrag, Sonnenthal das Wiener Bürgerrecht zu verleihen, abgelehnt. — Sicher wird Ihren Lesern die ausgezeichnete Rede interessieren, die Dr.Güdemann am Grabe Sonnenthals gehalten hat. Sie lautete wörtlich: „Aus einer Welt, die ihm nur lauten, rauschenden Beifall zollte, zieht er nunmehr in diese, stille und schweigsame Welt ein. Er, von dessen Zunge, wie der griechische Dichter von Nestor sagt, süßer als Honig die Rede floß, er ist nun auch stille geworden, er selbst ein / Nestor seiner Kunst, der er zur größten Zierde gereichte. Wenn heute der. zahlreichen Rollen, gedacht, wird, in denen er glänzte, so wird man es begreiflich finden, daß ich von dieser Stelle nur einer Rolle gedenke, in der er zwar nicht glänzte, noch glänzen wollte, die er aber mit der größten Würde - ausfüllte.. .Das ist die Rolle des Juden. Es ist gewiß nicht seltene die Versuchung an ihn herangetreten, diese Rolle mit einer andern zu vertauschen — aber so sehr er sich auf die Kunst verstand, ein anderer zu sein oder zu scheinen, am besten verstand er doch und übte er die schwere Kunst, er selbst zu sein und sich selbst treu zu bleiben. Man wird es auch begreiflich finden, daß ich aus dieser tiefgründigen Ueberzeugungstreue die edlen Charaktereigenschaften ableite, die ihn auszeichneten, seine unwandelbare Gattentreue, seine unbegrenzte Vaterliebe, seinen regen Wohltätigkeitssinn und die musterhafte Reinheit seiner Lebensführung. Wenn ich sagte, daß er nunmehr in die Welt des Schweigens einzieht, so muß ich doch hinzufügen, daß dieses Schweigen beredsam ist; und wenn ich die Stimmen richtig deute, die ihm, der nun sin zweifachem Sinne von der Bühne abtritt, aus dieser anderen Welt entgegentönen, so kann ich sie indem Gruß zusammenfassen: „Sei willkommen, Gesegneter Gottes!" . Ein Gesegneter Gottes, geliebt, verehrt, bewundert und gefeiert von Tausenden und Abertausenden ist er gewesen.. Auch sein Andenken wird gesegnet bleiben!" Der ungarische Unterrichtsminister Graf Apponyi erteilte der israelitischen Gemeinde Budapest endlich die Bewilligung zur Errichtung .eines israelitischen Obergymnasiums, für welches seit Jahren Stiftungen in Höhe von etwa zwei Millionen Kronen vorhanden sind. — Die antisemitischen Blätter sowohl in. Oesterreich als auch - in . Ungarn hören nicht auf, mit lügenhaften Ausstreuungen gegen die jüdischen Soldaten zu. hetzen und die Meldung ins Publikum hinein- - zuschleudern, daß die Juden eine feige Rasse seien,, daß sie alles auf? wendeten, um dem Kriege zu entkommen, und daß die jüdischen Reserveoffiziere in Massen um ihre Entlassung aus dem Heere änsuchten. Die Redaktion des ungarischen Blattes „Budapest» Naplo" fragte darum beim Reichskriegsministerium in Wien direkt an, wie viel solcher „niedriger, feiger jüdischer Hunde" es eigentlich gegeben habe? Das Reichsministerium erteilte darauf die folgende kategorische Antwort: „Uns ist kein einziger solcher Fall bekannt". : und Wru. // / /^^ ----- Der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Carl Liebermann hat das Offizierkreuz der Ehrenlegion erhalten. — Am 12. d. M. ist hier der.Amtsgerichtsrat a. D. Hugo Buka nach kurzem schweren Leiden gestorben. Derselbe amtierte in Graudenz viele Jahre und ' ist erst vor kurzem nach Berlin übergesiedelt. — In Frankfurt a.O wurde Rabbiner Martin Salomonski von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zum Rabbiner gewählt. — Am 15. d. M. verschied in Breslau