Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228869--65488-3277615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
konstituierter Verein auf seine Fahne geschrieben: Entwicklung der' ungarischen israelitischen Kultur auf patriotischer Grundlage. In der Verwirklichung unseres Losungswortes, erblicke ich die Beseitigung der in der ungarischen Gesellschaft leider noch immer vorhandenen Scheidewände, die Bekämpfung des zum Teil offenen, aber itber=v wiegend "latenten Partiknlarisrnus der Raffen. Seien wir in erster Reihe Ungarn, bestreben wir uns. in der Schule, in der Familie, im öffentlichen Leben die patriotische Kultur zu verallgemeinern. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß unser Verein schon in nahet Zukunft das erreichen wird, was unser aller heiß ersehntes Ziel iff: eine gebildete, einheitliche, daher starke ungarische Gesellschaft! Für diesen Zweck erbitte ich mir Ihre wohlwollende Unterstützung." Diese Rede des Präsidenten wurde mit stürmischem Beifalle ausgenommen. Rach der Wahl eines aus 50 Mitgliedern bestehenden Direktionsrates und des Ausschusses wurde die Versammlung geschloffen. — Man weiß, daß man in der österreichischen Armee bis in die letzte Zeit den jüdischen Militärärzten den Dienst verekelte und ihr Vor-'' würtskommen verhinderte. Die Schuld lag an dem antisemitischen Generalarzt, der erst vor einigen Wochen unschädlich gemacht wurde.? Die bösen Folgen der antisemitischen Praxis in der Behandlung der Militärärzte blieben angesichts der letzten Mobilisierung nicht aus. Es fehlte der Armee an dem erforderlichen ärztlichen Personals Als der Krieg mit Serbien in der Nähe gerückt schien, mußte die Heeresverwaltung raschestens die Lücke auszufüllen suchen. Eine große Anzahl von Aerzten, die der Reserve der Armee angehören,, wurde aufgefordert, sich bereit zu halten, wobei man natürlich an de,n Prinzip der Gleichberechtigung aller Konfessionen beziehungs? weise der? gleichen Verpflichtung festhielt. Wie kommt es aber, daß der jüdische Arzt, der in Friedenszeiten als nicht geeignet bezeichnet wurde zu avancieren, im Ernstfälle plötzlich ein willkommener Helferwird? Der Antisemitismus imHeere ist eben ein trauriges Privatvergnügen' einzelner, das sofort aufgegeben werden muß, wenn die Armee in den Kampf ziehen soll. Die antisemitischen Phrasen sind nur ödes Ge-, schwätz. Für sie ist kein Platz, wenn die Zeit für ernstes Handeln naht? Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien hat die.Widmung des Bildnisses ihres im Jahre 1907 im Alter von 91 Jahren iG Berlin verstorbenen korrespondierenden Mitgliedes, des Orientalisten und Bibliographen Professor Dr. Moritz Steinschneider, geboren' zu Proßnitz in Mähren, von seiner Familie mit einem für diese' schmeichelhaften Schreiben angenommen. — Am 6. d. M. hat sich der. 46 jährige Baurat Oscar Marmorek wegen unheilbaren Leidens auf dem Grabe seines Vaters erschossen. Marmorek war eine iE Wien 'und auch im Auslande vielfach bekannte Persönlichkeit. Erk beteiligte sich stark an der zionistischen Bewegung und war Mitglied des,Kultusvorstandes. Ein Bruder von ihm ist der Serumforscher Alexander Marmorek in Paris, der sich durch seine Arbeiten im Pasteurinstitut. einen Namen gemacht hat. — Der Vorstand der Kultusgemeinde zu Czernowitz hat zur Begründung einer jüdischen: Gemeindebibliothek die Summe von 10 000 Kronen bewilligt. Gönner und Mäzene werden gebeten, diesem neuen Institut Bücher und Zeitschriften, die in das Gebiet einschlagen, zuzuwenden. Von Sah und Fern. — Am 7. d. M. feierte der Prediger der Reformgemeinde, Herr Dr. W. Klemperer, seinen 70. Geburtstag fern von Berlin. Die Gemeinde hat Herrn Dr. Klemperer, der seit 18 Jahren im Amte ist, eine Adresse nach Meran, wo er gegenwärtig sich befindet, geschickt. — Herr Dr. Heinrich Loewe ist zum Bibliothekar an der Universitälsbibliothek befördert worden. — Am 2. d. M. ist der?Geheime Sanitätsrat Dr. Israel Cohn im 74. Lebensjahre hier gestorben., -Am 12. d. M. verschied nach langem schweren Leiden der wegen seiner gemeinnützigen Wirksamkeit weithin bekannte Königliche Hofjuwelier' Herr Michael F i e g e l im eben vollendeten 70. Lebensjahre.