der Oberlehrer am Johannes-Gymnasium Herr Professor Dr. Benno Wilhelm Badt. Der Verblichene war ein tüchtiger Pädagoge, bewandert auf dem. Gebiete des jüdischen Schrifttums und ein eifriger Förderer aller jüdischen Bestrebungen. Ehre seinem Andenken! — Der in Nr. 15 erwähnte Professor Dr. R. Stern in Breslau, der nach Greifswald an Stelle des verstorbenen Minkowski berufen wurde* ist nicht mehrJude. — Der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha hat demHofrat Max Bachur Direktor der Stadttheater von Hamburg und Altona und des Hamburger Thalia-Theaters, den Titel Geheimer Hofrat verliehen.— Die Israeliten in Neumarkt i. Oberpf. beabsichtigen die durch die Verlegung der Chevauleger-Eskadron nach Bayreuth frei gewordene Kaserne zu Kultuszwecken käuflich zu erwerben. — Der Neubau einer Synagoge in Regensburg wird demnächst in Angriff genommen. Er wird an der Stelle des ehemaligen Amtsgericht, dicht neben dem Reichsbankgebäude zu stehen kommen. — Ein jüngst herausgegebener Erlaß des israelitischen Oberkirchenrats stellt den württembergischen Rabbinern frei, von jetzt ab in der Halle des Krematoriums bei Leichenfeiern ihres Amtes zu walten. —z Seit einiger Zeit werden älle Städtchen und Dörfer des Bezirkes Krakau von einer Flut auf hektographischem Wege Hergesteüter Flugblätter überschwemmt, die die Bevölkerung gegen die Juden aufhetzen. Die Flugblätter sind von einem „Christlich-sozialen Komitee" unterzeichnet und von hier aus, Krakau, verschickt worden. Die davon verständigte Polizei und Gendarmerie haben eifrige Recherchen nach diesem ^christlich-sozialen Agent provocateur-ßomitee" eingeleitet, leider sind die Bemühungen der Behörden bisher erfolglos geblieben. — Der bekannte. volkswirtschaftliche Redakteur des „Pester Lloyd". Anton Deutsch in Budapest, hat sich nach vierzigjähriger journalistischer Tätigkeit zur Ruhe gesetzt. Aus diesem Anlasse wurde ihm vom Kaiser der ungarische Adel verliehen. — In der letzten Sitzung des obersten Rates der Assistanee publique (der . öffentlichen Hilfe) wurde der Senator Paul Strauß, Mitglied der medizinischen Akademie, zum Präsidenten gewählt. — Aus Odessa telegraphiert man dem „Rjetsch", daß die Verbandsleute wiederum begannen, in der Vorstadt Moldawanka die Juden in der Nacht zu überfallen und zu verwunden- In den letzten drei Tragen geschah dies jede Nacht. Niemand von den Banditen wurde verhaftet. Nur in einem einzigen Falle hat man die Ueberzeugung, daß die Angreifenden sich im Hause des Verbandes des russischen Volkes versteckten. Ein Jude wurde in die Seite gestochen, ein zweiter in die Brust mit Verletzung der Lunge. Beide Verwundete wurden ins Krankenhaus gebracht. Ihr Zustand ist ein sehr ernster. — Im Kiew er Gerichtshöfe wurde der Prozeß eines gewissen Mitkewitsch verhandelt, der beschuldigt war, Blätter verfaßt, zu haben, die den Inhalt bilden, einen Teil der Bevölkerung gegen den andern aufzühetzen. Dieselben sind im Geiste der Schwarzmänner abgefaßt. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu zwei Wochen Arrest in einer Festung; gleichzeitig beschloß das Gericht, sich beim Kaiser zu verwenden, die Festungshast in einen Verweis zu verwandeln. — In Elisawetgrad ist der Bau einer neuerrichteten Synagoge eingestürzt. Diese Nachricht würde dem Gouverneur telegraphisch mitgeteilt. Es wurde eine Kommission ernannt, eine Untersuchung eingeleitet und der Baumeister zur Verantwortung gezogen. —