^-^- — Der Fabrikbesitzer Max Grünebaum in Kottbus ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Am 29., 30. und 31. v. M. fand in der staatlich anerkannten Krankenpflegeschule des Israelitischen Krankenhauses zu Breslau unter dem Vorsitz des Herrn Regierungs¬ und Geheimen Medizinalrats Dr. Telke die Reifeprüfung statt. Die vier Schwestern bestanden sämtlich die Prüfung als staatlich anerkannte Krankenpflegerinnen. — Am 1. d. M. beging der Prediger! Wnlfgang in Bernstadt, in Schlesien/ seist 25 jähriges .Amtsjubiläum. — Professor Dr. B. Pick in Gotha, der Inhaber der einzigen Professur für Numismatik an der Universität Jena, hat einen Ruf als Direktor der Königlichen Münzkabinetts in Dresden abgelehnt. — Der Kaufmann Karl Herzfeld in Düsseldorf hat den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Der Privatdozent Dr. A. Nathanson -in Leipzig ist zum außerordentlichen Professor der Botanik an der dortigen Universität befördert worden. — Bei den letzten italienischen.Wahlen wurden 14 jüdische Abgeordnete gewähltder frühere Schatzminister Luzzatti sogar zweimal. — Der Oberadvokat am Kassationshofe in Rom, Lodovico Mortara, wurde zum.Oberstaatsanwalt am Kassationshofe in Palermo, dessen Bruder Aristo Mortara, Präsident des Zivilgerichts in Maila n d' zum Senatspräsidenten am Appellgericht daselbst ernannt. Beide sind Söhne des seligen Rabbiners Mortara in Mantua. — Professor M. Milhaud, Professor der Philosophie an der Universität in Montpellier, ist zum Professor der Geschichte der Philosophie an der Universität in Paris ernannt worden. — Als am 1. d. M. der Intendant des jüdischen Krankenhauses in Warschau Louis Baumritter 5000 Rubel Spitalgelder zur Auszahlung brachte, wurde er von vier Terroristen überfallen Die Strolche verwundeten Banmritter durch Revolverschüsse und raubten das Geld. Zwei der Verbrecher entkamen, einer wurde durch die ihm nachjagenden Schutzleute verwundet und verhaftet. Der vierte ergab sich, nachdem er alle Patronen verschossen hatte. — Wie eine Depesche aus Petersburg meldet, nimmt der Minister der Volksaufklärung Schwarz seinen Abschied, da dieser Posten für ihn ungemein beschwerlich ist. Wir wissen nicht, ob diese Nachricht wahr ist, aber sein Weggang wird in Rußland von der intelligenten Klasse nicht sehr bedauert werden, weil es einer der größten Reaktionäre ist. —- Das offizielle Äuskunftsbureau widerlegt Menschikows Beschuldigung hinsichtlich der Parteilichkeit der Intendantur für die Juden und die Polen, und wirft Menschikow vor. daß er Mißtrauen unter den Truppen und in der Gesellschaft verbreite; er arbeite also nicht zum Nutzen der Armee und des Staates? Soviel uns bekannt ist, werden die Juden zu den meisten Lieferungen der Armee nicht zugelassen. — Der bekannte jüdische Maler I. Minkowsky wurde aus Petersburg kurzerhand ausgewiesen. Der Künstler war dahin gekommen, um sein Bild „Nach dem Pogrom", das in der kaiserlichen Akademie ausgestellt war, abzuholen. Das Bild hat großes Aufsehen erregt. Nach einer anderen Meldung soll Minkowsky wegen dieses Bildes nach Petersburg berufen und dort verhaftet worden sein. — Der Senat änderte das Urteil übereinen Pogrom infolge der Kassationsklage der Zivilkläger ab; angeklagt waren in diesem Prozesse 20 Personen, von denen 8 freigesprochen wurden. Ter Prozeß in bezug der-Freigesprochenen wurde zur weiteren Durchsicht übergeben. — Der Odessaer Stadthauptmann teilte dem Odessaer Rabbinatsverweser mit, daß er der Hauptsynagoge zur Deckung des Defizits und zur Zahlung der Gehälter eine Anleihe von 8000 Rubel in jeiner Bank aufzunehmen gestatte. Seit dem Bestände dieser Synagoge ist es das erstemal, daß so etwas geschieht. — In Odessa ist der wirkliche Staatsrat Dr, A. W. Berten son Exzellenz im 86. Lebensjahre gestorben. Er war einer der angesehensten Aerzte daselbst; die Bäder in der Nähe der Stadt verdanken ihm allein ihre Blüte. Durch den Wladimirorden 4. Klasse hatte er den Adel erhalten. Bertenson war auch ein guter Jude, der warmes Interesse für seine Glaubensgenossen an den Tag legte. Ehre seinem Andenken! — Zum Kronrabbiner in Kischinew wurde ein gewisser Priluksky gewählt; zu seinem Gehilfen Rabbiner Zirelsohn. Ein Apotheker. MorosenSky und die anderen Kandidaten verzichteten auf die Wahl. Wie man sieht, kann in Rußland jeder, wer nur Lust dazu hat, Rabbiner werden! Selbst in einer so großen Gemeinde, wie in der Kischinewer — der Hauptstadt Beffarabiens —, treten Apotheker usw. als Kandidaten für den Rabbinerposten auf. — In den kaukasischen Bädern dürfen in diesem Sommer keine Juden wohnen, nicht einmal jüdische Musiker in den Kurorchestern. — In sAluschta (Krim) gründete die jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft ein Sanatorium für unbemittelte schwindsüchtige Juden; zum Oberarzt desselben wurde Dr. Steingolz ans Elisabethgrad berufen. — Oscar S. Straus hat den Botschafterposten in Japan abgelehnt; er will in New York bleiben und sich nur der Erziehung seiner Kinder widmen.